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Alt 02.10.2009, 12:42
Old Schmetterhand Old Schmetterhand ist offline
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AW: Wie motiviert man pubertierende "Isch hab kein Bock"-Jugendliche?

Wie motiviert man Jugendliche?

Ein sehr interessantes Thema. Es wurden viele gute und richtige Dinge geschrieben aber auch einiges, was mich doch sehr verwundert hat.

Sehr oft sind 2 Aussagen im Vordergrund:

1. Wir wollen keine Mitglieder verlieren
2. Wer nicht trainieren will, muss auch nicht und darf machen, was er will, solange er keinen anderen stört.

Sorry, aber beide Prämissen halte ich für falsch, bzw. für zu kurzfristig gedacht!

Meine Philosophie lautet:

1. Wir sind ein Sportverein und unser Ziel ist es, am Tischtennissport interessierten Kindern und Jugendlichen ein gleichermaßen forderndes wie förderndes Training anzubieten um so sportliche Erfolge zu erzielen. Keinesfalls wollen und sollen wir ein Auffangbecken für Kinder sein, die von ihren Eltern ins Training „abgeschoben“ werden und eigentlich gar keine Lust dazu haben.

2. Motivation kann niemals von außen aufgezwungen werden, sondern muss vom jeweiligen Spieler selbst kommen. Die Aufgabe des Trainers ist es Motivationsanreize zu geben, Ziele zu setzen und diese gemeinsam mit den Jugendlichen zu erreichen. Eben die richtige Mischung aus Spaß und diszipliniertem Training.

Um diese Philosophie umzusetzen, gibt es bei uns im Verein einige Regeln, auf deren Einhaltung wir pedantisch achten und deren Nichtbefolgung sehr schnell negative Konsequenzen nach sich zieht:

- Pünktlichkeit (Wer mehr als 10 Minuten zu spät kommt, kann gleich wieder nach Hause gehen und es beim nächsten Training nochmals versuchen, rechtzeitig anwesend zu sein)
- Dem Trainingsbetrieb angemessene Sportkleidung. (Bei mir spielt niemand in Jeans, barfuß, mit Mütze oder was man sonst noch so gerne antrifft. Wer keine angemessene Sportkleidung trägt, kann ebenfalls bereits am Halleneingang den Rückweg einschlagen)
- Sorgsamer Umgang mit dem zur Verfügung gestellten Material (Platten, Netze, Bälle, Banden)
- Ich bin Trainer und kein Hausmeister! Wer versucht sich zu verdrücken ohne sein Material wieder aufgeräumt zu haben bekommt richtig Ärger, beim zweiten Mal schmeiße ich ihn endgültig raus.
- Rundlauf spielt man im Park auf der Steinplatte, aber nicht in einem Tischtennisverein.

Das sind die Regeln, die unumstößlich sind und bei denen ich überhaupt keinen Spaß verstehe. Das wissen die Kinder (jedem, der neu zu uns kommt, sage ich das persönlich, ebenso den Eltern, die ja oft beim ersten Training die Kinder abgeben) und halten sich auch daran.

Wenn man so was neu einführt, ist man natürlich erstmal der harte Hund. Aber gewisse Regeln gibt es in jedem menschlichen Miteinander, in der Schule und vor allem auch später mal im Beruf.

Den einen oder anderen wird man dadurch auch abschrecken, aber das ist von meiner Seite durchaus gewollt. Die Anzahl unserer Kinder und Jugendlichen ist zwar kurzfristig zurückgegangen, aber anschließend wieder umso stärker angestiegen. Als ich in unserem Verein vor 8 Jahren begonnen habe, gab es eine Jungenmannschaft in der untersten Kreisliga und eine große Anzahl von Freizeitspielern. Heute haben wir 4 Mannschaften (in der Spitze waren es 5) über alle Ligen verteilt und einige ehemalige Jugendliche sind bereits erfolgreich in die 4 Herrenmannschaften zwischen 3. Kreisliga und 1. Bezirksliga integriert und übernehmen ihrerseits schon Verantwortung im Jugendtraining.

Ich will damit sagen, dass das „Aussieben“ mittelfristig nicht zu weniger Einnahmen für den Verein führt, sondern eher zu mehr, weil das Niveau des Trainings und vor allem der Trainierenden steigt. Damit vermehren sich auch die Erfolge, dies schafft wiederum Motivation und zieht auch wieder neue Spieler an, die eben kein „Larifari“-Training haben wollen, sondern ernsthaft daran interessiert sind Tischtennis zu spielen und sich zu verbessern.

