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Alt 03.03.2009, 23:23
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Rieslingrübe Rieslingrübe ist offline
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Post Out of the Past II

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Mal wieder ein kleiner theologisch-philosophischer Exkurs...

...hastig hingekrakelt zwischen fuselfreiem Fasten und faden Fußballgenüssen.


Abermals aus der nachdenklichen Feder des seligen
Hofpredigers zu Wien: Abraham a Santa Clara.

Niedergeschrieben im ausgehenden 17. Jahrhundert...



<< '.....Merkwürdig ist, daß die meisten Menschen in
gewisser Hinsicht den Geigen, den Harfen und Lauten
gleichen; denn ebenso wie diese Instrumente nur dann
schluchzen und klagen, wenn man sie schlägt, lassen auch
wir erst Seufzer, Ächzen und Wehlaute vernehmen, wenn
uns der Allmächtige mit Rutenstreichen züchtigt.

Lange Jahre leben wir in den Tag hinein, ohne dem Himmel
viele Gedanken zu widmen. Erst wenn Pest oder Krieg oder
Hungersnot vor der Türe stehen, rufen wir die Allmacht
an...' >>

- Der Musikus (1790) -


<<...'Wie weise verhielt sich Karl der Fünfte, dem es
gelungen war, sich zum Herrn über unermessliche
Ländereien aufzuschwingen. Trotz seiner Größe und Macht
hielt er sich stets die Vergänglichkeit allen irdischen Besitzes
vor Augen, und zwar dadurch, daß er in späteren Jahren
auf all seinen Reisen einen Sarg mit sich führte...

Wer Lebensklugheit lernen will,
Der stehe bei den Toten still
Und sehe, wie das Spiel sich wende...' >>


- Der Totengräber (1795) -



http://www.youtube.com/watch?v=3lfCM...ext=1&index=48

http://www.youtube.com/watch?v=ORfYE...eature=related



Wie große Philosophen dazu stehen ?

Nun, nicht unbedingt allzu konträr...



<< 'Im Leben ist nicht selten vom Ernste die Rede; der eine
wird ernsthaft über den Staatsschulden, ein anderer über den
Kategorien, ein dritter über einer Theateraufführung usw.

Daß dies so geschieht, entdeckt die Ironie, und diese
hat damit genug zu tun; denn jeder, der an unrechter Stelle
ernsthaft wird, ist eo ipso komisch, obwohl auch eine derart
komisch travestierte Zeitgenossenschaft und deren Meinung
dabei höchst ernsthaft mittun kann.

Es gibt darum keinen sicheren Maßstab dafür, wozu ein
Individuum in seinem tiefsten Grunde taugt, als wenn man
durch die eigene Mitteilsamkeit desselben erfährt oder ihm
das Geheimnis wider seinen Willen entlockt : was ihm das
Leben ernst macht.
Denn man kann wohl mit Gemüt zur Welt kommen, nicht aber mit Ernst...
(......)

Die Angst ist die Möglichkeit der Freiheit; nur diese Angst ist
in Verbindung mit dem Glauben absolut bildend, indem sie
alle Endlichkeiten verzehrt, alle Täuschungen derselben
aufdeckt....

Wer durch die Angst gebildet wird, der wird durch die
Möglichkeit gebildet, und erst der, welcher durch die
Möglichkeit gebildet wurde, ist nach seiner Unendlichkeit
gebildet.

Die Möglichkeit ist darum die schwerste aller Kategorien.
Man hört wohl oft das Gegenteil: die Möglichkeit sei so
leicht, die Wirklichkeit so schwer.

Von wem aber hört man solche Reden ?

Von manchen elenden Menschen, die nie gewusst haben,
was Möglichkeit ist, und dann, wie die Wirklichkeit ihnen
gezeigt hatte, dass sie zu nichts taugen und zu nichts
taugen würden, lügnerisch eine Möglichkeit auffrischten,
die so schön, so bezaubernd war, die aber im besten Falle
einer etwas jugendlichen Albernheit entsprang, deren man
sich eher schämen sollte.

Unter der Möglichkeit, die so leicht sein soll, versteht man im
Allgemeinen die Möglichkeit von Glück, Erfolg usw.

Das ist aber gar keine Möglichkeit, das ist eine lügnerische
Erfindung, welche die menschliche Verdorbenheit aufputzt,
um doch mit guter Manier über das Leben, die Vorsehung
klagen zu können und sich selbst wichtig zu werden....>>




Sören Kierkegaard

'Der Begriff der Angst' , 1844

(Kurze Auszüge aus dem vierten & fünften Kapitel)
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