Einzelnen Beitrag anzeigen
  #5494  
Alt 30.05.2010, 19:14
OtterfingerBua OtterfingerBua ist offline
registrierter Besucher
Foren-Stammgast 500
 
Registriert seit: 24.03.2009
Beiträge: 674
OtterfingerBua ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt (Renommeepunkte ungefähr beim Startwert +20)
AW: LIEBHERR 2010 World Team Table Tennis Championships, Moscow, RUS, May 23 - May 30

Rückblick auf die beiden Finals + Fazit:

China-Singapur

Im Duell China gegen Singapur, oder China A gegen China B, war die Mannschaft um die Weltranglistenerste Liu Shiwen klar favorisiert. In der ersten Begegnung des Finals trafen die Spitzenspielerin aus Singapur Feng Tianwei auf Ding Ning und schon vorher war klar, dass Feng Tianwei diese Partie gewinnen musste, um den haushohen Favoriten ins Wanken zu bringen. Zunächst schien die Weltranglistedritte mit dem Druck nicht zurecht zu kommen und fand spielerisch überhaupt nicht ihre Linie, während Ding Ning dem Spiel ihren Stempel aufdrückte. Schnell stand es in dieser Begegnung 2-0 für die Chinesin und es schien, als ob China seiner Favoritenrolle gerecht werden könnte. Auch der dritte Durchgang fing schlecht für Feng an, die es ihrer Gegnerin bis zum 3-8 mit 5 Eröffnungsfehlern leicht machte. Doch ab diesem Punktestand fing Ding Ning, die ihr erstes großes Team-Event bestritt, an nachzudenken und die ehemalige Chinesin Feng konnte den Satz mit Biegen und Brechen mit 8 Punkten in Folge noch gewinnen. Der 19 jährige Youngster aus dem Reich der Mitte ließ sich aber keinesfalls hängen und es entstand eine hochklassige Partie, in der Feng Tianwei immer wieder mit ihrer starken Vorhand punktete und dem Spiel mehr und mehr seinen Stempel aufdrückte. Gleich den ersten Satzball konnte sie zum 11-9 nutzen. Ähnlich ging es im 5. Satz weiter, die Partie weiterhin auf absolut hohem Niveau. Bei 9-9 im 5. Satz erzwang Feng den Matchball und Ding Ning gab das Match mit einem vermeintlich leichtem Vorhandfehler ab. Dieses Spiel gab den jungen Chinesinnen einen Knacks, schnell lag die hochfavorisierte Liu Shiwen gegen die deutlich erfahrenere Wang mit 1-7 zurück. Das Spiel der jungen Chinesin fand bis zu diesem Zeitpunkt nicht statt, doch sie kam wieder auf 7-8 heran. Doch auch Fortuna war mit der Exilchinesin im Bunde und mit 3 Netzrollern konnte sie sich den 1. Satz sichern. Das selbe Bild im zweiten Satz, Liu Shiwen fand kein Mittel gegen die gut aufspielende Wang, um dem Spiel ihren Stempel aufzudrücken. Die Weltranglistendreizehnte lag von Anfang an in Front und konnte den Satz durch einen Kantenball zu ihren Gunsten entscheiden. Im 3. Satz schien Liu etwas gelöst und traf mit dem Mut der Verzweiflung förmlich jeden Ball. 1-2. Im 4. konnte Wang schnell mit 5-2 in Führung gehen, doch durch ein TimeOut kam die junge Chinesin wieder auf 5-5 heran. Im Folgenden konnte sich keine Spielerin mehr eine Führung erspielen und Wang nutzte, nach abgewehrtem Satzball, ihren ersten Matchball zum Sieg. Guo Yan war im ersten Satz sehr nervös und spielte nicht mit gegen Sun Beibei, dementsprechend verlor sie diesen Satz. Im weiteren Verlauf dominierte sie das Match allerdings durch ihre starke Rückhand nach Belieben und gewann hochverdient. Nun kam es zur absoluten Kracherpartie zwischen Liu Shiwen und Feng Tianwei, Weltranglisten 1. gegen Weltranglisten 3. Liu, deutlich verbessert im Vergleich zum 1. Spiel, verlor den 1. Satz, da sie ihre Gegnerin zu sehr gewähren ließ. In Durchgang Nummer 2 ließ Feng einige Satzbälle ungenutzt und Liu nutzte bestrafte dies hart, in dem sie ihren ersten sofort nutzte. Das Niveau dieser Partie lässt sich nur mit einem Begriff treffend beschreiben: Absolute Weltklasse. Im 3. spielte Feng wie aus einem Guss und erarbeitete sich mit durch spektakuläre Bälle den Satz. Mittlerweile roch es schon sehr stark nach der Sensation und der Druck auf Liu war unermesslich. Im 4. Satz konnte die Chinesin jedoch ihr bestes Tischtennis abrufen und gewann diesen, nachdem Feng von 4-7 noch auf 9-9 rangekommen war. Der 5. Satz musste entscheiden und Feng Tianwei legte gleich los wie die Feuerwehr: 5-0 hieß es beim Seitenwechsel und die Körpersprache von Liu schien dadurch etwas angenockt. Feng Tianwei machte im Anschluss die Rießensensation perfekt und ließ Singapur jubeln. Bei der chinesischen Truppe unterdessen blankes Entsetzen. Solch eine Sensation hat das Tischtennis seit Jahren mal wieder gebraucht.

