Na dann schreibe ich auch mal etwas zu diesem "merkwürdigen" Thema, da ich früher mittendrin in dieser Szene war.
Warum man "Bushido" gut findet und auch noch Geld für seine Platten/Cd's ausgibt, ist mir auch ein Rätsel - bei dem ist doch alles falsch. Angefangen von seinem "Status" als Moslem bis hin zu seinen Texten, die er nicht einmal selbst schreibt (erst war es Kecko-Ecko, jetzt ist es dieser Kay One). Zudem hört sich alles gleich an, und dieses Double-Reim-Gekicke kann einem schon tierisch auf die E... gehen. So wie die Knackwurscht sehe ich das auch, kein Flow und Punchlines wie die eines Sonderschülers. Dass Jugendliche oder Kinder (vernünftige Menschen ab 20 hören sich so etwas bestimmt nicht mehr an) auf solch ein "Gangstergetue" anspringen und dies damit begründen, dass der Kerl die Strasse repräsentiert und man sich in ihm widerspiegeln kann, ist eigentlich ein absolutes Armutszeugnis für Deutschland! Vor allem kommt die Rolle, die er spielt, dann verdammt gut rüber, wenn man eigentlich gar nicht so ein harter Bursche ist und in gut bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen ist. Dass er jetzt in einer Villa in Zehlendorf (Bonzenviertel) wohnt, darüber lässt sich streiten (eigentlich hätte ich auch gerne so ein Haus). Auf jeden Fall ist sein "Bravo-Gangster-Rapper-Image" anscheinend voll aufgegangen. Es dreht sich ja alles um ihn - die Künstler, die bei ihm unter Vertrag stehen, werden gar nicht oder äusserst schlecht promotet, damit auch ja keiner an ihn herankommt (ich vermute sogar, dass er irgendwann'ne Menge Stress bekommen könnte), und das war schon früher bei Aggro so. Als deutlich wurde, dass dort "Bushido" mit den Sekteleuten eine harte Konkurrenz bekommt und man sich auch auf Sido konzentriere, hat man sich eben getrennt - wahrlich ein kommerziell gelungener Schritt.
Ich persönlich bin in meiner Jugend auch mit Rap aufgewachsen, fing an, selbst Beats (das auch noch teilweise bis heute) zu basteln und war Dauergast im damaligen Royal Bunker von der ersten bis zur letzten Stunde, gerappt habe ich aber (fast) nie, das konnten/können die anderen besser. Das war auch mit die geilste Zeit in meinem Leben. Da hat man sich nämlich nie im Leben vorstellen können, mit dem "Scheiss", den man da rappt, Geld zu verdienen, und das machte es damals auch so interessant. Da ging es hauptsächlich um Punchlines (öfters lagen Leute auf dem Boden vor Lachen) und um die Technik. Und solche Leute wie Funkfüxe (dann M.O.R.), Sekte, Basscrew, Taktloss oder Savas (anfangs sogar noch als JUKS auf Englisch) gaben sich da regelmässig die Ehre. In Berlin damals schon bekanntere Künstler, die sich alle selbst etwas aufbauen wollten - die härteste Konkurrenz für die Berliner waren die Berliner selbst. Alle kamen sie aus verschiedenen Ecken und die besten Freunde waren sie damals auch ganz bestimmt nicht. Und um zu beweisen, was man drauf hat oder dass man vielleicht besser ist als der andere, gab es diese Freestyleabende. Da gings um den "sportlichen" Wettstreit und darum, seinen "neuen" Texten eine Plattform zu bieten. Das war alles der totale Kontrast zu dem Mainstreamrap, den man damals aus dem Fernsehen kannte (Fanta 4, Stuttgarts Blümchenrap, Hamburgs Spassmusik oder Münchens Heile-Welt-HippiedieHipHop). Sachen wie "Lu...mein Sch..." von Savas waren damals Meilensteine (ausser Feinkost Paranoia kannte ich damals niemanden, der diesen Style hatte) und wie der Rentner schon sagte, man hat sich irgendwie cool gefühlt, wenn man das hörte bzw. einer der ersten war, der ein Sektetape oder sonstiges besass. Die restliche Geschichte ist schnelle erzählt und kennt ja auch jeder: Savas war von den Untergrundrappern der erste mit einem richtigen Plattenvertrag und war (und ist) das Zugpferd vom Berliner Rap. Die Welle schwappte in ganz Deutschland über und heute diskutiert man über Aggroberlin.
Worauf will ich eigentlich hinaus?
Ach ja, eigentlich hat mich ja die "Kern"aussage vom Rentner inspiriert, hier was zu schreiben, denn im Grossen und Ganzen kann ich der nur zustimmen (aber das versteht man vielleicht auch nur, wenn man etwas älter geworden ist).
Zu guter Letzt noch was zu Aggroberlin: Zu Sido "persönlich" hatte ich jetzt nicht so das beste oder enge Verhältnis (ab und zu mal im Bunker gesehen), ich bin lediglich durch meine damalige Freundin, die bei ihm nebenan wohnte, zweimal bei ihm Zuhause gewesen (und die haben wirklich in einem Loch gewohnt!), aber das war noch kurz vor der Aggrozeit.
