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Alt 23.08.2010, 20:09
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Carstens_Brüderchen Carstens_Brüderchen ist offline
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Zitat:
Zitat von Peter Igel Beitrag anzeigen
..."Wir werden immer dümmer und ärmer".

Hat er nich' Unrecht, oder?...
Wenn es um die o.g. Grundaussage geht, hat er zunächst mal nicht Unrecht. Welche Faktoren dafür verantwortlich sind bzw. sein könnten, haben wir ja hier in jüngster Zeit intensiv, vor allem aber sehr kontrovers, diskutiert. Wenn Sarrazin davon spricht, dass es u.a. "tabu war, darüber zu reden, dass wir als Volk an durchschnittlicher Intelligenz verlieren, wenn die intelligenteren Frauen weniger oder gar keine Kinder zur Welt bringen", dann liegt er nur bedingt richtig. Denn es ist noch immer weitgehend tabu, womit wir wieder bei der Moralkeule wären, die eine konstruktive Auseinandersetzung mit Fakten, Problemen, Ursachen und Folgen oftmals unmöglich macht...

Ob Intelligenz - wenn auch nur zu einem Teil - vererblich ist, wird zur Frage der 'Denke' des Betrachters, der zumeist umgehend in die völkische Ecke gestellt wird, sobald er das Thema überhaupt anspricht.

Diesbezüglich komme ich aber auf die Frage zurück, die Lustigforever in puncto Vererblichkeit von Intelligenz an mich stellte - da war ich eine Antwort schuldig geblieben. Hierzu gibt es sehr unterschiedliche Ansichten, die u.a. auf Wikipedia gelistet und auch kontrovers beleuchtet werden: http://de.wikipedia.org/wiki/Intelligenz (Kapitel "Ursachen für Intelligenzunterschiede). Weitere Artikel finden sich reichlich, indem man googelt...

Im Prinzip gilt als geklärt, dass intelligentere Menschen auch intelligentere Kinder haben, was aber zu einem Großteil auch dem unterschiedlichen sozialen Umfeld zugeschrieben wird. Hier wird von Risikofaktoren gesprochen, die der Entwicklung einer höheren Intelligenz in der Summe entgegenstehen. Je höher die Zahl der Risikofaktoren, desto niedriger die Intelligenz. Fakt ist, dass Intelligenz zu einem Teil erblich ist, zu einem anderen Teil vom sozialen Gefüge beeinflusst wird. Das ist auch wieder die Intelligenz der Eltern, der finanzielle Wohlstand, der die soziale Schicht als beeinflussenden Faktor bestimmt, das Umfeld innerhalb der sozialen Schicht uvm. ...

Gesetzt den Fall, Intelligenz sei auch nur zu einem geringen Teil erblich, wäre es dann legitim, darüber zu diskutieren, ob Akademikerinnen einen Schwangerschaftszuschuss erhalten sollen, während Hauptschülerinnen ohne Abschluss Strafe zahlen sollen, sobald sie Kinder bekommen...? Sicher nicht in dieser Tonalität, keine Frage! Doch die Tonart wird schnell auf diese Alternativen reduziert, sobald man auch nur versucht, sich dem Thema zu nähern. Nun ist es aber so, dass die Zahl der bereits erwähnten 'Risikofaktoren' bei Akademikerinnen im Allgemeinen bei Null oder schlimmstenfalls bei 2 liegt (was nahezu keine Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten bewirkt), während die von Hauptschülerinnen ohne Abschluss und ohne Arbeit schnell bei 4 und mehr liegt. Sind die Eltern der betreffenden Hauptschülerin Migranten, geschieden, ohne Arbeit und hat sie noch einen Mann, der selbst ähnliche 'Voraussetzungen' mitbringt, liegt die Zahl der Risikofaktoren schnell bei 8 oder mehr. Das bedeutet dann im Schnitt einen deutlichen Intelligenznachteil der Kinder, der eine Chancengleichheit wiederum so gut wie unmöglich macht.

