Gestern wurde es noch groß angekündigt:
Zitat:
Großes Equipment in Stuttgart - DTTL-Topspiel in TV und Internet
24.10.2008 - Rund 6.000 Zuschauer werden in der Stuttgarter Porsche-Arena erwartet, wenn am Samstag ab 18:00 Uhr die Stunde der Wahrheit für die TTF Liebherr Ochsenhausen schlägt, die Meister Borussia Düsseldorf bezwingen wollen.
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Mit einem noch nie dagewesenen Aufwand wollte man den Bundesliga Zuschauerrekord von 4.500 Zuschauern brechen. Riesiger Werbeaufwand, Tischtennisturnier davor mit 32 Schülerteams, hohe Delegationen und Ehrengäste eingeladen, Prominentdoppel vor dem Spiel (u.a. der württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger und der langjährige Trainer des Fußball-Bundesligisten SC Freiburg, Volker Finke), dazu Countdownveranstaltung für die LIEBHERR Europameisterschaften 2009 in Stuttgart.
Groß wurde vorher geprahlt, man würde die Porschearena voll machen und das Spiel würde mit 6.100 Zuschauern ausverkauft sein. Das Wunschdenken endete in einem Debakel!
Die Porschearena war in weiten Teilen leer und die offiziell angegeben glatten 2.500 Zuschauer halte ich persönlich für stark geschönt. Meine persönliche Meinung ist, dass man froh sein muss wenn 2000 da waren und mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine.
Auf was ist dieses Debakel zurückzuführen? An der Werbung kann es nicht gelegen haben. Ebenfalls nicht an der Partie Ochsenhausen - Düsseldorf, bei der die nominell stärksten zwei DTTL-Teams aufeinander trafen. Darüber hinaus war bekannt, dass Timo Boll spielen wird, d.h. dass Ochsenhausen gegen die deutsche Nationalmannschaft antritt, die amtierenden Europameister und Olympiazweiten.
Die Antwort auf meine Frage ist offensichtlich! Die stark eingebrochenen Zuschauerzahlen (Quelle: Zuschauerstatistik 07/08 u. 08/09) seit Einführung des neuen Spielsystems mit Dreiermannschaften und Spielende bei 3 Punkten hat nun seinen traurigen Höhepunkt in diesem Zuschauerdebakel in Stuttgart gefunden, welches einer Riesenblamage gleichkommt.
Ausschlaggebend ist dieses neue DTTL-System
Das DTTL-System hat durch Lotteriecharakter teilweise überraschende Ergebnisse gebracht, bei denen nicht die stärkeren Teams gewonnen haben. Das Spiel war so schnell vorbei und es konnte nicht mehr ausgeglichen werden, wenn ein Einzel überraschend in die Hose gegangen ist, denn der zweite Punkt steht meist ja schon von Anfang an fest, da oft der schwächste Spieler gegen die Nr.1 verheizt wird.
Für die Zuschauer in den Hallen hat das neue Spielsystem fast nur Nachteile:
- Bei einem 3:0 oder 0:3 haben die beiden besten Spieler gar nicht gegeneinander gespielt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Spiel 3:0/0:3 ausgeht, ist viel höher wie die Wahrscheinlichkeit dass ein Spiel 6:0/0:6 ausgeht.
- Punktspiele dauern oft noch genauso lange wie vorher, aber man bekommt dabei viel weniger Sport geboten. 5 Spiele auf 1 Tisch dauern genauso lange wie 10 Spiele auf 2 Tischen, teilweise sogar noch länger, da man warten muß bis ein Spiel beendet ist und man nicht das nächste Spiel auf dem zweiten Tisch weiter spielen kann sobald dieser frei wird.
- Wenn mal ein Spiel nicht ganz so spannend oder interessant ist, hat man auf dem zweiten Tisch immer ein zweites Spiel gehabt und es ist kaum vorstellbar dass beide Spiele nicht so toll sind.
- Im anderen Extremfall, also nicht gleich lange / längere Spieldauer bei weniger Sport, sondern einem 3:0/0:3 kann das Spiel unter 1 Stunde beendet sein und dafür hat man einfach keine Lust mehr, eine weitere Anfahrt in Kauf zu nehmen.
- Jetzt habe ich schon verdeutlicht, dass ein 3:0/0:3 für die Zuschauer oft ein Griff ins Klo sein kann, aber auch ein 3:2/2:3 zwar Spannung geboten hat, aber zeitlich mindestens genauso lange gedauert hat wie ein 6:4/4:6/5:5 früher (manche Spiele haben auch ein Unentschieden verdient, so dass Zuschauer beider Lager zufrieden heim gehen können). Aber auch das typische 3:1/1:3 zeigt i.d.R. deutliche Schwächen, denn von diesen vier Spielen sind oft zwei Stück (50%!) ohne sportlichen Wert sind, da beide Mannschaften ihren schwächsten Spieler gegen die starke Nr.1 des Gegners stellen.
