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Alt 17.03.2012, 00:02
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Matthias Landfried
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AW: Champions League 2011/12

UMMC Ekaterinburg vs. 1.FC Saarbrücken
Showdown in Russland


Hallo,

viele Grüße aus Ekaterinburg, fast 2000 Kilometer östlich von Moskau, 40 km vor der Grenze zu Asien. Viele Grüße auch von meinem Team.

Hier am Ural hat es momentan -20 Grad und damit die kälteste Nacht. Die Nächte zuvor hatte es immer -16 bis -18 Grad.

Tagsüber geht es, bei Sonnenschein sind es knapp unter 0 Grad. Es liegt Schnee und es ist eine recht trostlose Gegend.

Hier im Hotel gibt es leider nur russische Fernsehsender, aber immerhin kostenlos w-lan, sonst wäre es todlangweilig.

Wir haben hier jetzt ca. 4.15 Uhr Ortszeit, d.h. in Deutschland ist es jetzt kurz nach 23 Uhr.

Wir haben hier 5 Stunden Zeitverschiebung. Ich dachte im Vorfeld es wären nur 4 und auch mein Handy zeigt 4 Stunden an, aber es sind leider 5.

Obwohl wir schon am Mittwoch nach Russland geflogen sind (ziemlich turbulenter Flug) und alle schon genügend Erfahrung mit Zeitverschiebungen haben, ist es leider so, dass wir hier enorme Probleme mit diesen 5 Stunden Zeitverschiebung haben und es auch nicht in den Griff bekommen. Die "innere Uhr" will einfach anders.

Ich bin gestern von 3 bis 6.30 Uhr wach gelegen. Im Training habe ich dann von Bastian Steger und Bojan Tokic erfahren, dass beide von 2 bis 6 Uhr nicht schlafen konnten. Im Shuttlebus von der Halle ins Hotel hat mir dann Michael Maze erzählt, dass es ihm diese Nacht genauso gegangen ist (er kam fast zeitgleich mit uns in Russland an).

In unserer Not haben wir jetzt zum letzten Mittel gegriffen und bleiben alle bis 4 oder 5 Uhr auf und schlafen dann bis 12/12.30 Uhr.
Aber von der "inneren Uhr" her ist das eben auch gerade mal 23 oder 0 Uhr und dann um 7.30 Uhr raus.

Außer der Schlafproblematik, macht uns auch das Essen zu schaffen. Sowohl Frühstück, als auch Mittag- und Abendessen sind nicht nur "ein Witz", sondern teilweise wirklich bedenklich.

Während wir uns sowieso parallel aus einem Supermarkt versorgen, haben wir heute das Abendessen unangetastet gelassen (keine Ahnung, ob das Fleisch noch oder "wieder" gelebt hat...) und sind direkt in ein italienisches Restaurant.

Ok, das war eher ein russischer Pizza-Hut ("Pizza Mia 24"), aber so zufriedene Gesichter habe ich bei meinen Spielern bislang hier in Ekaterinburg nicht gesehen.

Zu Monteiro habe ich gesagt: "They try everything with breakfast, lunch and dinner, that we lose, but NOW we survived "

Hier muss man auf einige Dinge aufpassen. Das Hotel an sich ist zwar nicht schlecht, aber die haben keine eigene Küche, sondern das Essen wird irgendwo bestellt und hier in der Mikrowelle warm gemacht und an den Tisch gebracht. Mit Salat muss man aufpassen, wegen dem Leitungswasser mit dem die Salatsoße angemacht ist (Bakterien).
Aus der Dusche kommt eher bräunlich-gelbes Wasser, was man besser nicht in den Mund bekommen sollte und Zähneputzen besser mit Mineralwasser.
Es ist in so Ländern einfach öfters der Fall, dass die Wasserqualität und Hygiene nicht mit den Verhältnissen in Deutschland vergleichbar ist.

Was gibt es sonst zu berichten? Wenn Euch etwas interessiert, könnt Ihr Eure Fragen hier stellen. Gut möglich, dass ich morgen Nacht wach bleibe und erst auf dem Rückflug am Sonntag schlafen werde, dann kann ich morgen Nacht antworten.
Ich habe viele Fotos gemacht und einige Videos. Aber ob ich in den nächsten Tagen zum Bearbeiten komme...!? Vermutlich eher nicht.

Vom Hotel zur Halle ist es rund eine halbe Stunde auf nicht geräumten Landstraßen und Autobahnen, teilweise mit enormen Bodenwellen / Schlaglöchern.

Der Verein UMMC Ekaterinburg scheint sehr professionell organisiert zu sein. Eigenes Sporthallengebäude mit zwei Hallen, eigener Daimler-Bus als Shuttleservice, mehrere hauptamtliche Trainer, große Trainingsgruppe und organisierte Nachwuchsarbeit mit permanenter Talentsichtung in Kindergärten (5 Kindergärten haben einmal wöchentlich Tischtennis, damit UMMC kein Talent durch die Lappen geht).
Und natürlich ein Weltklasseteam, u.a. mit:

- Weltklasse-Abwehrspieler Hou Yingchao

- dem russischen Shootingstar Alexander Shibaev

- Weltklassemann Michael Maze

- dem aktuellen russischen Meister Vlassov

- Altmeister Zoran Primorac

- Abwehrstratege Evgueni Chtchetinine, der zu meiner Würzburger Zeit in meinem Team war

Aber auch sonst sind etliche gute Leute da, wie Mikhail Paykov (gegen den ich letztes Jahr in Qatar oder Dubai betreut habe und der hier jeden Tag sehr motiviert und hart trainiert) oder Yaroslav Zmudenko und weiteren Spielern aus der zweiten russischen Reihe.