Darüber wird dann aber von vielen unter heftigem Schwingen der Moralkeule nur soweit diskutiert, ob das gerecht sei und "in was für einem Land wir eigentlich leben, wenn Dumme keine Kinder kriegen dürfen". Nicht diskutieren darf man jedenfalls darüber, ob man den Kindern, die unweigerlich in so eine Situation und in den nahezu zwangsläufig folgenden permanenten Kampf gegen die gesellschaftlichen Bedingungen geschmissen werden, damit einen Gefallen tut. Das Argument "Auch dumme und arme Menschen können glücklich leben" wirkt da in meinen Augen sozialromantisch verklärt, zumindest aber kurzsichtig. Natürlich lässt sich in diesem Zusammenhang vortrefflich 'am System und seinen zynischen Maßstäben' rütteln. Allerdings lässt sich das nicht innerhalb weniger Jahre nachhaltig so verändern, dass Menschen mit einem IQ von 85 die gleichen Positionen in Beruf und Gesellschaft beziehen werden wie jene mit einem IQ von 115 oder mehr. Das ginge höchstens mit einer revolutionären Umwälzung des Systems, die üblicherweise nur durch diktatorische Strukturen ermöglicht werden könnte. Das will aber auch keiner wirklich - da bin ich mir sicher.

Wenn wir also die Umstände nicht kurzfristig ändern können, dann müssen wir uns an die Umstände anpassen. Dazu zähle ich - was diese Diskussion um Intelligenz, soziale Umstände und Chancengleichheit anbelangt - auch das richtige Einschätzen und Überdenken der eigenen Situation. Das kann auch bedeuten, dass ich als Langzeitarbeitsloser ohne Hauptschulabschluss, der eine Arbeitslose mit durchschnittlichem Hauptschulabschluss ehelicht, unter den aktuellen Bedingungen des Systems zumindest in Erwägung ziehen sollte, dass eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit besteht, seine Kinder könnten bereits chancenlos geboren werden. Ich persönlich würde mit ziemlicher Sicherheit nicht wollen, dass es meinen Kindern so ergeht, wie es dann absehbar ist. Daher würde ich aller Voraussicht nach dann keine Kinder in die Welt setzen.

Dass ich das ebenso sicher auch als 'gesellschaftlich ungerecht' betrachten würde, ist damit nicht in Frage gestellt. Schließlich ist die Weitergabe des Erbgutes der ureigenste instinktive Motor für das Überleben überhaupt. Den komplett 'abzuwürgen' würde bedeuten, dass man eine wesentliche Motivation für das Weiterkommen - ob als Individuum oder als Gesellschaft - blockiert. Das ist nicht nur gefährlich, sondern auch unmenschlich.

Aber das kann im Umkehrschluss auch nicht heißen, dass Menschen, die denkbar ungünstige Umstände mitbringen, sich trotzdem 'munter vermehren müssen', damit sie 'wenigstens daraus einen Selbstzweck' definieren können. Ich weiß, das klingt schon wieder 'irgendwie seltsam', ist aber so nicht gemeint. Ich frage mich halt, ob man nicht eher etwas bewirkt, indem man bereits frühzeitig - eben auch in der Schule - konstruktiv mit dem Thema umgeht, indem man die Probleme, die anstehen können, zumindest thematisiert und so eine höhere Sensibilisierung für 'ungünstige Lebensumstände' und deren eigenes Erkennen bewirkt.

Ist vielleicht auch wieder "sozialromantisch", aber zumindest ein Ansatz. M.E. reicht es heutzutage jedenfalls schon lange nicht mehr, in der Schule über AIDS und Syphilis zu referieren und kollektiv Kondome über Bananen zu streifen, damit man lernt, wie man 'richtig vögelt', während man ganz andere existenzielle Folgen unter den Tisch fallen lässt, die irgendwann mit einer 'geglückten Vermehrung' verbunden sein könnten.
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"Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen." George Orwell (1903-50), eigtl. Eric Arthur Blair, engl. Schriftsteller.