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Alt 09.02.2009, 08:57
Kalle Krawinkel Kalle Krawinkel ist offline
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AW: Vereinssterben

Zitat:
Zitat von Mephisto Beitrag anzeigen
Der Trend ist leider nicht nur ein Frankfurter Phänomen, eher ein generelles, vor allem städtisches.

Die Kernfrage ist, ob Mehrspartenvereine sich eine Sportart wie TT leisten wollen. Generell sind Sportspiele mit Wettkämpfen die Draufzahlgeschäfte in Vereinen. In immer mehr Vereinen werden Kosten-/Nutzen-Rechnungen aufgemacht - d.h. wieviel Zeit verbringt ein Mitglied in der Halle und wieviel kostet dies - wieviel Mitglieder können gleichzeitig in der Halle untergebracht werden. Am lukrativsten sind da Mitglieder, die einmal die Woche für eine Stunde einen Kurs belegen, z.B. Step-Aerobic, und 50 Menschen können gleichzeitig beschäftigt werden. TT-Spieler trainieren bis zu dreimal die Woche, vielleicht sogar noch 2-3h und haben dann noch einen Wettkampf. TT-Tische kosten Platz, d.h. es kann nur eine bestimmte Anzahl von Menschen gleichzeitig dem Sport nachgehen.

Immer mehr Vereine leisten sich sogenannte Vereinsmanager, um genau nach diesen Kriterien einen Verein zu monitoren und dementsprechend das Sportangebot zu gestalten. Solche Vereinmanager besuchen Konferenzen und Lehrgänge, auf denen genau solche "Idealbilder" eines profitablen Vereins das erstrebenswerte Ziel darstellen. Vereine, die diesen effizienzorientierten Idealbild folgen, handeln aus verschiedenen Gründen. Einmal sind es Großvereine, die eigentliche den Namen nicht mehr wirklich verdienen, da sie eher Unternehmen sind. Andere wollen einfach das Angebot attraktiver machen. Und wiederum andere kämpfen schlichtweg um ihre Existenz. Insbesondere in Frankfurt (und in Städten) dürften dies nicht wenige sein, da die Hallen ne Menge Geld kosten. Auf dem Land bezahlen diese Kosten in der Regel die Gemeinden.

Und genau da stellt sich die Frage. Was ist ein Verein? Ist das eine Solidargemeinschaft, in dem "teure" Sparten (von denen TT eine ist) von "günstigen" Sparten (z.B. Turnen) getragen werden - oder eben nicht. Da spielt dann natürlich auch das Standing innerhalb eines Vereines (z.B. TT-Mensch mit Einfluss im Vorstand) und im Stadtteil sowie der Regionalpresse, aber auch Traditionen und Beständigkeit eine große Rolle. Wenn Image und Interesse da ist, seitens der Sparte TT auch Bereitschaft und Interesse an übergreifender Vereinsarbeit besteht, können Kostenfaktoren dann in den Hintergrund rücken, da das Prestige einen größeren Stellenwert einnimmt. D.h. TT-Sparten, die nur ihre eigene Suppe kochen und wenig Außenwirkung erzeugen, haben es schwer. Natürlich gibt es da auch Mischformen.

"Vereinsmanager" lernen, dass für solche "teuren" Wettspiel-Sparten die Zukunft eher in einer Eigenständigkeit liegt. Das ist mitentscheidend dafür, dass immer mehr TTC's und TTV's entstehen und noch mehr Vereine von der Landkarte verschwinden. Ein Mittelsweg kann z.B. eine Fusion sein. Da können zwar auch sportliche Gründe maßgeblich sein, i.d.R. sind es aber die finanziellen Mittel.

Aber es gibt auch andere Strategien damit umzugehen. Das können z.B. Abteilungssonderbeiträge sein, um die höheren Kosten auszugleichen. Eine andere Möglichkeit ist, dass ein Förderverein gegründet wird, der gezielt Ausgaben einer Sportart unabhängig vom Etat unterstützt. Auch sehr verbreitet sind Sponsoren oder Mäzen, die privates Geld in eine Sportart investieren. Wenn dies ein Mäzen ist, dann ist die Gefahr groß, dass er auch sehr viel bestimmen möchte, was nicht immer im Interesse der Spieler sein muss - aber auch hier gibt es positive Beispiele von Gönnern, denen es nicht nur um eine Spielwiese für Machtgelüste geht.

Ich persönlich sehe diese neue Kosten-/Nutzen-orientierte Vereinsphilosophien sehr kritisch, da ich einen Verein als Solidargemeinschaft sehe. Ebenso kritisch sehe ich die Situation in Städten wie Frankfurt, wo die Kommunen maßgeblichen Anteil daran haben, die Vereine auszubluten und die Hallenzeiten kostenpflichtig in Rechnung stellen (und gleichzeitig Gewerbesteuer verschenken). Nichtsdestotrotz muss man sich damit auseinandersetzen und Gegenstrategien initialisieren, um nicht auf einmal weg vom Fenster zu sein. Nebenbei stecken in den Gedanken um Umstrukturierung auch einige Chancen. Was ich schade finde, dass Vorstandsarbeit inzwischen einen mindestens genauso großen Fokus auf Geld wie auf den Sport legen muss.

Ich bin froh, dass ich in einem Verein bin, der sich im Grundsatz als Solidargemeinschaft versteht, auch wenn wir vom Zeitgeist nicht gänzlich verschont bleiben.

Um auf das Ausgangsthema zurückzukommen, würde ich es schön finden, wenn es weiterhin eine Koexistenz von großen und kleinen Vereinen, von Mehrspartenvereinen und TTC's geben würde. Ich persönlich finde es schöner, gegen OSC, TVN, Vorwärts etc. mit all ihren Besonderheiten zu spielen als nur noch gegen TTC XY 5 und TTV AB 6. Das hat mehr Charme.

Ich hoffe, durch den Ausflug zu den möglichen Hintergründen des "Vereinssterbens" im TT, nicht zu sehr vom Thema abgelenkt zu haben.
Dem ist nichts hinzuzufügen! Treffend analysiert und sehr gut kommentiert!
Auch wenn Gartengeräte im Tischtennisbereich eher selten anzutreffen sind...

Gruss Kalle

Geändert von Mephisto (09.02.2009 um 23:06 Uhr)
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