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AW: Wer wird neuer Präsident in den USA?
So, hier nochmal etwas ausfuerhlicher zu powerpauls Frage. Wie schon gesagt, ja, ich lebe gerne hier. Habe im Sommer 2005 Deutschland „ade“ gesagt und bin nach New Jersey gezogen. Seither habe ich die beste Zeit meines Lebens erfahren duerfen.
Aller Anfang ist schwer. Wir Deutsche haben halt ein ganz klar definiertes Bild von den USA. Und insbesondere hat natuerlich die juengste Vergangenheit nachhaltig dazu beigetragen, den Hass auf die Staaten zu schueren. Ist ja auch verstaendlich, wer sich selbst in fast allen Belangen als die Nummer 1 sieht und das dann noch gepaart mit einer inkompetenten – ach, eigentlich hat das garnichts mehr mit mangelnder Kompetenz zu tun; da sind Verbrecher an der Macht und die muessen weg. Punktum! – Volksvertretung, das hilft halt nicht gerade, die Wahrnehmung nach aussen positiv zu beeinflussen.
Ich habe es mittlerweile fuer mich so erfasst: die Amerikaner sind naiv-arrogant. Von klein an wird ihnen eingetrichtert, immer alles positiv zu sehen (und das selbst wenn die Scheisse bergauf rennt). Selbstbewusstsein entwickeln und der Glaube, alles erreichen zu koennen. In den Schulen haengen von den Kids selbstgefertigte Collagen mit Slogans wie: „Don’t let them bully you – stand your ground and don’t back off“. Die Test werden von den Lehrern mit allerlei Sticker und viel Lob („Great Job“ „AMAZING“ „Marvelous“) versehen. Das ganze hat einen Namen: Positive Re-enforcement. Als ich mal beim Abendessen erwaeht hatte, dass mir mein ehemaliger Religionsleher damals beherzt einen Schlag auf den Hinterkopf zentriert hatte – natuerlich schoen mit der Hand, an der er ausgerechnet seinen fetten Ehering trug – und ich fuer kurze Zeit die Englein habe singen hoeren, ist den Anwesenden beinahe wieder der Speissebrei gen Teller gewandert.
Zurueck zum Thema: also, positive re-enforcement und „proud to be an American“, so wird man hier gross. Und jedes noch so kleines „Achievement“ wird ueberall und grosskotzig zur Schau gestellt. Wenn das dreijahrige Toechterchen beim Gymnastic Contest den achten Platz belegt hat, der Sohnemann zum Captain seines Lacross-Teams ernannt wurde oder eben der Spross nun endlich mit der Uni fertig ist: Lebensgrosse Fotographien der Ableger werden dann demonstrativ im Vorgarten aufgestellt. „Semper Fi“, ich kann’s bald nicht mehr hoeren und sehen. Aber so sind sie halt, stolz auf das Erreichte. Und wenn man ehrlich ist, das hat doch auch Etwas, oder nicht? In meinem Resume steht nichts von meinen Franzoesisch-Kenntnissen. Einfach deshalb, weil ich diese als viel zu schlecht erachte und deshalb erst garnicht erwaehne. Hier aber, nach nur zwei Jahren Franzoesisch (und das heisst, pro Woche ZWEI Schulstunden!!) auf der High-School, prahlt jeder mit seinem „advanced command of French“ und selbstverstaendlich wandert dieses Statement auch in’s Resume. Dass die Leute gerade so mit Muehe und Not bis 10 zaehlen koennen, scheint hier niemanden zu interessieren.
Unsere lieben Nachbarn, als sie erfuhren, dass ich Deutscher bin, rannten zurueck in’s Haus um mir voller Freude ihre polnische Zugehkraft vorzustellen. Sie meinten, dass Aniceta – so ihr Name – sich nun endlich mal wieder mit jemanden unterhalten koenne. So stand dann die Gute wenige Sekunden spaeter vor mir und wir beide guckten uns verduzt an. Ich erklaerte dann, dass sich die deutsche Sprache doch sehr von Polnisch unterscheidet und es nur wenige bis gar keine Gemeinsamkeiten gibt. Zudem sei Polnisch eher mit dem Russischen verwandt. Meine voellig desillusionierten Nachbarn taten mir leid – und Aniceta auch.
Was mich hier am meisten stoert ist die mangelnde Reformbereitschaft. Nehmen wir mein Paradebeispiel: die zum Himmel schreiende Unsinnigkeit des Gesundheitssystems. Leute, werdet hier bloss nicht krank, ich sag’s Euch. Weiss Gott kein Spass hier. Mit meinen Beispielen diesbezueglich koennte ich ein Buch fuellen. Und selbst die gebildesten und offensten Menschen hier, wehren sich mit Haenden und Fuessen, auch nur einen Gedanken an ein socialized health-care system zu „verschwenden“. Sie wollen nicht kapieren, dass es funktioniert. Man zahlt in eine Kasse ein, und ein andere koennte davon profitieren? Ja sogar jemand der garnicht arbeitet? Das kommt ueberhaupt nicht in Frage. Auch wenn es woanders ueberall funktioniert.
