Nichts für Ungut, aber das ist das gemeinhin bekannte Skandinavien-Loblied. Ich habe eine Zeit lang in Göteborg gelebt und glaube mir, so einfach wie sich das dort liest, ist es leider nicht. Natürlich hat jede Gesellschaft so ihre Probleme, aber z.B. ist es in Skandinavien nicht gerade eine angenehme Umgebung für Südeuropäer oder Einwanderer aus dem Nahen Osten. Die Gesellschaft ist alles andere als tolerant gegenüber bestimmten ausländischen Zuwanderergruppen. Das beisst sich etwas mit dem allgemein so gelobten sozialen Grundverhalten der Menschen dort. Sie sind sehr freundlich, aber stets etwas distanziert bei Fremden und wenn es um die sozialen Einstellungen geht, dann herrschen diese in erster Linie untereinander vor, sprich "Gehörst Du zu mir, bin ich auch gut zu Dir".
Eine andere Frage ist die im Artikel schon angesprochene Übertragbarkeit auf unsere Bevölkerungsdichte. Das ist eine ganz andere Hausnummer, knapp 80 Mio. Menschen mit so einem System zu versorgen statt nur gute 10 Mio.
Und, anscheinend sind die Schweden und auch die Finnen nun auch eher auf einem konservativ-neoliberaleren Kurs. Die Wahlen in beiden Ländern gingen zu Ungunsten der traditionell starken sozialdemokratischen Parteien aus.
Dennoch bin ich Deiner Meinung, dass das vielleicht auch ein Modell ist, bei dem es ein Versuch wirklich wert wäre. Generell bin ich auch eher dafür ein steuerfinanziertes System aufzubauen, dass sich eben auf Konsum und Vermögenssteuern stützt. Wenn ich mir unsere Steuerprogression ansehe, muss ich ehrlich sagen, dass es nicht weh tut, wenn man den Spitzensteuersatz zahlt. Von dem, was übrig bleibt, kann man immernoch verdammt gut leben. Zudem denke ich, was aber sicher nur eine Vermutung ist, dass eine stärkere Progression dafür sorgen könnte, dass die Einkommen nicht mehr so schnell auseinander driften. Ich hatte den Eindruck, dass das mitunter ein Effekt ist, der in Schweden dafür sorgt, dass die Gesellschaft homogener ist und es zu weniger sozialen Spannungen kommt. Aber - und das ist jetzt ganz wichtig - die Menschen dort haben eine andere Meinung und Einstellung zu der Frage, ob es gut ist, wenn der Staat in solchem Maße bei ihnen zulangt. Anders formuliert, die Menschen, die viel verdienen sind auch gerne bereit, ihren Anteil an der Stabilität und der Versorgung der Bevölkerung im Ganzen zu leisten. Und diesen Punkt sehe ich bei uns bei weitem nicht. Es wird also an diesen Wertegrundsätzen bereits scheitern können. Ein verordnetes System der Art "Skandinavien" könnte also durchaus scheitern, weil die Menschen hier nicht bereit dazu sind, gedanklich gesehen, dieses zu tragen.