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Wer ist Boll?
© Frankfurter Rundschau vom 27.03.03
Der Tischtennis-Weltranglistenerste ist für viele Fans und Sponsoren ein unbeschriebenes Blatt / EM ab Samstag in Italien
Von Sven Astheimer
Michael Ballacks Titel-Sammlung nimmt sich noch relativ bescheiden aus. Genau genommen herrscht in seinem Trophäenschrank, abgesehen von ein paar zweiten Plätzen, gähnende Leere. Von Sebastian Deisler ganz zu schweigen. Da aber die beiden Herren im Brotberuf professionelle Fußballspieler beim FC Bayern München sind, macht das nichts. Denn als Profi-Kicker genießen die beiden Jungstars schon in ihren frühen Karrierejahren die ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuwendung von Fans und Sponsoren. Da erregt die dritte Pressekonferenz zum Oberschenkelzwicken mehr Aufmerksamkeit als andernorts ein Olympiasieg.
So viel Glück hat nicht jeder. Die beiden Ausnahmespieler Timo Boll und Jörg Rosskopf in seiner Mannschaft zu haben, erregt in der Sportart Tischtennis so viel Aufmerksamkeit, als würde man bei den Bayern noch Christoph Daum neben Hitzfeld auf die Trainerbank setzen. Doch der TV Gönnern ist weit weg vom FC Hollywood.
Der mittelhessische Bundesligist kämpft um seine Existenz. Das hässliche Wort von Insolvenz macht immer mal wieder die Runde. Und obwohl Rosskopf gerade erst seinen Vertrag verlängert hat, stellt sich die Frage, wie lange sich der Club sein Spitzen-Duo wird leisten können. Denn die erhofften Werbeeinnahmen lassen für den Ex-Weltmeister und den Weltranglistenersten weiter auf sich warten. Gönnerns Manager Torsten Märte zog vor kurzem ein ernüchterndes Fazit: Trotz Boll und Rosskopf sei "noch kein einziger Sponsor dazu gekommen." Der Weg zu Ruhm und Geld ist eben lang - und für Randsportler noch ein wenig länger.
Horizont, Fachzeitschrift der Werbetreibenden, veröffentlicht jeden Monat eine Studie zum Bekanntheitsgrad von 50 ausgesuchten deutschen Sportlern. Laut der letzten Analyse kennen jeweils 93,1 Prozent der Befragten Michael und Ralf Schumacher, auch Oliver Kahn, die Klitschko-Brüder und Stefan Effenberg waren ein Begriff. Timo Boll dagegen landete auf dem 49. und vorletzten Platz, hinter dem Triathleten Lothar Leder und nur vor der Leichtathletin Sina Schielke. Selbst Rosskopf hat deutlich bessere Werte. "Nummer eins in der Welt, und doch (noch) ein Nobody" titelte das Magazin über Boll.
Boll mag das Wörtchen "noch" in der Formulierung ermutigen. Schließlich feilen seine Berater mit Hochdruck am Image des 22-Jährigen, seit dieser Anfang 2002 mit dem Sieg beim Europe Top 12 Turnier die erste internationale Duftmarke setzte. Bis dahin bildete der Linkshänder mit seinem Trainer Helmut Hampel, der schon Rosskopf groß machte, eine verschworene Einheit. Timo Boll: ruhig, nett, höflich, keine Skandale - und ein bissel öde.
Mittlerweile koordiniert ein ehemaliger Journalist Bolls PR-Termine, arrangiert Homestorys in der Boulevard-Presse, die Boll und seine hübsche Freundin Deli auf der Couch zeigen. Für viele Sportler sind die eigenen vier Wände tabu. Fredi Bobic beispielsweise, der mit dem selben Medienagenten zusammen arbeitet, schützt seine Familie vor jeder Kameralinse. Nur: Bobic ist Fußballprofi und berühmt. Boll will es erst noch werden.
Und so sitzt er tapfer - wenn auch manchmal steif wie zu lang geschlagene Schlagsahne - abwechselnd am Tresen des ZDF-Sportstudios oder auf der Couch von Comedy-Kasper Stefan Raab, steckt sich bei letzterem artig Tischtennisbälle in den Mund bis kurz vorm Erbrechen und macht die Ochsentour auf dem Weg zum Ruhm. Bolls Kollege Rosskopf hat 1989 sein Stück des großen Glamours abbekommen. Sein WM-Titel von Dortmund im Doppel mit Steffen "Speedy" Fetzner rückte die kleine Zelluloid-Kugel kurzfristig ins Rampenlicht. Doch das ist lange vorbei. Live-Übertragungen von Europacup-Spielen wie damals seien heute "unvorstellbar", sagt Rosskopf.
Mittlerweile laufen den Vereinen die Mitglieder weg. Vor allem Mädchen und Frauen können an dem Rückschlagspiel nur wenig Gefallen finden. Während in vielen anderen großen Fachverbänden (Fußball, Tennis, Handball, etc.) der Anteil weiblicher Mitglieder mehr als 35 Prozent beträgt, sind es beim Tischtennis unter 25. Und an der Basis ist häufig zu hören: "Vom Boll-Boom merken wir noch nichts."
Damit sich die Erfolge des weltbesten Spielers auch für die Sportart auszahlen, muss Boll noch einen ganz großen Coup landen - glaubt Jörg Rosskopf. Deshalb sei die Verteidigung von Bolls Goldmedaille bei der am Samstag im italienischen Skiort Courmayeur beginnenden EM nicht mehr als eine Warmlaufphase. Denn in der Branche wissen alle: Boll muss einen der zwei ganz großen Titel gewinnen. Entweder Olympia, was erst 2004 in Athen möglich sein wird. Oder die Weltmeisterschaft. Diese Chance bietet sich bereits im Mai in Paris. Mit WM-Gold dekoriert, würde Boll wohl nicht nur Lothar Leders Popularität spielend übertreffen.
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