Mal ganz ungerichtet gefragt: Merkt hier eigentlich niemand, wie unwichtig jede(r) Einzelne von uns ist, angesichts des gewaltigen gesellschaftlichen Fortschritts, der umfassenden Wissenschaft, der Allmächtigkeit der Finanzsysteme, der Größe Gottes, der Gegenwärtigkeit von H1N1 oder HIV...?
Noch mal ganz ungerichtet gefragt: Merkt hier eigentlich niemand, wie wichtig jede(r) Einzelne von uns ist, angesichts der Tatsache, dass wir jetzt einfach da sind...?
Das ist wohl die Crux allen Seins - völlig unbedeutend, wenn man die Maßstäbe des Universums heranzieht...und dennoch einzigartig, ja unbestritten sogar besonders, wenn man sich selbst betrachtet...hm...
Mittelweg...? Geht wohl nicht.
Warum eigentlich nicht...? Sind wir zu groß, zu klein, zu wichtig, zu unwichtig - offensichtlich beherrscht "uns" ein Selbstverständnis, das keine Toleranzen mehr zulässt. "Entweder ich bin so oder so - Hauptsache, ICH bin!"
Selbstverwirklichung, Streben nach Ruhm, Geld und Anerkennung, Würdigung von Verdiensten oder einfach nur der/die Coolste, Alternativste, Verständnisvollste, Bescheidenste, Ehrgeizigste, Eloquenteste, Kinderliebste, Tierliebste...zu sein - irgendwo findet sich jede(r) wieder. Oder?
"Gerechtigkeit"...? Wo fängt die an, wo hört die auf? Fühlt sich jemand gerechter behandelt, wenn er mit minimalen Voraussetzungen ein Quantum Leben schöpft oder jemand, der mit goldenem Löffel im Mund aufgewachsen ist, sich gegen seine Umgebung auflehnt, aber niemals die Grenzen seiner gesellschaftlichen Stellung überschreiten darf?
Ich kann meinen derzeitigen Zustand nur für mich selbst definieren: Mir geht es wahnsinnig gut! Dennoch bin ich unzufrieden - mit den Umständen, mit der gesellschaftlichen Situation, mit mir selbst...weil ich vielleicht nicht genug zur Verbesserung der Gesellschaft beitrage, weil ich vielleicht nicht aktiv genug daran arbeite, weil ich immer wieder Unzufriedenheit bei Anderen erkenne. Weil auch unser "noch so gutes" System noch so viele Fehler hat, dass man selbst nicht zufrieden sein kann, wenn derart hohe Unzufriedenheit evident ist.
Kant'sche Unmündigkeit, die man als erklärendes Balsam über die eigenen Wunden streicht...? Zu einfach! Diese Gesellschaft ist nun mal nur eine höchst labile Annäherung an einen "Idealzustand".
Für mich war der "Idealzustand" damals bei meiner Oma, als ich noch ein kleiner Junge war. Oma hat Brot gebacken und mit mir über den "Lieben Gott" geredet. Oma hat mir trotzdem Entscheidungsfreiheit gelassen. Ich musste nicht beten oder in die Kirche rennen. Oma hat mich Dummheiten machen lassen, die Kinder machen. Ich habe den Stachelbeerstrauch der Nachbarn meiner Großeltern komplett geplündert, mir dabei den Magen verrenkt, und Oma hat mich getröstet, mit den Nachbarn alles geklärt und mir am Abend ein Märchen vorgelesen, damit ich ohne Sorge einschlafe.
DAS ist ein Aspekt, an dem man WERTE festmachen kann (nicht muss!). Doch diese wahren WERTE sind offensichtlich über die Zeit zunehmend in den Hintergrund geraten. Das klingt vielleicht alles unglaublich naiv, aber ich persönlich fühle mich umso wohler, je mehr ich mich an solchen Werten orientiere; nicht an schnödem Mammon oder an dem, was andere (größtenteils mir völlig fremde) Menschen über mich denken, sondern am Miteinander, an der Verantwortung füreinander...am Dasein für die nächsten Generationen...da sind wir dann vielleicht irgendwann Oma oder Opa; eine großartige Chance, etwas zu bewegen!
Olaf