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Zitat von Variatio
Ach, und ich dachte, >90% aller TT-Spieler spielen, weil es ihnen Spass macht!
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Definiere Spaß? Spaß ist ein absolut unscharfer Begriff. Nicht jeder Spieler spielt das Spiel auf dieselbe Art und Weise. Momentan haben viele Spieler Spaß daran zu versuchen ihr TTR zu verbessern. Und das ist völlig legitim.
Als Tischtennisspieler besitzt man in der Regel eine überdurchschnittlich hohe Frustrationstoleranz. Zu der Enttäuschung über ein schlechtes Abschneiden bei einem Turnier aber noch zusätzlich einen Malus oben drauf zu legen, indem man den Spieler gegenüber seinen Vereinskameraden (die möglicherweise noch nicht einmal teilgenommen haben) zurückstuft, ist für die Bereitschaft der Spieler an Turnieren teilzunehmen absolut kontraproduktiv.
Wenn man sich mal die Situation vor und nach der Einführung des TT Ratings ansieht, dann kann man sehen das ein Turnier vor Einführung des TTR eine Wettkampfform war, die zeitlich auf den Wettkampftag beschränkt war. Die besondere Drucksituation, eine gewisse Bilanz spielen zu müssen um sich in einem sozialen Kollektiv zu beweisen (die für viele Spieler überaus hemmend ist) war hier nicht gegeben. Ein Turnier war oft mit einer Chance verbunden (Aufstiegsturnier), nie aber mit einem Risiko (Abstufung, Abwertung durch das persönliche Umfeld im Verein und in der Mannschaft). Turniere waren eine Möglichkeit Wettkampf- Tischtennis auf eine andere Art und Weise zu spielen. In den Ergebnissen nur gegenüber sich selbst verantwortlich, dadurch spielerisch je nach Persönlichkeit möglicherweise enthemmt, zeitlich begrenzt auf einen optimaler weise guten Tag, steigernd in der Schwierigkeit (Gruppenphase, Endrunde), abgeschlossen im Ergebnis (1,2,3 Platz).
Jetzt, nach Einführung der TTR sind Turniere nichts anderes als eine weitere Ressource um TTR Punkte zu sammeln, mit dem eigentlichen Ziel in der Vereinsrangliste zu klettern. Sie wirken zeitlich noch über den Turniertag hinaus. Und damit verändert sich eine ganz entscheidende Charakteristik des Turniersports. Auch die Vermischung von Einzel- und Mannschaftsergebnissen ist meiner Meinung nach äußerst problematisch. Das Timo Boll von einem Seiya Kishikawa 2008 in einen fünften Satz gezwungen wird, hat sehr wohl etwas mit der Wettkampfform zu tun. Ich verweise an der Stelle auf Interviews mit Timo Boll („Wünsche Niemanden, unter einem solchen Druck arbeiten zu müssen") und Christian Süß („Hätte mich umgebracht oder wäre ausgewandert“). Im Klartext: Ergebnisse die bei Turnieren erzielt werden sind nur bedingt auf den Mannschaftssport übertragbar. Darauf könnte ich noch in Länge eingehen, nur so viel, bei jedem Ergebnis muss man die Voraussetzungen in Betracht ziehen unter denen es zustande kam. Und die sind bei Turnieren und Punktspielen völlig anders.
Was sich die Turnierspieler gewünscht hätten, wäre eine Vernetzung von mehreren Turnieren zu einer Turnierserie gewesen. Angeblich plant der BTTV das auch nach wie vor.
Was mich ärgert ist das mir, und einigen wenigen anderen unterstellt wird ich wäre „dagegen“. Völlig falsch. Aber ich sehe in Zusammenhang mit der Einführung der TTR einige Dinge die, im Gegensatz zur TTR an sich, nicht hilfreich sind bei dem Versuch unseren Sport weiterzuentwickeln, und ich weigere mich die negativen Auswirkungen der TTR kleinzureden oder zuzulassen das deren Existenz verneint wird, nur um den insgesamt großen Erfolg der TTR nicht zu relativieren.
Ich bin auch der Meinung dass der jetzige Zustand erst einmal über einen aussagekräftigen Zeitraum hinweg bestehen muss, weil sich schlicht und ergreifend erst in der Praxis zeigen muss, was die konkreten Auswirkungen denn dann tatsächlich sind.