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Loslassen
Trauer über den Verlust eines Freundes.
Um es vorauszuschicken, nie sah ich einen perfekteren Menschen, nie einen reineren in der Seele und im Herzen. Und es ist ein Jammertal wenn man solche Herzen untergehen sehen muß, machtlos, ohne Chance korrigierend eingreifen zu können. Es ist viele Jahre her, ich mußte nach langen Jahren zähen Kampfes einsehen, daß es übermächtiges gibt, wogegen kämpfen aussichtslos ist. Es hat mir das Herz zerrissen, als ich meinem besten Freund, einem Freund von Kindesbeinen an, sagen mußte, daß ich ihn nicht mehr sehen möchte. Ich konnte es nicht mehr mit ansehen, wie er sich zu Grunde richten ließ, und bei Gott, ich habe ihn geliebt wie man einen Menschen nur lieben kann. Wir haben alles geteilt, Brüder im Geiste, Brüder im realen Leben, wir haben füreinander eingestanden, nie, aber nie hat der eine den anderen im Stich gelassen. Ich habe noch für ihn gekämpft als schon alles den Bach runter war, er hat seine große Liebe zerstört, er hat sich gesundheitlich ruiniert, sich vor dem ganzen Dorf zum Gespött gemacht, ich habe jeden zur Rechenschaft gezogen der auch nur ansatzweise etwas negatives über ihn verlor, wohlwissend, daß die Schandmäuler die Wahrheit sprachen. Ich habe ihn gedeckt, in Schutz genommen, ihn verteidigt. Ich habe stundenlang mit ihm geredet, ihn gemaßregelt, ihn sogar verprügelt, ja verprügelt, zu schwach um noch anders zu reagieren. Er hat Dinge getan, die ich hier nicht erzählen werde, Dinge die bodenlos und bar jeden Charakters waren. Der Feind hatte ihn längst im Griff, er war nicht mehr zu retten. In jedem Moment wenn ich ihn sehen mußte starb ein Stück von mir, am Ende konnte ich nicht mehr mit ihm reden, kein Wort erreichte ihn mehr. Ich war fassungslos was Alkohol mit einem jungen, ansonsten gesunden Menschen anstellen kann. Ich sagte ihm er solle sich nie mehr bei mir blicken lassen, in der Hoffnung er würde es doch tun.
Jahre gingen ins Land und wir sahen uns nicht mehr, ich hörte nur die Straßenköter über ihn kläffen, schwieg verbittert, mein Leben änderte sich, ich wurde bürgerlich, gründete eine Familie, es ging beruflich steil aufwärts, ich lebte meine Familie, meine Kinder, vergaß ihn beinahe, aber nur beinahe, in einem verborgenen Winkel meines Herzes lebte er weiter, immer wieder mal fragte ich mich ob ich das richtig gemacht hatte, durchaus wissend, daß es mich wohl mit ihm in den Abgrund gerissen hätte, wäre ich an seiner Seite geblieben. Wieder und wieder hörte ich von seinem Abstieg, litt darunter, wußte nicht was tun, bat den Himmel um Vergebung, machte mir Vorwürfe. Weitere Jahre gingen ins Land, er lebte noch immer wie ich hörte, einige Male war ich in Versuchung in aufzusuchen, zu sehen wie es ihm geht. Ich habs gelassen, ihn nicht mehr gesehen.
An Weihnachten 2009 stand er vor meiner Tür, sturzbetrunken, eine Gestalt die ich beinahe nicht erkannt hätte, mein Herz schlug bis zum Hals. Ich bat ihn herein, er verweigerte, machte mir etwa eine halbe Stunde im Hausgang eine Szene, wie ich sie selten erlebt hatte. Jeden anderen, jeden hätte ich, und das ist so wahr wie ich existiere mitten in meinem Hausgang niedergeschlagen. Ich sei Schuld daß es ihm so schlecht ginge weil ich ihn im Stich gelassen hatte, wußte nicht was ich sagen soll, und das passiert mir selten, Ich habe kein Wort herausgebracht, als er ging setze ich mich im Hausgang auf den Boden unfähig mich zu bewegen, die Tränen standen mir in den Augen, mein Herz blutete. Ich wurde wütend, nur gut das ich alleine war. Nach Stunden kam meine Familie nach Hause, die mit dem Hund unterwegs waren, mein Hund kam zu mir setze sich zu mir, ließ sich kraulen, reib seine Schnauze an meinen Beinen, er spürte wohl meine Stimmung. Auch meine Familie spürte instinktiv, daß es mir nicht gut ging, sie lenkten mich ab mit einem Spieleabend. Es wurde wider Erwarten sehr lustig, ein sehr schöner Abend im Kreis der Meinen.
Als ich meine Kinder ansah wußte ich plötzlich daß ich alles richtig gemacht hatte, ein gütiges Schicksal hat mich davor bewahrt ebenso zu enden wie mein bester Freund Norbert, mein bester Freund wird er immer bleiben, aber an jenem Abend konnte ich ihn endlich verabschieden.
So long Nobby ... ich habe wieder Tränen in den Augen, aber ich weiß es ist alles richtig so, we will meet in a better life.
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lustige Zeiten für Despoten
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