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Alt 03.11.2009, 11:46
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Carstens_Brüderchen Carstens_Brüderchen ist offline
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Zitat:
Zitat von Jaskula Beitrag anzeigen
Ist ja alles schön und gut und zeigt, dass man mit Motivation und Anstrengung vieles selbst regeln kann. Leider ist aus Deinem Beitrag aber im Unterton herauszuhören, dass somit alle, die auf Staatshilfe angewiesen sind mehr oder weniger selbst schuld sind. Das geht aber m.E. an der heutigen Realität der betroffenen vorbei.

Den Unterton habe ich nicht bezweckt. Es sind keineswegs alle selbst schuld, wenn sie staatliche Hilfe beziehen, einige schon.

Du warst jung und brauchtest das Geld ...

Stell Dir vor, Du hättest bei Mercedes-Benz gelernt, dann 35 Jahre dort gearbeitet und wirst dann betriebsbedingt gekündigt. Mit Mitte 50 ist Dein geschilderter Lebenslauf nicht mehr ganz so einfach realisierbar. Du wirst weder auf dem Bau, noch beim Getriebeschleppen gute Chancen haben. Trotzdem fällst Du in kürzester Zeit in Hartz-4. Ab da bist Du dann sofort Alkoholiker und lebensunfähig.

Ist das so, wenn man schwer vermittelbar ist? Kann mir ja noch passieren - ob aus gesundheitlichen Gründen oder durch den endgültigen Vollkollaps der Weltwirtschaft. Ich bin dann als Selbstständiger mal so richtig fertig mit Schönschreiben! Da lande ICH dann nämlich direkt in der untersten Schublade der sozialen Hilfe, ohne noch mal über Los zu gehen. Frührente geht auch nicht wirklich - staatliche Rente beliefe sich nach derzeitigen Hochrechnungen auf 241,- Euro, für die private Rente habe ich noch nicht lange genug eingezahlt, dass da ein merklicher Betrag bei rauskäme. Dieses Risiko trage ich nun seit 15 Jahren. Die Bombe kann jederzeit platzen - Schlaganfall, Krebs, Unfall...interessiert sich dann jemand für mein Schicksal...? Eher nicht. Würde ich dann einem HartzIV-Empfänger, der nie gearbeitet hat (ich weiß, das ist nicht der Großteil) mein Leid klagen, käme dann eher sowas wie "Selbst schuld! Das haste jetzt davon, dass Du die ganze Zeit geackert hast!" oder wie...?

Stell Dir vor, Du hättest kein Abitur, sondern nur Hauptschulabschluss. In der heutigen Zeit stehen Dir damit nur wenige Türen offen. Dann schlägst Du Dich durch immer neue zeitlich befristete Jobs, musst immer wieder von Neuem suchen, weil wieder mal Dein Job wegrationalisiert oder ins Ausland verlagert wurde. Wenn Dein Lebenslauf dann irgendwann in keine Bewerbungsmappe mehr passt, wirst Du als unzuverlässig und sprunghaft angesehen und immer weniger Chancen haben. Die Brüche in Deinem Berufsleben werden sich auch in Deiner Seele spiegeln. Familiengründung auf unbestimmte Zeit verschoben. Dann stellt sich die Frage, ob Du tatsächlich die Kraft und Energie hättest, auch in dieser Situation alles selbst in die Hand zu nehmen. Diese Frage kannst Du m.E. nicht wirklich beantworten.

Ich weiß nicht, was Du ein Bild von mir hast, aber es weicht offensichtlich vollkommen von der Realität meines Lebens ab. In keinem Fall kannst Du jedenfalls beurteilen, ob oder warum ich die von Dir gestellte Frage wirklich beantworten kann oder nicht. Ich habe in meinem Leben schon so einige herbe Rückschläge hinnehmen dürfen. Die werde ich hier allerdings nicht in Form eines weiterführenden Seelen-Striptease ausbreiten. Jedenfalls bin ich schon mehr als einmal wieder aufgestanden in Situationen, in denen viele Andere aufgegeben hätten. Das kannst Du glauben oder eben nicht.

Es gibt heute so viele verschiedene Möglichkeiten in den Genuß von staatlichen Almosen zu kommen, dass jede Verallgemeinerung eine Beleidigung darstellt. Bei manchen Schicksalen möchte ich mal sehen, dass Du einem Betroffenen Deine Geschichte genau so erzählen und ihm dabei in die Augen schauen kannst.
Ich habe nicht verallgemeinert, sondern meinen eigenen Werdegang geschildert. Das sollte auch nicht dazu gereichen, aus dem "Wettbewerb für den härtesten Lebenslauf" als Sieger hervorzugehen.

Muss ich mich aber schämen, weil ich es vielleicht nicht so schlecht gehabt habe, wie einige der von Dir aufgeführten Betroffenen? Nein, schämen würde ich mich definitiv nicht! Und ich könnte den Leuten dabei garantiert in die Augen schauen. Oder habe ich dieses Recht verwirkt, WEIL ich mein Leben lang hart gearbeitet habe...?
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"Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen." George Orwell (1903-50), eigtl. Eric Arthur Blair, engl. Schriftsteller.