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Alt 30.03.2008, 20:38
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Carstens_Brüderchen Carstens_Brüderchen ist offline
Isch hol glei mein Bruda!
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AW: Was ist logisch? Was ist Logik?

Zitat:
Zitat von JanMove Beitrag anzeigen
Nein, die Quantnemechanik besagt genau, dass Dein letzter Satz grundlegend falsch ist. Für die beiden Grössen existiert eben nicht ein Wert per se, sondern der Wert wird erst durch die Messung bestimmt!!! Die Existenz des Wertes tritt also erst mit der durchgeführten Messung ein. Zuvor weiss ich nur mit welchen Wahrscheinlichkeiten bei einer Messung ein bestimmter Wert auftreten wird. Damit einhergehend ist es dann eben auch so, dass eine "klassische Trajektorie" im Phasenraum nicht schon grundlegend vorhanden ist, womit Dein Kartenhaus zusammenfällt.

Es ist ja gerade der Witz der Quantenmechanik, dass bei einer quantenmechanischen Messung der Messapparat das zu messende System entscheidend beeinflusst und dadurch erst in einen Zustand zwingt, den wir dann als Messwert für die entsprechende Observable interpretieren. Der Einfluss der Messapparatur (als Störung des Systems) erzeugt ja gerade die Unschärfe bei der Messung. Insofern ist es klar, dass die Observable vor der Messung nicht schon irgendeinen Wert hat, den wir dummerweise einfach nicht kennen. Sondern der Wert beginnt erst mit dem Resultat der Messung zu existieren. In der klassischen Physik ging man ja immer davon aus, dass eine Messung auch immer losgelöst von der Messapparatur und damit ohne Störung des Systems selber durchgeführt werden kann.
Einer ähnlichen Fehlinterpretation, die in Deine Richtung geht, unterlag auch Einstein, der immer glaubte, dass im Prinzip die Observablenwerte zu jedem Zeitpunkt fest bestimmt sind. Wir kennen nur leider nicht alle Parameter des System genau genug (hidden parameters), weswegen wir glauben nur statistische Messaussagen machen zu könne, obwohl es in Wirklichkeit anders ist. Dies führt u. a. auf das EPR-Paradoxon, welches aber durch die Bell'sche Ungleichung experimentell eindeutig widerlegt wurde, d. h., es kann diese verborgenen Parameter nicht geben.
So, ich bin wieder da - wie ich schon sagte, würde es mindestens bis Samstag Nachmittag dauern, bis ich mich wieder melden könne. Das hat sich dann bis heute Abend hingezogen, was ich zu entschuldigen bitte.

Hier also - mit etwas Verspätung - meine Antwort: Jan, Du hast vielleicht die von mir mehrfach unterstrichenen bzw. in Anführungszeichen gesetzten Begriffe, wie "existiert", vorhanden usw. noch nicht im richtigen Kontext isoliert. Du sprichst ja selbst von den Wahrscheinlichkeiten für einen Wert, der natürlich durch die Messung verfälscht wird. Der Wert ohne die Messung ist allerdings vorhanden - nur kennen wir ihn nicht. Und wenn wir einen Wert bekommen, so ist er durch die Messung falsch. Doch das ist nicht mein Ansatz. Daher noch ein Beispiel:

Ich habe eine Flüssigkeit, die eine bestimmte Temperatur hat und eine bestimmte Viskosität. Ich kann beides messen. Doch das Thermometer beeinflusst zum einen durch seine Eigentemperatur bereits diesen Messwert und (das sei jetzt mal so angenommen) auch die Viskosität. Zudem ist es so (nehmen wir auch mal an), dass die Messwerte für Temperatur und Viskosität jeweils ungenauer werden, sobald einer genauer wird. Das ist (sehr grob) das Prinzip der Unschärferelation, okay?

Mir geht es in meinem Ansatz jedoch nicht darum, eine hunderprozentige Messgenauigkeit zu erreichen, da sich diese ja bereits in sich widerspricht.

Allerdings ist es so, dass für beide Größen zu irgendeinem Zeitpunkt t Werte existieren - will sagen: Wenn wir kein Thermometer reinhalten, so hat die Flüssigkeit dennoch eine Temperatur und auch eine bestimmte Viskosität. Die wissen wir jeweils nicht, aber sie sind vorhanden. Wenn wir diese "Ist-Voraussetzung" auf die Quantenmechanik übertragen, haben wir ebenfalls zwei Parameter, die vorhanden sind, deren exakte Werte wir aber nicht kennen: Ort und Impuls. Die klassische Trajektorie ist somit sehr wohl vorhanden, nicht aber objektiv messbar.

Nun der "theoretische Quantensprung": Wüssten wir die Werte zum Zeitpunkt t=x, dann wäre jeder weitere Zustand des Systems zu einem anderen Zeitpunkt t=y eindeutig vorhersagbar. Wir wissen die Werte nicht, aber die Aussage, dass eine exakte Ableitung des Zustands möglich wäre, reicht schon für die logische Schlussfolgerung, dass jeder Folgezustand eine zwangsläufige, mathematisch eindeutige Konsequenz aus dem Ist-Zustand darstellt - ob wir diesen kennen oder messen können oder eben nicht. Folglich ist das betrachtete System in sich vom Ablauf her determiniert, aber durch uns nicht einsehbar.

Was den freien Willen anbelangt, hätte das die Konsequenz, keinen zu besitzen. Das Leben wäre dennoch nicht vorhersagbar, wohl aber eine zwangsläufige Folge von Trajektorien, die wir allerdings nie kennen werden. Im Prinzip ließe sich unsere Existenz (und alles drumherum) als "spannender Film" betrachten, in dem wir persönlich zwar die Hauptrolle spielen, jedoch keinen Einfluss auf's Drehbuch haben. Womit wir an einer Überschneidung von Physik und Philosophie angelangt wären, die bislang in diesem Maße völlig unmöglich erschien. Allerdings wird die theoretische Physik nicht erst seit Kurzem von den klassischen Physikern eher als Philosophie-Derivat betrachtet. Schade eigentlich.

Beste Grüße

Olaf
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"Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen." George Orwell (1903-50), eigtl. Eric Arthur Blair, engl. Schriftsteller.
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