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Alt 03.01.2003, 12:13
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Interview mit Timo auf der Seite "www.n-tv.de"

Donnerstag, 2. Januar 2003
Interview mit Timo Boll
"Ich habe mir alles hart erarbeitet"

Frage: Timo Boll, seit Donnerstag sind Sie in der Tischtennnis-Weltrangliste offiziell als erster Deutscher die Nummer eins. Welche Gefühle bewegen Sie beim Gedanken daran?"

Boll: "Da wird natürlich ein Traum wahr. Niemals hätte ich mir das früher vorzustellen gewagt. Es ist eine Riesensache - für mich persönlich, aber auch für das Tischtennis in Deutschland."

Frage: Welche Bedeutung hat es für Sie, dass niemals vor Ihnen ein Deutscher an der Spitze der Weltrangliste gestanden hat?

Boll: "Es ist einfach ein schönes Gefühl, wenn man in seiner Sportart als Bester gilt. Ob als 1. oder 13. Deutscher - es bleibt genauso schön. Ich wollte 2002 in der Weltrangliste weit nach vorne kommen, aber das es so weit nach oben gehen würde, hätte ich nicht für möglich gehalten."

Frage: Durch Ihre Triumphe beim 'Europe Top 12', bei der EM sowie beim Weltcup in Jinan haben Sie einen Rekord aufgestellt und avancierten als erfolgreichster Spieler des vergangenen Jahres praktisch zwangsläufig zur neuen Nummer eins. Sehen Sie sich denn jetzt auch als bester Spieler der Welt?"

Boll: "Nun, über das Jahr gesehen habe ich die besten Ergebnisse von allen Spielern erreicht. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass ich auch der Beste der Welt bin."

Frage:"Gehen Sie als Nummer eins künftig mit noch größerem Selbstbewusstsein in die Box, oder fühlen Sie sich nun von der Konkurrenz gejagt?"

Boll: "Wichtig ist die Einstellung für jedes einzelne Spiel. Die Nummer eins macht mich nicht besser oder schlechter als vorher."

Frage: "Der Druck auf Sie wird aber von nun an größer sein. Wie werden Sie damit umgehen?"

Boll: "Für mich war der Druck schon immer sehr groß. Ich will einfach weiter mit mir zufrieden sein können. Den Druck von außen versuche ich, so weit wie möglich abzublocken, indem ich mich auf mich selbst konzentriere."

Frage: "Dennoch gelten Sie jetzt für die großen Turniere als Titelfavorit Nummer eins und nicht mehr nur als ein chancenreicher Kandidat auf eine Medaille ..."

Boll: "Auch deswegen empfinde ich keinen Druck, das lässt mich kalt. Ich gebe einfach nur mein Bestes."

Frage: "Nach Ihren wiederholten Siegen gegen Weltklasse-Chinesen wie Weltmeister Wang Liqin oder Olympiasieger Kong Linghui bezeichnen die Medien Sie oft als Europas buchstäblich einziges 'Boll-Werk' gegen Chinas Übermacht. Welche Reaktion erwarten Sie von den Chinesen, nachdem die Nummer eins seit fast drei Jahren immer aus dem Reich der Mitte kam?"

Boll: "Ich bin sicher nicht der einzige Europäer, der die Chinesen schlagen kann. Aber ich habe aus China schon einiges gehört. Die machen ausgiebige Videoanalysen und zerlegen jeden einzelnen Spielzug von mir. Angeblich haben sie auch schon Trainingspartner abkommandiert, die mich kopieren sollen. Aber es ist ein schönes Gefühl, dass die Chinesen Respekt haben. Es ehrt einen auch, denn vor allzu vielen Spielern haben die Chinesen ja keinen Respekt. Doch den habe ich mir auch hart erarbeitet. "

Frage: "Glauben Sie, dass die Chinesen bald einen Spieler aus dem Hut zaubern können, der speziell für die Zerstörung Ihres Spiels ausgebildet ist?"

Boll: "Kurzfristig kann ich mir das nicht vorstellen. Ich denke, dass ich mich mit Chinas jetzigen Spitzenspielern noch einige Jahre bekriegen werde. Außerdem beobachte ich die ja auch. "

Frage: "Sie haben zuletzt davon gesprochen, dass Sie sich eine Tischtennis-Veranstaltung in einer großen Halle in Deutschland als Spektakel vorstellen können. Wann ist die Zeit dafür in Deutschland reif?"

Boll: "Man sollte im deutschen Tischtennis vielleicht einfach nur einmal den Mut dazu haben, in eine solche Halle zu gehen. Ein Handball-Verein wie der VfL Gummersbach macht das doch auch, und auf einmal haben die statt 2000 über 15.000 Zuschauer. Ich persönlich hätte nichts dagegen, Turniere in richtige Events zu verwandeln. Musik nach den einzelnen Punkten wie beim Eishockey bei Unterbrechungen oder Cheerleader wie beim American Football kann ich mir gut vorstellen, und ich glaube, ein Turnier Europa gegen Asien könnte man auch heute schon in einem solchen Rahmen veranstalten."

Frage: "Vor Ihrem atemberaubenden Aufstieg in der Weltrangliste galten Sie über mehrere Jahre lange nur als 'Kronprinz' von Jörg Roßkopf. Wie sind Sie mit diesem Vergleich umgegangen? "

Boll: "Genervt hat mich das nicht unbedingt, denn es war auch ein Kompliment für meine bisherigen Leistungen und Fähigkeiten. Aber mir war immer klar, dass ich meinen eigenen Weg mit meinen eigenen Erfolgen gehen werden muss. "

Frage: "Man hat Ihnen schon früh eine sehr große Zukunft vorausgesagt. Hatten Sie selbst denn auch mal Zweifel, ob Sie Ihre Ziele erreichen können?"

Boll: "Sicher waren da immer mal Phasen, in denen man nicht weiter gekommen ist. Ich habe fast ein Jahr in der Weltrangliste festgehangen, ohne weiter nach oben zu steigen. Da habe ich aber weiter viel trainiert, deswegen kann ich auch sagen, dass ich mir alles hart erarbeitet habe."

Das Gespräch führte Dietmar Kramer, sid
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