Deutschland-China

Auch in dieser Partie China der klare Favorit, aber das muss, wie die Spielerinnen aus Singapur es gezeigt haben, nichts heißen. Grundvoraussetzung war selbstverständlich ein Erfolg von Timo Boll gegen den chinesischen Überflieger der letzten Wochen Ma Long, damit die Chinesen den Druck zu spüren bekommen. Im ersten Satz Boll am Anfang etwas zu vorsichtig, doch im Verlauf des Satzes konnte er sich durch gutes Aufschlag/Rückschlagspiel eine 8-6 Führung erspielen. Bei 8-6 ein tödlicher Kantenball für den Deutschen, der ihm in diesem Satz das Genick brach, da Boll im Anschluss ohne taktische Linie spielte. Im zweiten Satz Ma Long schnell wieder im Vorteil, mehrmals antwortete Ma Long auf die Spineröffnungen von Boll mit knallharten Vorhandtopspins. Bei Satzball wiederum der Kantenball für den Chinesen zum 2-0. Im zweiten konnte sich ein exzellent spielender Timo Boll, der mittlerweile eine bessere Länge in seinen Topspins gefunden hatte und auch die Platzierungen besser wählte, eine 7-2 Führung erspielen. Der Chinese kam dennoch ran und bei 9-10 aus Sicht des Deutschen musste dieser sogar Matchball abwehren. Eine starke Rückhand und super Rückschlag-die deutsche Nummer 1 war wieder im Spiel. Im Folgenden spielte Timo Boll am Zenit seiner Leistungsfähigkeit und zwang Ma Long durch überragende Platzierung seiner Topspins in den 5. Satz, in dem Ma viele eigene Fehler produzierte, die der Deutsche clever durch gekonnte Platzierung erzwang. Verdient gewann er das Match und konnte so die Chinesen so gehörig unter Druck setzen. Die nächste Paarung Ovtcharov-Ma Lin war genauso einseitig, wie es das Ergebnis verrät. Der Chinese retournierte scheinbar mühelos die Aufschläge von Ovtcharov und ließ diesen mit genialem taktischen Spiel gar nicht in sein Spiel kommen. Dementsprechend endete die Parte 3-0 für den Olympiasieger. Christian Süß spielte gegen Zhang Jike im ersten Satz wirklich eine sensationelle Partie und spielte die gefährlichen Aufschläge des Chinesen gekonnt zurück. Verdient gewann er den Satz durch wirkliches klasse Tischtennis. Ebenso im 2. Satz. Bis zum 7-3 spielte Süss wie im Rausch und der Chinese wusste dem zu wenig entgegenzusetzen. Bei 9-6 war sich der Deutsche leider zu sicher und vergab eine große Chance. Dies ließ der Chinese nicht ungenutzt und glich in Sätzen aus. Auch im 3. Spielte Süß gut mit, doch der Zhang spielte nun etwas befreiter und seine harten Topspins verfehlten immer seltener das Ziel. Bei 10-9 zog der chinesische Trainer ein TimeOut, welches sein Schützling zur 2-1 Satzführung nutzte. Danach war der Newcomer aus dem Reich der Mitte nicht mehr zu stoppen und ließ Christian Süss keine Chance mehr. Nun lag es an Timo Boll Deutschland im Spiel zu halten, doch im 1. Durchgang lag er schnell 5-10 zurück. Doch mit absolutem Weltklassetischtennis wehrte er 8 Satzbälle ab und sicherte sich den Satz mit 16-14 gegen den Olympiasieger. Die letzten 3 Sätze sind schnell zusammengefasst: Timo Boll konnte Ma's Aufschläge nicht kontrollieren und dieser ließ sich auf keine Rallies mehr ein, sondern beendete viele Ballwechsel mit humorlosen Schlagspins. Das Spiel endete 3-1 für Ma Lin und China war wieder Weltmeister. Großartige Leistung von Timo Boll, der das Niveau gegen Ma Lin in den letzten 3 Sätzen zwar nicht mehr ganz beibehalten konnte, aber der chinesischen Nummer 1 Ma Long immerhin die erste Turnierniederlage beibrachte. Der große Held auf Seiten Chinas war der Olympiasieger Ma Lin, der mit zwei souveränen Siegen der Turm in der Schlacht war.

