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der obige artikel ist der mit abstand beste, den ich zu diesem thema in der letzten zeit gelesen habe. er trifft den nagel genau auf den kopf. der kommentar von ssf ergänzt die ganze aussage treffend.
auch ich war vor der wahl auf der suche nach dem kleinsten übel - vergeblich. ich habe es nicht gefunden, weil die deutsche parteienlandschaft eine einzige katastrophe ist und ich zudem von den politikern durch die endlosen skandale und enthüllungen noch enttäuschter war, als in den jahren zuvor. doch im nachhinein ärgere ich mich: hat rot-grün sich vor der wahl beim ausdenken von versprechungen - von denen sie heute wahrscheinlich nicht mal mehr wissen, was sie eigentlich versprochen haben - wenigstens noch mühe gegeben, verloren sie unmittelbar nach der ergebnisbekanntgabe jegliche hemmungen und jede scham.
man muss sich bloß einmal überlegen, welche berufliche laufbahn und qualifikationen, bzw. praxiserfahrung die manager von riesenunternehmen wie rwe, thyssen, oder der deutschen bank, etc. mitbringen, bevor sie einen solchen job ausüben. und dann stell man sich mal vor, dass eine aufgabe, die hundertfach schwieriger ist - nämlich die regierung deutschlands - von theologen, deutschlehrern und sozialpädagogen ausgeführt wird!
diese politiker (die allermeisten von ihnen) haben nicht die geringste wirtschaftliche praxiserfahrung, sondern verbrachten ihr halbes leben im öffentlichen dienst. welche aufgabe könnte es geben, die mehr praxiserfahrung verlangt, als die regierung einer westlichen industrienation? wo könnte sie eine größere rolle spielen? mir fällt nichts ein.
die nächste perversion sind die finanziellen verdienste (diäten, und (sonder-) zuwendungen, sowie die steuerlichen vergünstigungen, die politiker geniessen. wieso ist so etwas möglich? ich kann das nicht verstehen! wenn sie schon keine ahnung von der arbeit haben, die sie ausüben, wieso verdienen und bezahlen sie dann nicht wie jeder andere berufstätige auch? was spricht dagegen, dass beamte in die rentenkasse zahlen und politiker die ihren verdiensten angemessenen steuern zahlen? (der sachbearbeiter im ordnungsamt, der mit glück zweimal in der woche telefonisch erreichbar ist, weil er sonst entweder urlaub hat, nicht da ist, gerade mittag macht, momentan nicht an seinem platz ist, etwas früher gegangen ist weil er seinen sohn von der schule abholen muss, heute krank ist, oder einen aussentermin hat, oder in einer besprechung sitzt, zahlt nicht in die gemeinschaftskasse, ich schon. wie ist das möglich???? es geht nicht in meinen kopf. nie wird es dort reingehen, weil mein hirn die aufnahme verweigert.) schon allein das würde ausreichen, um die regierungspolitiker vor der nächsten steuererhöhung zurückschrecken zu lassen. niemand von denen würde sich selbst ins portemonnaie greifen. dabei wäre es so wichtig, dass die meisten der regierungspolitiker zum ersten mal in ihrem leben am eigenen leib erfahren, was es heisst, sich sein geld zu verdienen und zu erarbeiten. aber das wird nicht geschehen. es reicht, wenn herr schröder ab und an als moderator zu sehen ist und lächelt, wenn irgendwo eine kamera steht.
eines muss man ihm lassen: das kann er wirklich gut. und schneid hat er - er steht zu dem was er tut (siehe irakpolitik), bzw. nicht tut (reformieren).
ein kritikpunkt zu dem financial times artikel ist sicherlich, dass geld im leben nicht alles ist, sondern gesetze und wertvorstellungen, die das leben unter- und miteinander regeln und beeinflussen, mindestens genauso wichtig sind.
"Die Industrienationen sind ausgewachsen, jetzt kann es nur noch um Verteilung gehen."
