Döblins Berlin
Das Duett mal ein wenig anders: Der Roman und seine Verfilmung.
Um den Rahmen etwas einzugrenzen: Die literarische Vorlage und der TV-Mehrteiler.
Aktuell also Tolstojs Krieg und Frieden. In meinen Augen etwas langatmig-melodramatisch inszeniert, aber soweit ganz okay. Irgendwie weckt das Epos bei mir Kindheitserinnerungen an die beliebten ZDF-Adventsvierteiler Anfang/Mitte der Siebziger Jahre, wie zum Beispiel Der Kurier des Zaren nach Jules Verne und die Jack London-Verfilmung Der Seewolf (beide mit Raimund Harmstorf in der Hauptrolle).
Ich möchte diesen Rahmen hier jedoch nutzen, um auf eine andere, ambitioniertere und größere Liaison der Film- und Literaturgeschichte hinzuweisen:
Auf Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz - und seine kongeniale Leinwandadaption durch die Regie-Legende Rainer Werner Fassbinder im Jahre 1979/80.
Zunächst zu Buch und Autor:
Klar ist der Name Döblin vielen ein Begriff. Doch leider wurde dieser im Nachkriegsdeutschland vielerorts bis heute nicht in seiner vollen Größe erkannt. Dabei genießen gerade die Werke seiner mittleren Schaffensperiode u. insbesondere der 1929 erschienene Großstadtroman ´Berlin Alexanderplatz´, den Döblin - im Hauptberuf Armenarzt im Arbeiterviertel, ähnlich wie einstTschechow und Schnitzler - teilweise beim Nachtdienst auf der Unfallstation oder in den Wartestunden zwischen Krankenbesuchen auf den Treppenabsätzen schrieb, eine Ausnahmestellung in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.
Das Buch wird in seiner Bedeutung von einigen renommierten Kritikern nicht von ungefähr gar noch höher eingestuft als die besten Leistungen eines Joseph Roth, Arthur Schnitzler, Hofmannsthal, Werfel, Jahnn, Kafka, Canetti oder Thomas Mann:
Walter Muschg in seinem denkwürdigen Essay 'Die Zerstörung der Deutschen Literatur' :
"...Döblins gauklerische Freude am Bizarren war ebenso ausgesprochen wie sein Hang zum Visionären, weshalb ihn nicht nur die Expressionisten, sondern auch die Surrealisten zu ihren Stammvätern zählen. Da er aber die Kunst überhaupt nicht als autonomen Wert gelten ließ, stand er bald allein.
Das Wort war ihm nur das Mittel, mit dem er das Unfaßbare des Seins, die ungeheuerliche Tatsache des Lebens zu fassen suchte....Er trat als Erzähler von unbändiger Kraft hervor, wie Deutschland seit langem keinen besessen hatte... Trotz der Sturzbäche von Realität ist man weit von der strahlenden Weltlichkeit Homers und Tolstojs oder gar der naiven Vitalität Knut Hamsuns entfernt.
Dies alles ist ein Werk der Entrückung, die Weltschöpfung einer demiurgischen Phantasie; die ausschweifende Häufung der Bilder, der jähe Wechsel der Stimmungen...seine Respektlosigkeit gegenüber aller Tradition war weniger in seiner Herkunft denn in der Art seines Schaffens begründet, im Selbstbewußtsein des Magiers, der Welten erschafft und versinken lässt.
Er kannte seine Fähigkeiten und forderte die Anhänger der Überlieferung heraus, die nur Bekanntes wiederholten...für diese Maßvollen und Kultivierten war er unerträglich. Bei ihm kam auch das Diabolische, Brutale, Häßliche nicht zu kurz - seine ganze Schriftstellerei war eine Kriegserklärung an die salonfähige Literatur...."
Hinter solchen Lobeshymnen muss natürlich jede noch so gelungene Verfilmung zurück stehen. Gleichwohl dürfte die fünfzehneinhalbstündige Fassbinder-Adaption (seinerzeit 14 Folgen) bis in alle Ewigkeit als die definitive Version in die Filmgeschichte eingehen.
Eindringlich und facettenreich wird hier der Überlebenskampf des Exsträflings Franz Bieberkopf in der brodelnden Millionenmetropole Berlin zur Weimarer Zeit geschildert. Hin und her gehetzt zwischen diversen Gelegenheitsjobs, echten und falschen Freunden, Liebschaften, Affären und Schicksalschlägen vor dem Hintergrund des aufziehenden Faschismus.
In der Hauptrolle brilliert Charakterdarsteller Günter Lamprecht, doch auch die Nebenrollen sind mit Barbara Sukowa, Gottfried John, Brigitte Mira, Adrian Hoven, Udo Kier, Rolf Zacher, Barbara Valentin, Günther Kaufmann und vielen anderen glänzend besetzt.
Auf sechs DVD's ist das Epos in der Reihe 'Süddeutsche Zeitung Cinemathek' für schlappe 50 Mücken aktuell beim 2001 Verlag erhältlich. Von der aufwändigen Restaurierung und Übertragung des alten 16mm Originals auf ein neues 35mm Negativ zeigte sich übrigens auch Kameramann Xaver Schwarzenberger bei der Wiederaufführung vor knapp zwei Jahren schwer beeindruckt.
Noch ein Zitat aus der 'New York Times' - anlässlich der US-Premiere des Streifens im Jahre 1983:
"Magnificent! There's never before been anything quite like it."
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Geändert von Rieslingrübe (13.01.2008 um 19:58 Uhr)
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