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Alt 02.09.2003, 06:46
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klugscheisser klugscheisser ist offline
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Debakel bei den Leichtathleten

Die letzten Jahre, Monate und vor allem Wochen haben meiner Meinung nach überdeutlich gezeigt: die deutschen Leichtathleten laufen hinterher!

Wo mögen die Ursachen dafür liegen? Idealerweise darin, das die anderen großen Sportnationen mehr oder geschickter zu leistungsfördernden "Vitaminen" und "Hustensäften" greifen, die Deutschen jedoch nicht? Wenn es so wäre, könnte ich das akzeptieren. Ich denke aber, dass die Ursachen woanders liegen..

Ich glaube, in manchen Dingen könnte die "natürlichste Sportart der Welt" vom Tischtennis etwas lernen.

Ein Beispiel: In meiner Kleinkinder-Spiel/Sportgruppe (Sportstrolche) hatte ich einen 6jährigen, der ziemlich introvertiert war, keinen Körperkontakt mit anderen mochte, wenig Kraft hatte und auch sonst nicht viel von Sport hielt. Lang, schlaksig, dünn, aber ausdauernd. Er wurde munter, wenn er laufen durfte, alleine. Ich war mit den Kindern bei schönem Wetter auf unserem Sportplatz und wer wollte, durfte sich auf der Laufbahn tummeln. Dieser Junge blühte extrem auf, er lief in 12 Minuten knapp 6 Runden (2350 Meter) - mit 6 Jahren! Das machte mich natürlich hellwach, und die folgenden Wochen bestätigten sein Talent für Ausdauersport. Der Versuch, ihn bei einer LA-Gruppe gezielt fördern zu lassen, schlugen allesamt fehl. Unsere eigene LA-Abteilung nahm ihn zunächst nicht auf, weil er noch nicht zur Schule ging und deshalb nicht lesen(!) konnte. Als er dann endlich später dort mitmachen durfte, gab es keine Möglichkeit für ihn, gezielt persönlich gefördert zu werden; er kam in die allgemeine Kindergruppe und musste Sprinten, Weitspringen usw, alles Dinge, die er nicht mochte und bei denen er schlecht war. Rundenlaufen in langsamen Tempo gab es nur zum Aufwärmen. Die Trainnerin erklärte mir plausibel, dass es keine personellen Möglichkeiten gab, dass sich jemand speziell um ihn kümmerte. Schade, denn sie ist eine exzellente Trainerin.

Andere Vereine zeigten auch kein besonderes Interesse, viel Arbeit in einen einzelnen jungen Sportler zu stecken. Also dachte ich, bei den Leichtathlethen würde die Talentförderung wie beim Tischtennis funktionieren und ließ beim Landesverband anfragen. Antwort: "So junge Sportler werden nicht vereinsunabhängig gefördert, erst wenn sie etwa 12, 13 Jahre alt sind"

Hmm.

Der Junge gab also Leichtathletik auf und probierte erfolglos Tischtennis und Turnen. Jetzt ist er 10 und turnt Rhönrad. Naja.

Als ich ihn mit etwa 9 Jahren nochmal mit auf den Sportplatz nahm, lief er zwar immer noch schnell, aber gesteigert hatte er sich in den 3 Jahren nicht, obwohl er mittlerweile ziemlich gewachsen war.

Ich verstehe zu wenig vom Ausdauersport, um zu wissen, ob mehr daraus zu machen gewesen wäre, was mich jedoch erschreckt hat, war das Desinteresse der Funktionäre.

Wenn man vergleicht, wie engagiert beim Tischtennis die Förderung schon der Kleinsten betrieben wird, können wir stolz auf unsere Sportart sein.

Wenn Horst Heckwolf oder ein vergleichbarer Trainer einen solchen Hinweis erhalten hätte, hätte er das Kind sicherlich zu einem Probetraining eingeladen.

Dafür haben wir keine Show-Stars wie Lobinger, der vielleicht nur deshalb keine Goldmedaille wollte, weil sie im Design nicht zu seiner Sonnenbrille passte? (Sorry Tim, falls du das liest: Deine sportliche Leistung ist spitze, aber du bist eine Ausnahme, nicht die Regel. Und es ist dein gutes Recht, in den wenigen Leistungsjahren das Beste daraus zu machen)

Da lobe ich mir doch unsere Stars, die im Vergleich dazu bescheiden, nett, freundlich und volksnah sind, und das beschränkt sich nicht nur auf Timo. Ich kenne eine ganze Menge von ihnen etwas näher und alle sind liebenswerte Menschen geblieben. Aber vielleicht ist Tim Lobinger das ja auch.

Zurück zu Thema, vielleicht kann sich hier jemand zu Wort melden, der von der Materie mehr versteht als ich: Gibt es zu wenig Talentsucher und -förderer bei den Leichtathleten? Funktioniert die Zusammenarbeit der Vereine in dieser Hinsicht nicht besonders gut? Liegt es an den Funktionären? Der "Hausputz" bei den Schwimmern hat Wunder gewirkt.

Noch ein Nachtrag: In unserem Verein gibt es inzwischen auch eine LA-Gruppe für Vorschul-Kinder. Die Trainereinnen sind eine Tischtennis-Spielerin und eine andere junge Dame, die ebenfalls aus einer Sportler-Familie stammt, beide natürlich mit LA-Trainerschein. Die machen das super, aber halt auch konsequent Gruppentraining, die Vereine wären mit gezielter Förderung einzelner Talente finanziell überfordert.

Oder?
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