Da gräbt man sich einmal - an einem stillen Abend - durch die Weiten des Forums, und dann entdeckt man einen Thread, den man im Zeitraum seiner Erstellung tatsächlich übersehen hatte. Da das Thema nach wie vor aktuell ist und noch eine Weile sein dürfte, erlaube ich mir, den Thread emporzuholen.
Zitat:
Zitat von Rainer Zufall
Was haltet ihr von der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo?
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Zitat:
Zitat von Rainer Zufall
Im Prinzip bin ich für die Unabhängigkeit. Im Krieg hat es zu viele Gräueltaten durch die Serben gegeben. Eine Aussöhnung ist daher bis auf weiteres schwierig.
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Das ist einer der Gründe, warum ich persönlich gegen einen souveränen Staat Kosovo bin. Mir ist natürlich bewusst, dass meine Meinung an den Zuständen nichts ändern wird, aber wer schweigt, stimmt heimlich zu. Die Formulierung, es habe "zu viele Gräueltaten durch
die Serben gegeben", stieß und stößt mir übel auf. Weder hat sich die Mehrheit der Serben etwas zu Schulde kommen lassen, noch waren es "die" Serben allein, die verbrecherisch gehandelt haben. Stichwort: UÇK. Jene albanische Organisation war seinerseits recht emsig im Ermorden & Vertreiben serbischer Zivilisten. Frauen, Kinder und Männer wurden aus ihrer Heimat - ja, Heimat! - vertrieben, deportiert...
Wurden UÇK- und andere albanische Truppen und Politiker genauso unbarmherzig gejagt, wie es mit den zuständigen serbischen Pendants geschah? Daran darf gezweifelt werden.
Es gibt selten Kriege und/oder militärische Auseinandersetzungen, in denen nur eine Seite verbrecherisch agiert. Man mag mich für penibel halten; aber es ist einfach falsch, einer Seite alles in die (Kampf-)Schuhe zu schieben und dann gleichzeitig ein ganzes Volk ("die" Serben) abzuwatschen. Ich bin der Meinung, dass eine saubere und exakte Wortwahl bei einem derart heiklen Thema Pflicht für alle Diskutanten haben
muss. Dass durch das serbische (oder exakter: jugoslawische) Militär Kriegsverbrechen begangen wurden und ihre Anführer verdientermaßen vor Gericht standen und stehen, bestreite ich übrigens keinesfalls. Ich sage dies in aller Ausdrücklichkeit, bevor mir ein "proserbisches" Gedankengut vorgehalten wird.
Die historische Zugehörigkeit des Kosovos ist bekanntermaßen ziemlich umstritten. Sowohl Serben als auch Kosovaren beanspruch(t)en das Land in Herzform für sich. Unbestreitbar ist, dass zumindest in der jüngeren Geschichte die Mehrheit der Bevölkerung von den Kosovaren "gestellt" wurde.
Ebenso ist es interessant, wie einseitig gerade die deutschen Medien über die Kosovo-Frage und den seinerzeit damit verbundenen Krieg berichteten und dies auch heute noch tun. Schröder als damaliger Kanzler und Scharping als Bundesverteidigungsminister haben sich dies zunutze gemacht und in der Öffentlichkeit eine breite Legitimation für den Bundeswehr-Einsatz erhalten.
Übrigens, schnell etwas in eigener Sache: bereits mit 18 leistete ich meinen Wehrdienst ab. Dies geschah ab November 1999. Und der Kompaniechef teilte mir gleich zu Beginn mit, dass ich "unter Umständen" an einer "friedenserhaltenden Mission im Kosovo" teilnehmen müsse. Ein Glück, dass daraus u.A. deswegen nichts wurde, weil ich mich im täglichen Dienst als "zu blöd" (sein Kommentar) und zu widerspenstig zeigte.
Es ist immer schwierig, sich von einem Krieg ein klares Bild zu machen, wenn man nicht gerade als aktiver Kämpfer vor Ort ist. Und selbst dann ist ja nicht gewährleistet, dass man "die Wahrheit" kennt. Wobei zu bezweifeln ist, dass es im Kriege überhaupt eine Wahrheit gibt...
Also, wem glaubt man, wem nicht, was sind die Quellen? Auch ich beanspruche nicht, dass meine Meinung das Nonplusultra ist. Aber ich verurteile es, wenn einseitig und polemisch eine ganze Nation in Sippenhaft genommen wurde und wird. Der sehr sehenswerte Film
"Es begann mit einer Lüge - Deutschland im Kosovo 99", der übrigens bei youtube zu betrachten ist, spricht eine in Deutschland selten gehörte und ganz andere Sprache...
Interessant ist, dass momentan (Stand: 10.12.2009) lediglich 63 von 192 UN-Mitgliedsländern das Kosovo anerkennen. Und nur mit der Angst, dass in der jeweiligen Heimat ebenso separatistische Stimmen laut werden könnten, ist die Ablehnung der übrigen 129 Staaten doch nicht zu erklären. Die ehemals jugoslawischen Teilrepubliken Kroatien und Slowenien haben recht früh klar Flagge gezeigt und die Unabhängigkeit des Kosovos anerkannt. Ob da nicht auch alte offene Rechnungen mit Serbien eine Rolle spielten, oder ob man dies - wie viele andere Staaten auch - aus Hörigkeit gegenüber Deutschland und den USA machte, dürfte offen bleiben. Die Unabhängigkeitserklärung geschah im Februar 2008. Warum nur zögern so viele Staaten mit der Anerkennung?
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http://upload.wikimedia.org/wikipedi...zingKosovo.png - die grüngefärbten Staaten haben das Kosovo anerkannt; die grauen nicht.
Zitat:
Zitat von bibu09
Immerhin hat Serbiens Präsident schon verlauten lassen (habe ich heute morgen im Radio gehört), dass Serbien sich nur auf diplomatischen Wege gegen ein unabhängiges Kosovo kämpfen wird 
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Das ist zu begrüßen, und es bleibt zu hoffen, dass dies auch weiterhin so bleiben wird. Spätestens wenn sich Serbien ersnthafte Ambitionen auf einen EU-Beitritt, der momentan noch in weiter Ferne liegt, machen darf, wird diese Frage wohl eindeutig nur noch rein diplomatisch gelöst werden können. Aber auch unabhängig davon sollte die EU das Ziel haben, Serbien schnellstmöglich an sich zu binden.
Das soll´s erstmal von meiner Seite aus gewesen sein. Vielleicht finden sich ja noch ein paar Benutzer berufen, ins Thema einzusteigen.
Gruß!