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Alt 02.12.2009, 00:37
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Carstens_Brüderchen Carstens_Brüderchen ist offline
Isch hol glei mein Bruda!
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AW: DER Thread für politisch Interessierte

Zitat:
Zitat von stefan.s Beitrag anzeigen
Heikles Thema, finde ich. Sicher einerseits richtig, was Du sagst, aber bei näherer Kenntnis der bundesrepublikanischen Politkultur der letzten Jahrzehnte auch irgendwie scheinheilig.

Oder soll und kann man heute sagen, diese sei ja 'Gechichte'? Oder gar: 'wir durften/dürfen das'! Ist ja unsers hier?

Vielleicht hätte man die Damen und Herren dann dort auch nicht mit blühenden..ach ihr wißt schon... und Bananen locken sollen oder zumindest nicht mit uneingeschränktem Wahlrecht ausstatten sollen, ind 'diesem unserem Lande'...
Na ja, da sind wir schnell wieder bei Grundsatzdiskussion wie "War es wirklich nötig, die Vereinigung durchzuziehen?", "Früher war alles besser" oder "Die im Westen haben ihre eigene Vergangenheit ja noch nicht mal bewältigt."

Dazu habe ich allerdings klare Meinungen:
Ad 1: Definitiv, weil geknechtete Menschen hierdurch zumindest eine relativ bessere Freiheit erlangen konnten (was sie daraus gemacht haben, liegt vielfach beim Einzelnen, was übrigens keineswegs nur auf weniger glückliche Schicksale anwendbar ist...)

Ad 2: Nö, früher war ganz und gar nicht alles besser. Der Fluss der Zeit verklärt allerdings immer wieder den Blick auf negative Erinnerungen und Fakten.

Ad 3: Möglich. Meine persönliche Vergangenheit ist das zwar nicht gewesen, aber man kann es so sehen, dass ich als Nachfahre dieser Zeit vom Geschehenen profitiert haben könnte. Wenn ich mir die Geschichte meiner Ahnen so ansehe, komme ich (ebenfalls persönlich) zu dem Schluss, dass die Kriegsvergangenheit Deutschlands keine allzu gravierenden Auswirkungen auf meine Familie hatte, bis auf den folgenden Punkt: Mein Großvater väterlicherseits kam erst fünf Jahre nach Kriegsende aus russischer Kriegsgefangenschaft und starb danach relativ früh an einem Herzinfarkt. Ohne den Krieg hätte er vermutlich noch einige Jahrzehnte zu leben gehabt - und ich hätte ihn gerne noch kennengelernt. Allerdings gab und gibt es keinerlei NS- oder Stasi-Verstrickungen (weder passiv noch aktiv) in meiner Familie.

Nun könnte man mir wiederum vorhalten, dass ich als Unbetroffener gar nicht so richtig mitreden könnte. Das sehe ich allerdings anders. Sonst dürfte wohl auch nie ein Arzt jemanden gegen Krebs behandeln, wenn er selbst nie Krebs gehabt hätte und auch niemand in seiner eigenen Familie.

Zum Thema west-/ostdeutscher Vergangenheit und zugehöriger Rechte maße ich mir also einfach mal folgendes Urteil an: Wer aktiv am nationalsozialistischen Wahnsinn mitgearbeitet hat, der hat sein Recht auf ein politisches Wirken in der nachfolgenden Demokratie auf Lebenszeit verwirkt. Wer aktiv an den Bespitzelungen durch den Stasi-Apparat teilgenommen hat, der hat ebenfalls sein o.g. Recht verwirkt. Punkt.

Das bedeutet nicht, dass diesen Menschen das Recht zur Teilnahme an der Gesellschaft komplett verwehrt werden soll. Man soll leben können, arbeiten und die Chance bekommen, das Ausmaß seiner Fehler zu umreißen; aber garantiert nicht mehr die Gelegenheit, politische Bestimmung über Tausende und Millionen auszuüben!
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"Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen." George Orwell (1903-50), eigtl. Eric Arthur Blair, engl. Schriftsteller.