- Bei 3:0/3:1/1:3/0:3 gibt es leider nie ein Doppel, welches vielleicht bei manchen Profis ungeliebt ist (das müßte erstmal statistisch belegt werden!), aber von der breiten Masse sicherlich gerne gesehen wird, da Doppel durchaus spektakulär sind und Überraschungen an der Tagesordnung waren.
- Bei einem Dreierteam fängt der Punkt an, bei dem man sich fragt, ob man überhaupt noch von einer Mannschaft sprechen kann.
- Die Kluft zwischen der eingleisigen 1.Bundesliga mit Dreiermannschaften und der zweigleisigen 2.Bundesliga mit Sechsermannschaften wird immer größer. Sollte ein Aufstieg finanziell machbar sein, muß man in 99% aller Fälle die gesamte Mannschaft rauswerfen und die Spieler komplett auswechseln.
Blickt man auf die beiden besten Teams der 2.Liga Nord und Süd und nimmt dort die jeweils drei besten Spieler, dann wird schnell klar, dass von denen nahezu kein Spieler in der DTTL bestehen könnte (auch ein Jörg Schlichter muß dem Wechsel vom Profi zum Studenten Tribut zollen):
Wang, Yansheng 10:0 vorne
Vrablik, Jiri 7:2 vorne
Jordanov, Theodor 4:1 vorne
Szymanski, Filip 7:3 vorne
Borchardt, Sebastian 6:4 vorne
Schlichter, Jörg 5:4 vorne
Bobellier-Mammot, Loic 5:5 vorne
Jevtovic, Marko 3:3 vorne
Böhm, Georg 9:1 Mitte
Flemming, Alexander 6:1 Mitte
Nimtz, Sascha 5:3 Mitte
Markovic, Rade 3:2 Mitte
- Man könnte die Reihe von Nachteilen fast beliebig fortsetzen, z.B. ist auch das Fernsehen kein Argument, denn Liveübertragungen gibt es nicht und für Zusammenfassungen ist es besser, wenn man die Möglichkeit hat, die besten Szenen von zwei Tischen zusammen zu schneiden. Bei 6 bis 10 Spielen hat man mehr Auswahl als bei 3 bis 5 Spielen.
Das neue DTTL-System wird von den Zuschauern nicht angenommen, das ist durch die Zuschauerstatistik erwiesen und wurde heute durch dieses Debakel in Stuttgart untermauert.
Wäre tatsächlich der Schwachsinn gekommen, dass in der 1.Bundesliga nur noch auf zwei Gewinnsätze bis 11 gespielt wird (wie kann man nur auf so eine Idee kommen???), dann wäre das das endgültige Todesurteil für die Liga gewesen.
Ich gehöre nicht zu den Personen, die neue Ideen und das Engagement von Contenthouse und Vereinen wie Ochsenhausen und Düsseldorf (die die Entwicklungen in der DTTL vorangetrieben haben) verteufeln, aber man sollte doch endlich aufwachen und auch mal auf das hören, was an der Basis gesagt wird, denn das sind die zahlenden Zuschauer.
Events vor halbleeren Rängen will auch niemand im Fernsehen sehen! Die Außenwirkung ist keine gute, man denke an die Eurosportübertragungen, bei denen man tollen Sport gesehen hat und sich parallel aber Gedanken über die Bedeutung des TT-Sportes machen mußte, als man die leeren Ränge im Hintergrund gesehen hat. Als mein nichtspielender Neffe zu Besuch war und ich nebenher die EM geschaut habe, hat er gesagt: "Tischtennis interessiert wohl auch keine Sau, da hätten sie die EM nicht in so einer Arena spielen müssen sondern hätten die Spiele auch bei uns in einem Hallendrittel austragen können".
Der Ansatz ist gut, Tischtennis anders zu präsentieren, Events aufzuziehen. Aber wenn man trotz diverser Großevents es nicht mal mehr schafft, die Zuschauerzahlen der letzten Saison zu halten, dann sollte man sich dringend Gedanken machen!
Man muß nicht zwingend zu Viererteams mit 6 bis 10 Spielen zurück kehren,
aber wenn schon Dreierteams, dann bitte alle Spiele ausspielen und das Endergebnis in die Tabelle einfließen lassen. Dann haben alle anreisenden Zuschauer immer 5 Spiele garantiert, außerdem bekommen sie auch sicher ein Doppel zu sehen und sehen auch garantiert das Spiel Nr.1 gegen Nr.1!
Es wurde ja anfangs überlegt, alle Spiele auszutragen, aber das wurde verworfen, da man sich auf keine Wertung einigen konnte und man überlegte komplizierte Dinge mit Zusatzpunkten für Siege und keine Ahnung was noch.