Fazit der gesamten WM
Zuerst aus deutscher Sicht: Die deutschen Damen im Wm-Halbfinale - wer hätte das vorher gedacht? Absolute Klasseleistungen unserer Mädels in den Spielen gegen Holland, Rumänien und geradezu sensationell das Spiel gegen Hong Kong. Richtig Spaß gemacht hat Sabine Winter, die mit ihrem erfrischenden Topspinspiel frischen Wind in die Mannschaft brachte. Auch Kristin Silbereisen hat sich stark verbessert und muss sich trotz zweier Niederlagen in der K.O-Runde nichts vorwerfen. Das deutsche Damentischtennis ist auf einem guten Weg!
Die Leistung der Herren kam weniger überraschend, dennoch ein großes Turnier von Boll, Ovtcharov und Süß. Der knappe Vorrundensieg gegen die Japaner sicher ein Schlüssel zu Silber. In der K.O-Runde hat sich das Team von Spiel zu Spiel gesteigert und im Finale sogar den großen Favoriten aus China fordern können. Gerade Timo Boll war in der K.O Runde wirklich in einer Topform und hat dem deutschen Team die nötige Sicherheit gegeben
Aus internationaler Sicht:
Bei den Herren war China bis zum Finale außerordentlich dominant und ließ der Konkurrenz nicht den Hauch einer Chance. Im Finale wackelte Ma Long und fiel, doch der Rest konnte dem Druck stand halten. Ma Lin wirklich mit einer sensationellen Vorstellung bei dieser WM und, nachdem er gerde so noch auf den WM-Zug aufgesprungen ist, kann der Rest der Welt nur auf ein baldiges Karriereende von Ma Lin hoffen, da er für den Rest der Welt, Boll und seine Landsmänner ausgenommen, unschlagbar wirkt. Aus europäischer Sicht mit drei Teams im Viertelfinale in etwa wie erwartet, da durch die Auslosung nicht anders möglich. In Ländern wie Frankreich und Portugal tut sich etwas und auch für Deutschland sehe ich in der Ära nach Boll noch nicht schwarz, ob man dann noch um Silber spielt und die Chinesen ärgern kann ist fraglich. Im restlichen Europa muss sich etwas tun. Den jungen Japanern steht sicher eine gute Zukunft bevor.
Bei den Damen waren das Viertelfinale zwischen Korea und Japan und die Sensation der Singapur-Chinesinnen im Finale sicher die beiden Highlights. Beruhigend aus deutscher Sicht, dass man Nationen wie die Niederlande mit 2 etwas altbackenen Chinesinnen hinter sich lassen konnte. Ansonsten denke ich, dass Rumänien und Deutschland die Zukunft im europäischem Frauentischtennis gehört. Gegen die Asiaten wird man vielleicht in Zukunft auch mit Solja, Winter und Silbereisen was reißen können. Zu hoffen bleibt es.
Dennoch antizipiere ich (gelle Turbo), dass Europa bei Damen wie Herren in Zukunft weiter deutlich hinter den Asiaten rangieren wird

Klasse WM insgesamt, hochklassiges Tischtennis, gute deutsche Ergebnisse, Sensationen und spannende Partien-TT-Herz was willst du mehr !!!

Geändert von OtterfingerBua (30.05.2010 um 19:16 Uhr)
Mit Zitat antworten