|
Timo Boll gerät in Erklärungsnotstand
Dieser Artikel erschien heute in der
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2002, Nr. 224 / Seite 31
Der lange Weg zur Mannschafts-Europameisterschaft beginnt mit dem Stolpern gegen Weißrußland
WILHELMSHAVEN. Timo Boll spricht jetzt nach einer Niederlage gleich von Formschwäche, von Konditionsproblemen und davon, daß er erst seit zwei Wochen wieder schmerzfrei trainieren könne. Das tut er, weil von ihm inzwischen für jede Niederlage eine plausible Erklärung verlangt wird. Vor einem Jahr noch sollte er dagegen meist beschreiben, warum er so oft gewinnt. Und wenn er einmal verloren hatte, dann konnte das doch nur eine kurze Verschnaufpause gewesen sein, bevor er weiterstürmte Richtung Gipfel. Seit April ist das anders. Da wurde Boll Tischtennis-Europameister im Einzel, mit 21 Jahren. Er muß jetzt beweisen, daß er es verdient hat, ganz oben zu stehen.
Mit ihm zusammen will das auch die ganze deutsche Nationalmannschaft der Herren, denn mit dem Einzel-Europameister könnte sie sich einen lange gehegten Wunsch erfüllen: die Nummer eins in Europa zu werden und damit die Schweden abzulösen, die seit Jahrzehnten die Besten auf dem Kontinent sind. Die letzten beiden Male haben die deutschen Männer im Finale gegen die Schweden verloren. Im Frühjahr bekommen sie in Courmayeur in Italien eine neue Chance. Bis dahin will die junge deutsche Mannschaft reif sein für den Sieg gegen Schweden, in deren Team die alten Meister Jan-Ove Waldner, Jörgen Persson und Peter Karlsson noch immer die Hauptrolle spielen. Den Weg dorthin haben die deutschen Spieler jedoch nicht gerade glücklich begonnen. Sie verloren am Dienstag in Wilhelmshaven das Auftaktspiel der Europaliga gegen Weißrußland 1:3. Als Gewinner der Europaliga hätten die Deutschen schon einen Teil des Weges zum EM-Titel hinter sich gebracht. Dann wären sie schon für das Viertelfinale der Mannschafts-Europameisterschaft gesetzt.
Die Weißrussen haben zwar Wladimir Samsonow, der derzeit laut Rangliste drittbeste Spieler der Welt. Doch als Mannschaft gehören sie in Europa allenfalls zur erweiterten Spitze. Bei der EM in Zagreb sind sie Sechster geworden. Die Deutschen waren daher sichtbar enttäuscht von ihrer Niederlage, und sie kamen sich auch etwas komisch vor, weil sie jetzt schließlich in einer neuen Rolle sind. "Die Mannschaft ist jetzt in einer völlig anderen Situation als im vergangenen Jahr, und sie muß jetzt gleich mit einem Rückschlag zurechtkommen", sagte Cheftrainer Dirk Schimmelpfennig. Bisher war die Europaliga ein Wettbewerb, in dem sich die jungen Spieler ohne den Druck der großen Meisterschaften versuchen konnten. Das ging auch sehr gut. In den vergangenen Jahren hat die Auswahl des Deutschen Tischtennis-Bundes die Europaliga dreimal hintereinander gewonnen, beim letzten Mal nach den Gruppenspielen sogar ohne Hilfe des Olympiadritten von Atlanta, Jörg Roßkopf. Doch nun sind aus den Testspielen mit Nationalhymne Prestigespiele geworden, weil die Emporkömmlinge in der ersten Reihe stehen. In Wilhelmshaven haben neben Boll der 23 Jahre alte Lars Hielscher und der 25 Jahre alte Thomas Keinath gespielt. Zum Team gehören außerdem Zoltan Fejer-Konnerth (24), der zur Zeit aber eine Grippe hat, und Bastian Steger (21). Unterstützen kann die Mannschaft auch noch Torben Wosik, er ist 28 Jahre alt.
Es ist noch ungewiß, ob Roßkopf mitmachen wird, wenn die deutsche Mannschaft den Titel in Angriff nehmen wird. Ihn plagen immer wieder Verletzungen. Gut möglich, daß es daher die junge Boll-Group alleine versuchen wird. Von ihnen hat allerdings nur Keinath beim Europaligastart ein Spiel gewonnen, gegen den 19 Jahre alten Dimitri Schumakow. Hielscher verlor gegen Samsonow, Boll gegen Samsonow und auch noch gegen den Abwehrspieler Jewgeni Schetinin. "Gegen Samsonow kann man auch verlieren, wenn man in absoluter Topform ist", sagte Boll. Und gegen Schetinin im ersten Einzel? Boll nannte als Gründe für seine Niederlage Formschwäche, Konditionsprobleme und daß er erst seit zwei Wochen wieder schmerzfrei trainieren könne.
Das klang einleuchtend, denn gegen Schetinin hätte Boll schon alle seine Kraft gebraucht. Der Weißrusse, einer der besten Abwehrspieler der Welt und beim Bundesligaklub TTG Munscheid unter Vertrag, gab Bolls Bälle so flach und mit so viel Unterschnitt zurück, daß dem Europameister jeder Topspin schwerfiel. Auch mit 32 Jahren macht Schetinin noch Leistungssprünge. Der deutsche Herren-Bundestrainer Istvan Korpa sagte daher: "Schetinins Abwehr war dicht." Das war nicht unbedingt die bessere Erklärung für Bolls Niederlage, aber vielleicht die elegantere.
FRIEDHARD TEUFFEL
|