"Im Mittelpunkt der Politik müssen ganz andere Themen stehn, wie wäre es mit den Überlebenschancen künftiger Generationen ?"
wenn das wahr wäre, brauchst du dich um deine zukünftige generation keine besonderen gedanken mehr zu machen.
eine industrienation, bzw. eine zivilisation, deren entwicklung nicht vorwärts geht, sondern stillsteht, kann nicht überleben. natürlich gibt es auf den deutschen märkten wachstumspotenzial.
"Ein Artikel aus der Financial Times. Die treten ja bekanntlich vehement für das Wohl des "kleinen Mannes" ein, der ja auch das Gros ihrer Leser stellt "
zum wohl des kleinen mannes kann ich folgendes sagen: in wieviel ländern dieses planeten, die mit deutschland vergleichbar sind, gibt es ein derartiges sozialsystem, dass menschen, die unbedingt arbeiten wollen, aber keine arbeit finden (wo auch?) und menschen, die nicht unbedingt arbeiten wollen, ein dach überm kopf und genügend zu essen garantiert?
"soso, Du möchtest also lieber von Stoiber beherrscht und von Merz bedräumelt und von Koch belogen werden? Na, dann mal hin. In Hessen ist ja seit schwarz-gelb auch alles viel besser geworden!"
"An diesem Satz lässt sich die Qualität des Artikels am besten beurteilen"
nein, möchte ich nicht. im ernst, mich würde sachliche und präzise, inhaltliche kritik an dem zweifellos gut recherchierten und realitätsbezogenen artikel, sehr interessieren. denn ich bin auf der suche nach einer perspektive, nach einer alternative, die in der deutschen politik momentan nicht vorhanden ist.
noch eine bemerkenswerte geschichte zum schluss:
heute erzählte mir ein guter bekannter von einem erlebnis, dass einem freund von ihm vor sehr kurzer zeit wiederfuhr. dieser freund war mit seiner frau im oberhausener centro (für alle nicht-ruhrgebietler: ein riesiges einkaufszentrum mitten im ruhrgebiet. viell sogar das größte in d´land, weiss es jemand?) unterwegs, als sie plötzlich in einer ecke ein scheinbar verlorenes portemonnaie entdeckten. als sie es öffneten, kam ihnen der komplette inhalt entgegen: mehrere tausend euro in bar, ausweis, führerschein, usw. sie suchten umgehend nach einem ort oder einer einrichtung, wo sie das portemonnaie abgeben konnten (fundbüro oder dergleichen). schließlich fanden sie einen platz, und angestellte des centro liessen den besitzer des portemonnaies im gesamten centro ausrufen.
nach einiger zeit erschien der mann. er war libanesischer nationalität, ein wenig ausser atem, aber unbeschreiblich dankbar. er bedankte sich vielfach bei dem jungen ehepaar, dass sein portemonnaie gefunden hatte und wollte sich irgendwie erkenntlich zeigen. doch das junge ehepaar wollte keinen finderlohn oder dergleichen, für sie war es ehrensache und keiner rede wert. der mann bedankte sich erneut und verabschiedete sich höflich von den beiden.
als sie minuten später an den schaufenstern vorbeischlenderten, kam der mann noch einmal hinter ihnen her und sprach sie noch einmal, in gebrochenem deutsch, aber sehr höflich an. er entschuldigte sich für die störung und bedankte sich wieder und sagte, sie seien sehr sehr gute menschen und er wüßte, dass sie keinen finderlohn wollten. aber er wollte ihnen noch einen wichtigen rat geben, einfach weil er sie für solch gute menschen hielte. er sagte, sie sollten in den nächsten sechs monaten nicht wieder ins centro kommen, und ging.
man kann diese geschichte nur schwer bewerten. ich hoffe nur, dass nicht soviele unschuldige menschen sterben müssen, damit dieses land und manche leute für einen moment die gleichgeschlechtliche ehe beiseite legen, und sich mit der realität beschäftigen.
Geändert von Ahdow (15.11.2002 um 01:14 Uhr)
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