Letzte Worte
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Zur Weihnachtszeit zwei themenverwandte Werke - besinnliche Erinnerung an längst vergangene Zeiten:
1.) ´Todesstrafen - Ihre Wirklichkeit in drei Jahrtausenden´, von Kurt Rossa
Aus dem Vorwort der Erstausgabe (1966):
Wer von der Todesstrafe spricht - er sei dafür oder dagegen -, sollte wissen, wovon er redet.
"Köpfen oder Aufhängen!" rief der Abgeordnete Piechl vor dem Bayrischen Landtag aus. Die Gesundheit dieser pausbäckigen Alternative weist ihn als mangelhaft unterrichtet aus. Er kann nicht gewußt haben, was das ist, das Köpfen und das Aufhängen.
Und wissen das die weniger Gesunden? Die Nachdenklichen, die vor dem Goldgrund von Willensfreiheit, Schuld und Sühne, Menschenwürde und Gerechtigkeitsidee das Für und Wider leidenschaftlich, doch hygienisch diskutieren? - Erst da, wo die Hygiene aufhört, beginnt die Wirklichkeit.
Diese Buch ist das Ergebnis eines Informationsversuchs. Man wappne sich. Der Schauplatz der Todesstrafen ist besudelt. Manches muß Abscheu und Entsetzen erregen.
Wer vieles von uns Christen wissen will, lese die Bergpredigt; wer mehr von uns wissen will, eine Geschichte der Todesstrafen...
2.) ´Der Scharfrichter´ - Das Tagebuch des Charles Henri Sanson aus der Zeit des Schreckens 1793/94 .
Die Aufzeichnungen des ehemaligen Henkers von Paris: Sanson und seine Mannen waren während der blutigen Revolutionsjahre tagtäglich im Einsatz, führten tausende und abertausende von Verurteilten auf die Guillotine: Arme und Reiche - vom Bürgertum bis zum Hochadel, Politiker, Revolutionäre, Verbrecher, Landesverräter, Unschuldige aller Couleur...
Gegen Ende des Tagebuchs wird sehr deutlich, daß der Überdruß und psychische Druck immer mehr zunehmen und Sanson schließlich veranlassen, sein Amt noch vor dem Sturz Robespierres aufzugeben. - Er war somit der letzte Sproß aus dieser traditionsreichen Scharfrichterdynastie.
Ein kleiner Auszug:
5.12.1793:
Heute ist ein weiterer Volksvertreter guillotiniert worden: Kersaint, ein ehemaliger Marineoffizier. Er starb ebenso tapfer, wie er gelebt hatte...Mit ihm wurde Jean Baptiste Guérin hingerichtet, ein Priester, der den Eid verweigert hatte.
25.12.1793
Heute waren es fünf Verurteilte...sie waren sehr niedergeschlagen bis auf Bourg, der den anderen Mut zusprach. Es ist merkwürdig, daß es denen, deren Leben nur aus Mühen und Strapazen besteht, oft schwerer fällt zu sterben als anderen, die soviel zu verlieren haben...
29.12.1793
Diétricht, der ehemalige Bürgermeister von Straßburg, hat heute den Tod erlitten. Als ich ihm die Hände band, sagte er: "Du hast schon viele gute Republikaner guillotiniert, aber keinen, der dem Vaterland treuer ergeben gewesen wäre als ich."
Er zeigte viel Mut, auf dem Schafott rief er: ´Viva la République´ und verlas gemäß seinem letzten Wunsch ein kurzes Gedicht mit dem Titel
´Das Testament der Republik´
Je lègue à Fournier mon génie
La planche aux assignats à tous mes créanciers;
Au bourreau ma philanthropie
Mes exploits aux aventuries;
Aux Francais l'horreur de mes crimes;
Mon régime à tous les brigands;
La France à ses rois légitimes,
Et le remords à mes enfants.
31.12.1793
Wieder ist ein General unserer Armee auf der Guillotine gestorben. Biron, der ehemalige Oberbefehlshaber der Italienarmee: er wurde ob seiner Milde und Nachsicht gegenüber Gefangenen von Carrier denunziert und gestern verurteilt. Heute morgen haben wir ihn in der Conciergerie abgeholt. Er war im Zimmer von Richard und aß mit großem Appetit Austern; als er mich sah, rief er: " Aha!" Dann sagte er: "Sie erlauben mir hoffentlich, daß ich erst noch mein letztes Dutzend Austern esse".
Ich antwortete, ich stünde zu seiner Verfügung; darüber mußte er lachen und fügte hinzu: "Nein, zum Teufel! Bedauerlicherweise stehe ich zu Ihrer Verfügung."
Er aß erstaunlich ruhig zu Ende und machte Scherze darüber, daß er im Jenseits rechtzeitig ankommen würde, um seinen alten Bekannten ein gutes neues Jahr zu wünschen. Diese Kaltblütigkeit bewahrte er sich bis zum Ende.
Die Menge hat ihn weder angegriffen noch beschimpft. Seit der Hinrichtung von Madame Dubarry legten die Bürger weniger Haß gegen die Verurteilten an den Tag...
5. 4. 1794
...wir erkannten die Stimme des Bürgers Danton und alle verstummten, um ihn besser hören zu können: "Steckt euch euer Urteil in den Arsch, ich will es nicht hören; über uns Revolutionäre wird die Nachwelt urteilen, sie wird meinen Namen ins Panthéon setzen und den euren durch den Dreck ziehen...".
Als der Wagen zum Richtplatz sich in Bewegung setzte, rief er: "Die blöden Arschlöcher, sie werden brüllen: ´Viva Le République!´, wenn wir vorbeikommen! In zwei Stunden hat die Republik keinen Kopf mehr..."
"Robespiere", schrie er, "es nütz dir nichts, daß du dich versteckst, du kommst auch an die Reihe, und Dantons Schatten wird in seinem Grab ein Freudengeheul ausstossen, wenn du hier an meiner Stelle stehst..."
Bis zur Guillotine machte Danton so weiter: Seine Stimme wechselte von heftigstem Zorn unvermittelt zu ruhiger Gelassenheit; er war bald brutal, dann wieder spöttisch und wirkte immer so entschlossen, daß einer, der nur ihn angeschaut hätte, den traurigen Karren für einen Triumphwagen hätte halten können.
Als wir in den Platz einbogen, sah er das Schafott; er wurde für einen kurzen Augenblick bleich und murmelte: "Meine geliebte Frau, ich werde dich nicht wiedersehen; mein Kind, ich werde dich also nie zu Gesicht bekommen..", gewann seine Fassung aber gleich darauf zurück, sah mir in die Augen und sprach mit fester Stimme: "Tu deine Arbeit, Bürger Sanson!"
Die Gehilfen ergriffen zuerst seinen Freund Hérauld; Danton trat auf ihn zu und wollte ihn zum Abschied küssen, wurde aber zurück gehalten. Darauf sagte er: "Ihr Idioten! - Wie wollt ihr verhindern, daß sich unsere Köpfe gleich im Korb küssen...?"
Es schien, als trotze er nicht nur der Todesangst, sondern dem Tod selbst. Seine letzten Worte, an mich gerichtet: "Vergiß nur nicht, meinen Kopf dem Volk zu zeigen, solche Köpfe bekommt es nicht alle Tage zu sehen."
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Geändert von Rieslingrübe (22.12.2007 um 13:14 Uhr)
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