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Alt 03.11.2009, 02:08
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Carstens_Brüderchen Carstens_Brüderchen ist offline
Isch hol glei mein Bruda!
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AW: DER Thread für politisch Interessierte

Zur Frage, ob ich schon mal von Väterchen Staat gelebt habe: Im Prinzip als ich beim Bund war. Da gab's 15 Monate lang neben dem Monatssold von 253,- DM (zum Schluss! Zu Anfang war es weniger) natürlich noch freie Kost und Logis. Die Kost war nicht lecker, die Logis war eher spartanisch, der Roomservice war 'ne Katastrophe...

Nach dem Bund bin ich bei meinen Eltern ausgezogen, ohne einen Pfennig Geld in der Tasche. Hatte keinen Job und mir 'ne Bude gemietet für 350,- DM Kaltmiete. Am Ende des ersten Monats musste die Kohle da sein, sonst wäre ich rausgeflogen. Also habe ich alle möglichen Jobs angefragt und bin dann nach einigen Jobs als Bauhelfer als Lagerarbeiter bei Mercedes-Benz in Dortmund gelandet - damals für immerhin 1.400,- DM brutto. Das waren knapp 1.000,- netto. Immerhin! Dafür habe ich 40 Stunden die Woche alles geschleppt, was an der Fahrzeugflotte so verbaut wurde - vom Gumminippel für die Scheibenwischerdichtung bis zum LKW-Getriebe (Lagerort 50, wenn ich mich recht entsinne...). Dass man als Anfänger natürlich eher die Getriebe als die Gummidichtungen bedienen durfte, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Aber egal! Ich stand somit auf eigenen Füßen!

Ich hatte auch kurz vor dem Lagerjob mal versucht, Wohngeld zu beantragen. Da sagte man mir dann, dass ich einen Anspruch auf Wohngeld habe, weil quasi jeder Mensch einen gesetzlichen Anspruch habe, aber dass mein Anspruch die Summe von 0,- DM nicht übersteige...

Somit verwies man mich auf das Einkommen meiner Eltern und dass ich diese auf Zahlung von Leistungen verklagen könne. Hm - das fand ich dann doch etwas überzogen...ich stand zwar zu der Zeit mit meinen Eltern etwas auf Kriegsfuß (weshalb ich ja das traute Heim verlassen hatte), aber DAS wäre für mich einer menschlichen Bankrotterklärung gleichgekommen. Also Arsch hoch und verdammt noch mal selber klar kommen!

Hat mir nicht geschadet - auf dem Wege habe ich zwar nicht die Erfahrung gemacht, von Sozialhilfe zu leben, dafür aber, was es heißt, das von vornherein zu vermeiden. Das war MIR persönlich wichtig. Und wir reden hier nicht von Goldenen Löffeln im Allerwertesten, mit denen man geboren ist, nicht von Privatschulen oder Academies, die es mir ermöglicht hätten, das mit einem abschätzigen Blick abzutun. Ich hatte mein Abi in der Tasche und hatte vielleicht mehr Perspektiven als Andere, aber ich habe monatelang Tapeten bei der Neuen Heimat abgekratzt, die seit 90 Jahren in 20 Lagen übereinander geklebt waren, habe weitere Monate alte Scheißhäuser (Entschuldigung für die Wortwahl, aber alles andere wäre unpassend) leergepumpt oder komplett abgerissen (auch lecker...), noch ein paar Monate auf dem Bau Steine geschleppt und dann knapp zwei Jahre Getriebe gewuchtet. Feine Sache, das!

Während des späteren Studiums habe ich auch durchgehend gearbeitet - Vollzeit in der Spät- bzw. Nachtschicht übrigens. BaFöG gab's nicht, weil meine Eltern immer noch zuviel verdienten..."Aber Sie können Ihre Eltern verklagen..."..."Ja ja...!"

Selbstwertgefühl hat vor allem damit zu tun, was man selbst dafür zu tun bereit ist. Ich habe nicht nach Spitzenjobs in der Bank geschielt, sondern habe Tätigkeiten ausgeübt, die nicht zwingend als "Spitzenjobs" betrachtet werden, ABER: Das waren alles Jobs, derer sich absolut niemand zu schämen braucht! (...im Gegensatz zu vielen Bankern und Managern heutzutage sowieso nicht!!).

Okay, damals war damals. Nur stellt sich mir schon seit vielen Jahren zunehmend die Frage, ob diese Welt immer weiter in ein Anspruchsdenken verfällt, das jedem Vollidioten bereits vor der Geburt ein Dasein als "Superstar" zusichert. Das Thema habe ich schon mal vor geraumer Zeit ausgewälzt und will ich nicht noch mal ausrollen. Allerdings sehe ich die wesentliche Schieflage heute in der Selbstbetrachtung vieler Menschen, die deutlich über ihren Fähigkeiten liegt. Dieser Dissens ist allerdings zu einem Großteil gesellschaftlich beeinflusst. "Wer Dixi-Klos sauber macht, ist ein Loser!" So sieht doch die gesellschaftliche Bewertung aus! Ich kann an dieser Tätigkeit nichts Verwerfliches finden. Wenn ich eine Familie damit ernähren und meinen Kindern die Chance bieten kann, mal einen besser bezahlten Job zu erlernen, dann ist das aller Ehren wert!

Zugegeben - ich muss es nicht. Aber ich würde es tun, wenn ich müsste! Und da weiß ich definitiv, wovon ich rede!
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"Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen." George Orwell (1903-50), eigtl. Eric Arthur Blair, engl. Schriftsteller.