Morgen das Spiel wird sehr schwer. Wir müssen irgendwie einen Punkt machen....
Wir haben das gleiche Spiel- und Satzverhältnis wie es Levallois Paris im Viertelfinale hatte (3:0, 9:5 Sätze), die dann in Ekaterinburg untergegangen sind.

Die taktische Aufstellung ist nicht einfach und jede Konstellation bietet Chancen, aber auch die Möglichkeit völlig in die Hose zu gehen.

Ich habe mir etwas überlegt und wenn sich morgen beim Mittagessen alle drei Spieler wohl und sicher fühlen, dann werden wir das auch so durchziehen.

Ich halte nicht so viel davon, was manche andere Trainer machen, schon am Abend vorher oder gar 1-2 Tage vorher die Aufstellung festzulegen.

Frühzeitig(er) festlegen macht aus meiner Sicht nur Sinn, wenn es einen Gegner wie Fulda gibt oder letzte Saison Gräfelfing, wo man sich eigentlich sicher sein kann, dass deren Spitzenspieler immer auf Position 1 aufgestellt wird.

Aber in allen anderen Fällen hat man keine Planungssicherheit. Wie morgen, da kann Hou Yingchao auf allen drei Positionen warten.

Lieber warte ich die Nacht zum Spiel ab, sehe wie fit jeder meiner Spieler ist (Tagesform, Laune, Gesundheit), legt beim Mittagessen die Aufstellung fest und 2 Stunden vor Spielbeginn in der Halle beim Warmspielen gibt es einen letzten Check-Up, wo man zur Not nochmal wechseln könnte.

I.d.R. ist es für die Spieler am wichtigsten zu wissen, ob sie direkt das erste Spiel machen oder erst das zweite oder dritte, den jeder hat ein gewisses Ritual seiner persönlichen Spielvorbereitung (selbst ich als Trainer habe meinen gewohnten Ablauf, in dem ich mich ungern stören lasse).

Auf jeden Fall wird das morgen eine Nervenschlacht...

Keiner meiner Spieler stand bislang in einem Champions League Finale. Ich genauso wenig. Mit Würzburg war es damals das Viertelfinale, da sind wir gegen den bärenstarken SVS Niederösterreich ausgeschieden (damals mit Ryu Seung Min, Werner Schlager und Chen Weixing) und jetzt eben mit Saarbrücken im Halbfinale.

Schon jetzt ein wahnsinniger Erfolg, egal wie es morgen läuft, auch wenn uns andere Topteams schlagen können, mit dem Erreichen des Champions League Halbfinales gehören wir aktuell zu Europas 4 stärksten Mannschaften.

Aber wer im Halbfinale steht, will auch ins Finale......

Das 3:0 aus dem Hinspiel bedeutet eine gute Ausgangsposition, mehr aber auch nicht....

9:5 Sätze ist hart. Sollten wir 0:3 verlieren, ist kaum anzunehmen, dass wir jedes Einzel 2:3 verlieren.

Egal wie, es muss morgen ein Einzelsieg her... und am besten sehr früh, damit nicht das große Nervenflattern kommt.

Habe gerade eine SMS bekommen: "Viel Glück morgen - und lege dich nicht wieder mit dem Chinesen an!"

Hehe, denke das kam beim Hinspiel zur richtigen Zeit. Ich wurde von vielen in der Halle gefragt, ob wir uns auf russisch "angebrüllt" haben.
Nein, es war in der Tat auf chinesisch.

Ich kann in mehreren Sprachen betreuen, zumindest die Hauptdinge, auch auf chinesisch. Außer Betreuen und Fluchen kann ich auch noch ein paar Brocken darüber hinaus.

Nachdem wir schon beim Spiel Steger - Shibaev permanent das Problem mit falschen Aufschlägen hatten und es bei Monteiro - Hou Yingchao so weiter ging, aber Joao sich im Gegensatz zu Basti nicht selber lautstark beim Schiedsrichter beschwert hat, sondern mir nur in der Satzpause gesagt hat, dass er wirklich nicht einen einzigen Aufschlag sehen kann, habe ich die Angelegenheit dann selber in die Hand genommen.

Nachdem Hou Yingchao nicht mal 1-2 Ermahnungen des Schiedsrichters interessiert haben, habe ich rein gerufen, bevor die Situation spielentscheidend (gegen uns) wird.

Ich habe ihm auf chinesisch gesagt, dass er falsche Aufschläge macht. Er war dann kurz erstaunt, dass ich chinesisch kann. Ich habe es ihm dann nochmal gesagt. Er war dann angepisst und hat mich gefragt, ob ich der Schiedsrichter sei oder der Trainer bin. Ich habe ihm dann zu verstehen gegeben (zur Sicherheit auch auf englisch), dass er mal zum Schiedsrichter schauen solle...
...denn der Schiedsrichter hatte schon die Hand gehoben, um Hou Yingchao letztmalig zu verwarnen.

Nachdem das dann auch nur eine Zeitlang gefruchtet hatte (bis ihm seine Felle davonschwammen), bekam er dann später direkt einen Aufschlag abgezählt, nachdem er in einer spielentscheidenden Situation wieder falsch aufschlagen hat.

Das kann auf jeden Fall morgen heiß werden und es könnten durchaus die Emotionen hoch kochen, wenn nicht frühzeitig ein klarer Spielgewinn für uns eingefahren wird.
UMMC Ekaterinburg will uns auf jeden Fall einen heißen Fight liefern und will uns genauso untergehen sehen wie Levallois Paris.

Und wir wollen ins Finale....

Drückt uns die Daumen! Viele Grüße aus Russland (so jetzt mal versuchen zu schlafen, 5.00 Uhr Ortszeit)
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