Ich hatte vor wenigen Monaten Probleme mit den Fussgelenken. Schwerzhafte Sache aber natuerlich kein Notfall. Ich erklaerte dann, dass ich in so einem Falle in Deutschland einfach den aerztlichen Notdienst anrufen wuerde. Dann musste ich natuerlich erstmal verstaendlich machen, was das ueberhaupt ist. Man wollte mir kaum glauben und der Schock sass dann sogar noch tiefer, als ich erklaerte, dass der Arzt innerhalb einer Stunde bei mir an der Tuer stuende. Auf die Frage hin, wieviel mir dann der Onkel Doktor in Rechnung stellen wuerde, antwortete ich wahrheitsgemaess, dass die von meiner Krankenkasse vollstaendig oder zum Grossteil uebernommen werden wuerde.
Unglaeubiges Kopfschuetteln in der Runde.
Falls ihr’s nicht schon getan habt: Michael Moore’s „Sicko“. Da wird alles prima erklaert und die ganze Unsinnigkeit des Systems gnadenlos aufgedeckt.
Trotz all dem sind es tatsaechlich die Menschen hier – und ich lasse jetzt mal meine Familie (alles „Amerikaner“, sofern es ueberhaupt „Amerikaner“ gibt!) aussen vor. In den gesamten drei Jahren habe ich nur positive Erfahrungen gemacht. Und besonders dann, wenn die Leute erfahren, dass ich Deutscher bin. Viele haben deutsche Vorfahren.
Deutsche Qualitaet (-sarbeit) wird besonders hoch angesehen. Der Start hier, insbesondere natuerlich nach 9/11 – ist fuer Neuankoemmlinge nicht einfach. Man hat keine Credit-History, also auch kein Credit Rating. Das etabliert sich erst im Laufe der Jahre – es ist wohl mit einer „Bonitaetspruefung“ vergleichbar. Oder sagen wirs’ mal so: man sollte seine Rechnungen puenktlich zahlen, viel Schulden machen und die dann kontinuierlich abtragen. Dann passt’s. Wer keine Schulden hat oder gehabt hat, ist suspekt – kaum zu glauben, aber wahr. Also der Anfang war mit einigen Hindernissen versehen, aber die Leute hier haben mir allesamt unter die Arme gegriffen. Das war schon einmalig. Oder nehmen wir unseren Nachbarn Peter: ist in Rente und nicht mehr ganz so gut auf den Beinen. Letzten Dezember hatten wir fuer ein paar Tage heftigste Schneefaelle. Um unseren Driveway freizuschaufeln, brauche ich ca. 2 Stunden. Wir sassen noch am Fruehstueckstisch als wir sahen, dass Peter mit seinem Snow-Blower zu uns rueberkam und den Job fuer mich (in 20 Minuten) erledigte. Und es ist nicht so, dass wir dicke Freunde sind. Wir haben ein ganz normales, nachbarschaftliches Verhaeltnis.
Ich fand’s klasse und wollte mich natuerlich revanchieren. Bin dann spaeter mit einem Sixpack Budweiser zu ihm rueber, er aber lehnte ab und meinte, dass es fuer ihn ganz selbstverstaendlich war. Oder als wir aus dem Sommerurlaub zurueckkamen, waren unsere Blumen und Pflanzen gegossen, der Rasen gewaessert, etc.. Ich weiss bis heute nicht, wer das gemacht hatte, ich war aber tief beeindruckt. Dieser „Community“ Gedanke wird hier halt noch gelebt. Es gibt kaum Zaeune oder Hecken. Im Gegenteil, man ist froh, dass die Nachbarn freien Blick auf’s Haus und Grundstueck haben, man fuehlt sich so einfach sicherer. Fuer Deutsche sicherlich nicht gerade einfach zu akzeptieren, auch mir fiel’s schwer. Mittlerweile aber bevorzuge ich ganz klar diese Variante. Hochgewachsene und auf den Millimeter genau zurecht gestutze Thujahecken, machen wir mittlerweile eher Angst und wirken befremdlich.
Tja, und da ist noch etwas, was ich nicht wirklich erklaeren kann. Ich weiss nur eines: ich bin hier zuhause und hier gehoere ich hin. Das ist ein ganz bestimmtes Gefuehl: wenn ich z. B. von einem Trip wieder hierher zurueckfliege und im Anflug auf Newark dann auf Long Island und Manhattan herunterblicke....oder wenn ich nachher zum Traning nach Westfield fahre. Der Feierabend Verkehr ist dann vorbei und ich kann entspannt die 208 Richtung Garden State Parkway entlang gleiten, mit Blick auf Ramapo und dahinterliegend die Skyline der City (gutes Wetter natuerlich vorausgesetzt). Wie gesagt, ich fuehle mich hier bereits mehr zuhause, als ich es jemals in des 32 in Deutschland verbrachten Jahren tat. Erklaeren kann ich es aber nicht wirklich.
Abschliessend noch: Doppelmoral, Korruption, etc.. Wenn wir ganz ehrlich sind, das gibt es doch ueberall. Ich finde nicht, dass diesbezueglich Deutschland eine ruehmliche Ausnahme stellt. Arschloecher gibt es ebenfalls ueberall, hier wie drueben. Viele Dinge sind in Deutschland sicherlich besser, bei anderen Sachen verhaelt es sich eben umgekehrt. Eines kann man den Amis nicht vorhalten: die koennen definitiv nix dafuer, dass die Deutschen jeden unsaeglichen Duennschiss kopieren muessen, der hier fabriziert wird.
Ich mag Deutschland, insbesondere die Ecke wo ich her komme. Heimat und Zuhause allerdings sind hier.
Gruss
Dieter
Geändert von Tony_Iommi (23.04.2008 um 20:58 Uhr)
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