Zwischenzeitlich hatten wir sogar das Problem, so viele Kinder in der Halle zu haben, dass an jeder zweiten Platte Doppel gespielt werden musste. Das war natürlich alles andere als optimal und deshalb haben wir dann das Aufwärmtraining etwas fordernder gestaltet . Jetzt ist alles wieder auf Idealniveau. Übrigens: Von den Mannschaftsspielern hat sich dadurch keiner abschrecken lassen – ganz im Gegenteil. Wir haben also nur die verloren, die wir auch verlieren wollten. Ich habe auch offen kommuniziert, was ich dadurch erreichen will. Niemand liebt Aufwärmtraining, aber es gehört nun mal dazu und zeitweise war es eben etwas anstrengender. Aber es war ja für einen guten Zweck und die Spieler haben das verstanden.

Damit komme ich zum zweiten Punkt, der Motivation.

Wir arbeiten mit zwei Trainingsgruppen und zwei Trainern pro Einheit.

Die Leistungsgruppe umfasst dabei die Mannschaftsspieler und den Nachwuchs, der an den Punktspielbetrieb herangeführt werden soll.

Vorraussetzung für die Aufnahme in die Leistungsgruppe ist das grobe Beherrschen der Grundschläge, so dass jeder in der Lage ist, sinnvolle Übungen zu spielen.

Die Leistungsgruppe spielt zwar in der selben Halle wie der Rest, ist jedoch durch Banden räumlich und optisch wahrnehmbar von den anderen getrennt. Desweiteren hat sie einige Privilegien. So bekommen diese Spieler die besseren (neueren) Platten und Netze, müssen bei Überbelegung niemals Doppel spielen (außer ich will das gezielt trainieren), dürfen Multi-Ball-Training machen (Bälle werden für diese Spieler vom Verein gestellt) und bekommen Balleimer-Training. I.d.R. kommt jeder Spieler bei mindestens jeder zweiten Trainingseinheit an den Balleimer.

Das Balleimertraining wird von den Kindern tatsächlich auch als Privileg verstanden und sie sind heiß darauf. Regelmäßig entsteht ein Wettbewerb, wer darf an diesem Tag und wer zuerst. Sehr oft werde ich schon vor Trainingsbeginn von einigen gefragt, ob sie heute an den Balleimer dürfen.

Das Ziel der zweiten Gruppe ist das Erlernen der Grundschläge mittels geeigneter Übungen und Anleitung durch den zweiten Trainer. Hier ist erfahrungsgemäß Disziplin und Motivation nicht ganz so hoch, das ist aber auch nicht schlimm. Es wird aber durchaus darauf geachtet, dass jeder seine Übungen halbwegs vernünftig spielt.

Die letzten 15 Minuten mischen wir dann beide Gruppen und spielen Auf- und Abstiegsturnier. Hier zeigt sich dann auch sehr schnell, wer den Sprung in die Leistungsgruppe schaffen könnte und denjenigen wird das dann auch als „Möhrchen vor die Nase gehalten“. Z.B. „Du hast heute sehr gut trainiert und ich könnte mir schon vorstellen, Dich vielleicht bald in die Leistungsgruppe zu holen. Mach einfach so weiter!“ Und – schwups – ist manchmal einer richtig motiviert und gibt noch mehr Gas!

Aber natürlich gibt es auch den Weg zurück. Jeder darf mal einen schlechten Tag haben, das ist ok und natürlich. Niemand kann jeden Tag gleichermaßen konzentriert und motiviert sein. Und auch leistungsorientiertes Training kann und soll Spaß machen und abwechslungsreich sein – zumindest meistens. Wenn jemand aber länger durchhängt, spreche ich schon an und frage ihn ernsthaft, ob er glaubt, unter diesen Vorraussetzungen in der Leistungsgruppe und/oder Mannschaft noch richtig aufgehoben zu sein.

Ich weiß nicht, ob unser Weg der allein glücklich machende ist. Zumindest habe ich ihn aber in den letzten 8 Jahren als durchaus erfolgreich wahrgenommen.

Und vielleicht ist für den ein oder anderen jüngeren Trainer, der noch wenig Erfahrung in diesem Bereich hat, eine Idee dabei, die ihm hilft sein Training erfolgreicher und stressfreier zu gestalten.

Schließlich haben wir letztendlich doch alle das selbe Ziel: Unseren schönen Sport an interessierte Kinder und Jugendliche zu vermitteln. Oder?
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