Damit der Thread nicht einschläft, hier mal eine (aus der Erinnerung geschriebene) Transkription einer der wenigen erträglichen Lateinstunden meines Lebens. An dieser Stelle liebe Grüße an meinen ehemaligen Lehrer
Es geht um die Übersetzung des folgenden Satzes:
„Quod homines, tot sententiae; falli igitur possumus.“ (Cicero)
Auf Deutsch: Wie viele Menschen, so viele Meinungen, wir können uns dennoch täuschen.
Diesen Satz kann man nun z.B. benutzen, wenn der Deutschlehrer nun wissen will, warum man eine Textstelle nun ausgerechnet so interpretiert habe, der Schluss sei falsch oder wenn die Freundin meint, gerade dieses sei das einzig falsche Geburtstagsgeschenk
Diese Übersetzung von oben ist nun für jedermann – naja, fast jedermann – verständlich und damit dem Anspruch deutscher Akademiker nicht genügend. Lernen wir also aus diesem lateinischen Satz, wie man uni-gerechtes unverständliches Geschwätz fabriziert. Dazu werden wir nach und nach alle Elemente zerpflücken und ins Deutsche übertragen. Los geht’s…
Beginnen wir mit dem Teilsatz „Wieviele Menschen, so viele Meinungen“. Um so was zu formulieren, braucht man kein Studium, nicht einmal Abitur. Außerdem ist das Problem nicht abstrakt genug dargestellt. Aaaalso, worum geht es? Es geht um Gleichheit, und zwar um die Gleichheit der Häufigkeit von Meinungen und Menschen. Wir formulieren also um in „Menschen-Meinungs-Häufigkeitsgleichheit“. Prima, das sind neun Silben in einem Wort, damit sind wir schon knapp an der Verständlichkeitsgrenze. Merken wir uns also und kommen zum Rest.
„Wir können uns dennoch täuschen“. Auch das kann jeder sagen. Klingt entsprechend nicht wichtig. Wir stellen also um. „Es besteht die Möglichkeit“, ersetzt das „können“. Klingt schon etwas wuchtiger. Aber wie dann weiter?
„Es besteht die Möglichkeit, dass wir uns täuschen“ oder „Es besteht die Möglichkeit, uns zu täuschen“?? Beides ist irgendwie viel zu banal. Und ein „uns“ ist zu subjektiv für den wissenschaftlichen Anspruch. Also: „Es besteht die Möglichkeit der Selbsttäuschung“. Nun kann man „Möglichkeit“ und „Selbsttäuschung“ aber noch zusammenkochen: „Es besteht eine Selbsttäuschungsmöglichkeit“. Das klingt doch wuchtig, wichtig und wissenschaftlich.
Aber es fehlt, dass es um uns geht, dass „wir“ uns täuschen. Wir schreiben also: „Es besteht für uns eine Selbsttäuschungsmöglichkeit“. Nun haben wir das Problem, dass das inhaltlich nicht mehr ganz passt, denn dieser Satz klingt, als könnten wir selbst wählen. Aber, im Gegenteil, wir werden ja dazu gezwungen. „Wir unterliegen der Selbsttäuschungsmöglichkeit“? Ist besser, aber wieder zu persönlich. Das „liegen“ ist aber gut, daraus machen wir einfach „die Lage“, und diese ist ja einfach gegeben. Wie steht’s also mit Folgendem: „Es ist uns eine Selbsttäuschungsmöglichkeitslage gegeben“? Haben wir immer noch das Problem mit dem Wort „uns“. Das muss irgendwie rein, aber andererseits ist es zu subjektiv. Nun, wer sind wir denn? Wir, das ist die Gesamtmenge aus Lesern und Schreiber. So, jetzt können wir sagen: „Es ist eine Leser-Schreiber-Selbsttäuschungsmöglichkeitslage gegeben“. „Gegeben“ klingt allerdings irgendwie nach Eucharistie und Weihnachten und ist auch schon wieder fast trivial. Nehmen wir also lieber das Wort „verzeichnen“, das klingt schön objektiv. „verzeichnen“ also vorneweg und das „gegeben“ hintendran. Nun haben wir: „Es ist eine Leser-Schreiber-Selbsttäuschungsmöglichkeitslagegegebenheit zu verzeichnen“. Na, wenn das nicht endlich nach Wissenschaft klingt!
Jetzt versuchen wir beide Teile mal zusammenzusetzen. Dazu müssen wir allerdings das „dennoch“ noch reinbasteln. Daraus machen wir ein neutrales „bei“, schließlich wollen wir den logischen Zusammenhang nicht vorwegnehmen, man kann ja von den Lesern ein bisschen Eigenleistung erwarten. Damit wären wir dann auch schon am Ende und haben folgenden Satz gebacken:
„Bei Menschen-Meinungs-Häufigkeitsgleichheit ist eine Leser-Schreiber-Selbsttäuschungsmöglichkeitslagegegebenheit zu verzeichnen.“
Schönen Abend noch!