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AW: TT-Berichte
Nachdem ich gerade die für morgen bzw. heute 8.00 Uhr fällige Bearbeitung (Abgabe) für den Stilistik und Rethorikkurs fertig habe, stelle ich den zu bearbeitenden Artikel mal hier rein. Für selbst schreibende sehr interessant. Entnommen von Dr. Jörg Wagner, erstellt von Ulrich Holbein:
"Die drei Stilistiker
Es waren einmal drei Brüder, Ludwig, Wolf und Theo. Der dritte war ein Stemmler, der zweite ein Schneider und der erste ein Reiners.
Der erste stellte ein Gebot auf, welches da lautete: "Du sollst einfach und verständlich schreiben!" Der zweite wollte auch eins aufstellen, es fiel ihm aber kein anderes ein. Also stellte er dasselbe Gebot auf − doch schlich sich eine Abweichung ein: "Du sollst noch einfacher schreiben! Und noch verständlicher!" Der dritte lief hinterdrein, statt aber seine älteren Brüder pfiffig aus ihrer Verirrung und Versteinerung zu erlösen, verbreitete er die Meinung, alle bisherigen Brüder seien bloß Amateure gewesen: Eduard Engel, Reichstagsstenograph Ludwig Reiners, Jurist und Textilkaufmann Wolf Schneider, "Journalist und Publizist".
Dennoch brachte es Theo Stemmler, das sicher nicht letzte Licht auf absteigender, immer strengerer und engerer Linie, zu keinem anderen Gebot als: "Schreib so idiotensicher wie möglich!"
Ludwig, der Textilkaufmann, hatte das Schlichtheits-Ideal wenigstens noch mit Beredtsamkeit vorgetragen. Theo, der Hochschulmensch, übt sich im Verwässern verdünnten Wassers unwichtig mäkelnd, ironisch sein wollend, sich kümmerlich überlegen fühlend, ein Nicht-Ich, das auf Dauerknopfdruck losklingelt bei Stellen, die ihm nicht simpel genug vorkommen: "Umständlicher geht's nimmer."
Selbst das gelungene Schnörzelchen einer Heiratsannonce (" – und auch sonst mit beiden Beinen in keiner Wolke stehend"), der einzige Trostblick im Territorium angeblicher Ausrutscher, wird in "Stemmlers kleiner Stil-Lehre" als Bildbastard verleumdet.
Das ist das Elend bisheriger Stilistiken, daß sie immer nur von Typen abgefaßt werden, die manchmal gar nicht so übel schreiben, stellenweise sogar sehr gut, bestenfalls überdurchschnittlich, korrekt statt individuell, also unbrillant, verwechselbar, also doch nicht so gut, also miserabel. Wer nicht schreiben kann, will wenigstens schreiben lehren. Sie lehren Stil, ohne eigenen Stil, meinen also mit Stil − statt Stil − richtigen Sprachgebrauch.
Die Welt wird zur Sonderschule gemacht, aus der der Stil-Lehrer ein überladenes Lallen heraushört. Eigentlich müßten Stilistiken von Dichtern und Denkern stammen, die aber lieber − statt ihrem Stil aufzuhelfen − unbeleckte Neuinterpretationen und Wenderomane loslassen.
Da das dritte Brüderchen versagte, wurde ein viertes nötig, und da keines kam, sah schließlich ich mich − obwohl ich jede Menge Unwichtigeres zu tun hätte − veranlaßt, herabzusteigen aus meinen poetischen Höhen, hinab ins trockne ABC stilistischen Wohlverhaltens, als der weit und breit erste Stilistiker, dem nie und nimmer VHS-Sätze entfleuchen können wie: "Die Wahl des richtigen Wortes erfordert Sorgfalt." (Stemmler) "Wir finden es normal, sehr oft das, was wir tun, nicht zu sagen." (Schneider), oder: "Guter Stil ist unauffällig wie gute Kleidung" (Reiners).
Einzig ich schreibe keinerlei Deutsch für gutgekleidete Kenner, Profis und Frigide, sondern für angehende, unreflektierte und sonstige Genies. Wobei ich es grauenhafterweise nicht unterbinden kann, daß die Nachteile meiner Gattung auch auf mich − bei aller Gegenwehr − abfärben. Auch ich muß Beispiele hervorkramen, Adjektive lüften, Leuten und Formulierungen aufs Maul schauen und auf den fehlenden Wahrheitskern fühlen, und schon steh ich wider Willen als Deutschlehrer da, punkteverteilend. Und als ein solcher sehe ich auf einmal derart stemmlerhaft und schneiderförmig aus, daß ich am liebsten sofort in meine bevorstehenden Romane auswiche.
Dort dürfte ich blühen, statt dauernd nur Unkraut und Kraut zu jäten.
Nur wär' ich halt als Romancier bloß ein Romancier unter Romanceusen und Romanciers. So aber entrage ich jedem Romancier-Getümmel als einer, der meinen drei Halbbrüderchen nachläuft, um ihnen a tergo ein wenig in die schlichte Parade zu fahren, bunten Gegenwind aufblühen zu lassen, für Bildbastarde zu plädieren, für Stilblüten, für wohldosierte Überfrachtung, für Engführungen, für plausible Unverständlichkeit und vieles mehr."
Nehmt euch die Zeit und lest es ruhig zwei, drei oder auch hundert mal durch. Nachdem ich durchgestiegen bin, fande ich es so köstlich und für mich auch hilfreich (zumindest mental), dass die Bearbeitung richtig erquickend war.
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