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Alt 27.03.2003, 11:12
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Jörg Roßkopf - Vom Alleinunterhalter zum Auslaufmodell?

© Stuttgarter Zeitung online vom 27.03.03

Der Tischtennis-Profi Jörg Roßkopf sucht wieder den Anschluss

Am Samstag beginnen die Tischtennis-Europameisterschaften im italienischen Courmayeur. Im Mittelpunkt steht dann der Titelverteidiger Timo Boll. Ein Spieler, der über Jahre hinweg diese Sportart in Deutschland dominiert hat, wird dagegen im Abseits stehen: Jörg Roßkopf.

Von Tobias Schall

Als Jörg Roßkopf 1989 Weltmeister im Doppel geworden war, da saß Timo Boll wahrscheinlich gerade in der Grundschule. Als Timo Boll im vergangenen Jahr das europäische Ranglistenturnier gewann, da saß Jörg Roßkopf wahrscheinlich gerade beim Arzt. Als Timo Boll im vergangenen Jahr Europameister wurde, da saß Jörg Roßkopf wahrscheinlich auch beim Arzt. Und als Timo Boll im vergangenen Jahr den Weltcup in China gewann, da saß Jörg Roßkopf - genau: wahrscheinlich auch wieder beim Arzt.

Die Zeiten haben sich geändert.

Jörg Roßkopf, 33, Spitzname "Mr. Tischtennis". Das Jahr des kometenhaften Aufstiegs des jungen Emporkömmlings Timo Boll, 21, ist das schlimmste Jahr in der Karriere des Grandseigneurs des deutschen Tischtennis gewesen. Nicht wegen Timo Boll. Der Ellenbogen, der Roßkopf schon seit vielen Jahren Sorgen bereitet, machte endgültig nicht mehr mit. Eine chronische Entzündung, ständige Schmerzen, unzählige Arzttermine, Operationen, insgesamt 14 Monate Pause. Er konnte nur zuschauen wie ihm, dem Denkmal im deutschen Tischtennis, der Rang abgelaufen wurde.

Timo Boll hier, Timo Boll da, Timo Boll überall - und Jörg Roßkopf? Weg. Weg von der Bildfläche. "Es ist eine bittere Erfahrung, wenn man spürt, dass manche nicht mehr zu einem stehen oder nicht mehr an einen glauben. Man lernt in einer solchen Situation die wahren Freunde nicht nur kennen, sondern auch zu schätzen", sagt er. Er hat sich durchgebissen. Wie so oft in seiner Karriere. Als einer, der nicht mit solch einem Talent wie zum Beispiel Timo Boll gesegnet ist, hat er gelernt, zu kämpfen. Nun muss er wieder kämpfen. Um den Anschluss an der Platte und um den Respekt für seine Verdienste.

Das ist nicht einfach für einen, der viele Jahre der Alleinunterhalter im deutschen Tischtennis war: Lange Zeit stand Jörg Roßkopf im Zentrum des deutschen Interesses an dem Sport mit dem Zelluloidball. Er sagt: "Am Anfang war es schon ein komisches Gefühl, dass sich auf einmal alles um Timo Boll dreht. Aber das ist in Ordnung, ich habe damit kein Problem."

In der Bundesliga wurde er vom Ligaausschuss bei seinem Verein TTV Gönnern, in dem auch Timo Boll spielt, von Position zwei in das hintere Paarkreuz an Rang vier zurückgestuft. Erstmals seit 1986 muss er nun im hinteren Paarkreuz spielen. Roßkopfs Bilanz war der Grund. Majestätsbeleidigung. "Als Spieler, der viel für das deutsche Tischtennis und die Bundesliga geleistet hat, hätte ich mir eine andere Behandlung gewünscht. Ich bin sehr enttäuscht. Aber ich komme wieder. Die Form wird besser."

Bei der Wahl zu Deutschlands Tischtennisspieler des Jahres 2002 wurde er Zweiter - mit vier Prozent aller Stimmen hinter Timo Boll (92 Prozent). Ein Debakel oder ein gutes Ergebnis für jemanden, der im Jahr 2002 so gut wie nie zum Schläger greifen konnte? Ansichtssache. Fakt ist: "Ohne meine Verletzung hätte der Wechsel sicher länger gedauert, so aber hat mein Ellenbogen die Entwicklung forciert und Timo noch mehr Aufmerksamkeit gebracht", sagt er.

Und wie. Beim europäischen Ranglistenturnier in Saarbrücken Anfang des Jahres zum Beispiel. Es ist der erste große Auftritt des Jörg Roßkopf nach seiner Verletzung gewesen. Dort, wo die Kameras des Fernsehens aufgebaut sind, dort spielt - Timo Boll. Dort, wo die vielen Experten unter den Fans zuschauen, dort spielt - Jörg Roßkopf gegen den Weißrussen Wladimir Samsonow. Außerhalb der Tischtennisszene eine Randnotiz.

"Wir alle können froh sein, dass es Timo gibt", sagt Roßkopf. Man glaubt es ihm, denn Roßkopf weiß, was er für das deutsche Tischtennis geleistet hat. Dass nun ein anderer im Rampenlicht steht, ist zwar hart, aber er kann damit umgehen. Sagt er.

"Ich habe viel von ihm gelernt", sagt auch Timo Boll. So viel, dass sich von Samstag an - dem Beginn der Europameisterschaften im italienischen Courmayeur (bis 6. April) - alles auf ihn konzentrieren wird. Jörg Roßkopf wird versuchen, mit der Mannschaft den Titel zu gewinnen. Sein großer Traum. Timo Boll will alles. Die Mannschaft, das Doppel, das Einzel. "Er ist eine Klasse für sich", sagt Roßkopf. Er selbst ist das auch mal gewesen.
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