Als ich dann später einen ehemaligen Tischtennisspieler auf der Strasse getroffen habe, war dieser gerade auf dem Weg zum Downstairsshop, weil sein Cousin dort der Inhaber ist (das war gerade zur Zeit der Labelgründung) und erzählte mir, dass Sido jetzt ein Album herausbringt und voll durchstarten wird. Er lud mich ein mitzukommen und ich nutze die Gelegenheit. So durfte ich nicht nur ein "schönes" Studio begutachten, sondern auch in die unveröffentlichte Sido-CD reinhören - und das klang längst nicht mehr nach Playstation-Tapes. Hat mich schon irgendwie beeindruckt. Aber man hat natürlich auch gemerkt, dass sich das jetzt alles ganz schön nach vorne entwickelt und ein ausgekügeltes Konzept dahintersteckt. Die wollten halt mit ihren begrenzten Mitteln das Maximale herausholen, und das ist ihnen eindrucksvoll gelungen (dass sie jetzt bei Universal unter Vertrag sind, nun gut. Auch darüber lässt sich streiten).
Jedoch müssen auch diese Leute von irgendetwas leben. Und wenn du nichts anderes als Musik in deinem Leben gemacht hast, träumst du auch davon, damit Geld zu verdienen. Ist doch im Tischtennis bei einigen ähnlich, die gerne Profis werden wollen. Ok, die meisten Profis, davon gehe ich mal aus, haben noch ein zweites Standbein, was Paule aber nicht hatte/hat. Daher finde ich das auch gar nicht verwerflich, dass sie aus ihrem Hobby eine Geldquelle gemacht haben - ich gönne es ihnen sogar. Und im Gegensatz zu Bushidos Musik wirkt (und ist auch zum Teil) Sidos Musik (zumindest sein erstes Album. Das zweite habe ich gar nicht gehört) einfach authentischer und man kann sogar teilweise darüber schmunzeln. Auch wenn sogar einiges aus seinen Texten der Wirklichkeit entspricht, ist es genau das, was die potenziellen jugendlichen Käufer ansprechen soll - von der Maske mal ganz zu schweigen. Ohne diese wäre er mit Sicherheit jetzt nicht da, wo er jetzt steht. Für mich ein Phänomen, für die Macher von Aggro ein kalkuliertes Erfolgsrezept, was aufgegangen ist.
Als das erste Album von Sido draussen war und schon eine Weile den erwünschten Erfolg mit sich brachte, habe ich mal einen Drogenpräventionsvortrag in einer (ich glaube 8.) Klasse vorgetragen. Dummerweise habe ich einige Passagen aus Sidos Texten vorgespielt (wollte eigentlich die Atmosphäre ein wenig auflockern) und etwas über meine Erfahrungen bezüglich dieses Genres berichtet. Glaubst (du), irgendeiner hätte sich im Nachhinein noch über die Auswirkung von Drogen etc. interessiert? Stattdessen wurde ich gelöschert und die wollten alle nur irgendwelche Telefonnummern haben.
Ich wollte eigentlich sagen, dass diese Rapgeschichte, speziell im Jugendalter, doch auch eine Frage des Umfeldes ist. Ich habe damals auch nicht mit Leuten abgehangen, die sich nur Heavy Metal reingezogen haben.
Es war einfach auch interessant mit anzusehen, wie sich das alles in Berlin entwickelt hat, vor allem, wenn man irgendwie dabei gewesen ist.
"Gerade" noch der kleine Rucksackrapper, der sich im Bunker gegenüber der Szene beweisen will, heute Gewinner von irgendwelchen Musikpreisen. Wahnsinn! Damals war es halt der kleine Kern, der Rap in Berlin behherrschte und prägte, heute gibt es viel zu viele, die mindestens genauso gut wie Bushido rappen können. Da ist nichts Besonderes bei. Und dass man heutzutage zu besonderen Mitteln greift oder greifen "muss", um sich von der Masse abzusetzen, zeigen ja die Beispiele mit Massiv, Azad, Eko oder auch Sido mit seiner Maske. Heute gedisst, morgen einen Track zusammen gemacht...Oder 1+1=2.
Ich muss ehrlich sagen, als Jugendlicher habe ich deutschen Rap schon gefeiert, jedoch kam nie irgendwas auf den Teller oder ins Tapedeck, was ausserhalb von Berlin produziert wurde. Berlin bleibt eben Berlin (teilweise natürlich auch verhasst). Heutzutage (mit 30) höre ich vielleicht in so manchen Deutschrap rein, aber ich höre mir keinen mehr an. Die einzigen beiden Künstler, die ich mir noch gerne und auch bis zum Ende anhören kann, sind Savas (ist einfach der Beste) wegen seiner technischen Fähigkeiten und sein ehemaliger "Maskulin" Taktloss, der letzte tighte...Poet!

Ansonsten eigentlich nur, wenn überhaupt, Amisachen, aber da eher solch Studentenrap wie von meinen Lieblingskünstlern Livin' Legends.
Es soll hier auch nicht der Eindruck entstehen, dass ich Aggro oder speziell die Art der Musik toll finde, im Gegenteil. Wenn mich jemand fragt,wie ich reagiere, wenn mein 8-jähriger Sohn (bald) mit dieser Musik antanzen würde, müsste ich erst einmal lange überlegen - man war ja selbst mal jung...
Einen aggrofreien Tag wünsche ich.