Man könnte es ganz einfach machen!
Ich habe mich mit einem aktuellen Bundesligatrainer unterhalten, er würde es so machen:
(ich zitiere es mal, da es nicht meine Idee war):
Zitat:
Im Fußball gibt es schon lange nicht mehr das Tabellensystem mit 2:0 Punkten für einen Sieg, 0:2 Punkten für eine Niederlage und 1:1 Punkte bei einem Unentschieden, sondern der Sieger bekommt 3 Punkte (Verlierer 0) und bei einem Unentschieden bekommen beide Mannschaften 1 Punkt.
Das war auch bei der Einführung ungewohnt, aber es war leicht verständlich. Tabellen sehen jetzt nicht mehr aus mit 10:0, 8:2, 7:3, 5:5, 4:6, 1:9 Punkten, sondern jede Mannschaft hat eine Punktzahl (15, 12, 10, 7, 6, 1).
Er ist dafür, alleine schon für die Zuschauer alle fünf Spiele auszuspielen und da wäre es dann sinnvoll, die Punktspiele so für die Tabelle zu werten, wie sie ausgehen, d.h. jede Mannschaft erhält für die Tabelle so viele Punkte, wie sie einzelne Spiele gewinnen konnte.
Beispiel:
5:0/0:5 = 5 Punkte für den Sieger, 0 Punkte für den Verlierer
4:1/1:4 = 4 Punkte für den Sieger, 1 Punkt für den Verlierer
3:2/2:3 = 3 Punkte für den Sieger, 2 Punkte für den Verlierer
Das hat seiner Meinung nach mehrere Vorteile:
- Zuschauer haben immer 5 Spiele garantiert, davon ein Doppel und das Spitzenspiel der beiden Topspieler
- Ein Spiel ist nicht bei 3:0 gelaufen und die beiden letzten Partien nur noch bedeutungslos, sondern es muß bis zum letzten Punkt gekämpft werden
- Dem Thema Wettbewerbsverzerrung wäre ein Ende gesetzt und z.B. Düsseldorf muß sich sehr gut überlegen, ob sie gegen schwächere Vereine auf einen Timo Boll verzichten. Weil wenn so ein Spiel eben mal nur 3:2 ausgeht und ein anderes Topteam gegen denselben Gegner mit einem 5:0 in Bestbesetzung Ernst macht, dann liegt Düsseldorf in der Tabelle schon 2 Punkte hinter dem anderen Topteam und auch ein 3:2 Sieg im direkten Duell reicht nicht um Vorbeizuziehen. Damit wäre der Wettbewerbsverzerrung im Kampf um Playoff und gegen Abstieg ein Riegel vorgeschoben, denn alle Teams müßten in jedem Spiel Vollgas geben.
- Durch Dreierteams gibt es kein Unentschieden mehr, aber manche Partien haben keinen Verlierer verdient. Bei so einer Wertung wie sie der Bundesligatrainer vorschlägt würde ein Team welches nach großem Kampf 2:3 verloren hat (z.B. Schlußdoppel 5.Satz 10:12) nicht mit leeren Händen da stehen, sondern leistungsgerecht erhält das siegreiche Team für die Tabelle 3 Punkte und das knapp unterlege Team immerhin noch 2 Punkte.
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Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, ich glaube er hatte noch mehr Argumente dafür, war ganz interessant das Gespräch aber ich konnte mir nicht alles merken. Interessant war auch, welche Ideen er für die 2.Bundesliga hatte, aber das ist ein anderes Thema.
Schade dass so jemand nicht mal hinsteht und öffentlich Klartext redet und solche Ideen präsentiert. Als einziger Bundesligaclub hatte ich bislang nur von Funktionärskreisen des TTC Müller Frickenhausen öffentliche Kritik am neuen System gehört (ich glaube es war Rolf Wohlhaupter-Hermann und Frank Müller) und das obwohl sie ungeschlagen an der Tabellenspitze stehen.
Da müßten mal mehr den Mund aufmachen!
Auf der Tibhar Homepage (
www.tibhar.de) habe ich eine Umfrage gesehen bei der rund 90% das neue Spielsystem als schlecht bezeichnen. Ich mache jetzt auch mal hier eine neue Umfrage auf, nachdem mittlerweile ein Drittel der Bundesligasaison 2008/2009 vorbei ist, bin gespannt wie das andere sehen.
Das Debakel von Stuttgart sollte den Entscheidungsträger in der Bundesliga eine Lehre sein! Diese Riesenblamage kurz vor der EM in Stuttgart war ein deutlicher Warnschuss.
Bei der EM wird sicherlich ausverkauft sein, aber die Bundesliga geht so vor die Hunde wenn nichts geändert wird.