Zweite Station Kiew: Jag talar inte svenska!
Was für ein Kulturschock. Vom eher bescheidenen kleinen süßen Lemberg ging’s ins bombastische Kiew. Ein Unterschied vielleicht wie Heidelberg und Berlin. Aber der Reihe nach. In Kiew angekommen erst mal ins Taxi rein. Auf die Frage, ob ich Schwede sei, hätte ich den Taxifahrer erwürgen sollen, um den Fluch von meinen Schultern zu nehmen. Aber Chance verpasst und erst mal ins Hotel. Dieses wirkte zunächst wie ein Bunker, ist aber deutlich besser als erwartet. Zimmer ok. Nicht günstig (~ 70), für schwedische, ähhh, ukrainische Verhältnisse eher sau teuer, aber für die EM geht’s. Ab ins Taxi (10 EUR), Stadt besichtigen.
„Are you Svensk?“ Erst denke ich, der Taxifahrer will mich veräppeln! Doch kurz danach komm ich auch schon an der Fanmeile an und verstehe schnell, was die Leute von mir wollen. Die ganze Stadt ist gelb-blau. Das liegt auch an ein paar ukrainischen Hanseln mit Nationaltrikot. Aber im wesentlichen liegt es an einem schwedischen Armeisenhaufen, der aus allem raus- und reinzukriechen scheint - Kneipe, U-Bahn, Restaurant, Bars, McDonald, Fanmeile, Casino, Museum, Park, ÜBERALL. Und der gemeine Schwede kreucht und fleucht nicht nur. Nein, er ist auch auffällig guter Stimmung und pflegt zu feiern – immer und überall. Kennt jemand von euch den Film „Die Vögel“ – in diesem Fall sind es allerdings eher Lachmöwen, die da auf die impulsante Stadt hereingebrochen sind. Was ich bis dato nicht wusste war der Umstand, dass die Schweden alle Gruppenspiele in Kiev hatten und sich dementsprechend auf einer eigenen Insel im Dnepr, im sogenannten Sweden-Camp, dass ich auch kurz besuchte, häuslich eingerichtet hatten. Und diese Schweden können feiern – Respekt. Aber es gibt nicht nur ein Schwedencamp – mitten in der sonst nur von Sponsoren wie … nein, ich nenn die Namen jetzt nicht, gesäumten Fanzone hat Schweden einen eigenen Schwedencorner mit eigenen Getränken und Speisen und DJ – Party all the time. Da Frankreich keine Fans hat und die Ukrainer mit ihrem gelb-blau die Schweden nun auch nicht gerade farblich ausgestochen haben, waren es die letzten Tage wohl eher ein sehr großes Mittsommernachtsfest als eine EM.
An der Fanmeile angekommen und mit einem Fanguide von einer ukrainischen Volontär („Sorry, can you give me an english guide? My swedish is as good as yours!“) und natürlich einem geschichtlich korrektem Cityführer hab ich mir nun erst mal mit Startpunkt Fanmeile ein paar nahegelegene Sehenswürdigkeiten angesehen.
Kiew ist eine faszinierende und bombastische Weltmetropole, die Vergleiche mit St. Petersburg, Berlin, Moskau, Stockholm und Paris nicht scheuen braucht. Die Stadt liegt auf sieben Hügeln, ist eingemauert in Natur und liegt malerisch am Fluß Dnepr. Die für den Ostblock typischen (hässlichen) Plattenbausiedlungen liegen außerhalb, vor allem am östlichen Ufer des Dnepr. Mir ging es allerdings so, wie vielen, die ich in Kiev getroffen habe, die vorher in Lviv waren. Die Stadt erschlägt einen! Und ich persönlich stehe eh eher auf Städte wie Freiburg und Heidelberg als Frankfurt und Hamburg! Trotzdem eine Reise wert.
Wie auch immer, ich hatte für den nächsten Tag einen Touritag geplant und war eh etwas down – also hab ich mich dann für Spaß entschieden, abseits der typischen Touriplätze. Dachte ich jedenfalls. Bin in ein ukrainisches Restaurant mit typisch Ukrainischen Gerichten. Vorab erst mal Borschtsch (Gemüsesuppe), was man durchaus essen kann, und danach Kiever Hühnchen. Alles ok, Restaurant wurde mir vom Taxifahrer empfohlen, Preis für alles mit Bier, 6 EUR.
Danach mal nix mit Touri, ab in ein reines Pokercasino. Der Floorman (so ne Art Concierge) begleitet mich zielsicher zu meinem Tisch, einer von etwa 30! Als ich merkte, dass ich an einem Zehnertisch mit 9 bierbeseelten Schweden platziert wurde, ging mir auf, dass es für mich ein recht unkommunikativer Abend werden sollte. Zu allem Überfluss konnte ich das zahlungswillige Publikum ob suboptimaler Kartenentwicklung auch nicht wie gewünscht erleichtern – trotzdem ein erster schöner Tag in Kiev.
Der zweite Tag in Kiev verlief Touritypisch. Citybus, Museum, Kirche, Führungen – und dann ab zum Match Frankreich – Schweden. Da mir die Schwedenvergleiche doch mittlerweile auf den Sack gingen, ging ich mit Eintrachttrikot, dass ich durch Zufall dabei hatte (

), zunächst zur Fanmeile. Nach ein paar Metern erschallt hinter mir ein „Schwarz, Weiß, wie Schneeeeeee, das ist die SGE“. Ich drehe mich um, drei Jungs in Schwedentrikots!!! Häääääähhh???

Stellte sich raus, dass die Jungs aus Freiburg seit einiger Zeit bei Malmö leben und Arbeiten und echte Zeugen Yeboahs sind.
Spätestens im Stadion war ich dann aber auch Schwede. Abgesehen davon, dass ich von französischen Fußballfans nichts halte, seit ich fast ein Jahr in Metz lebte und ich während der WM 1998 mitbekommen habe, dass der gemeine Frankreichsupporter außer Zizou nichts kennt, nicht mal Laurent Blanc, verlieren sich in einem normalen französischen Stadion etwa so viel Fans wie bei uns in der zweiten Liga (außer Marseille und PSG) – wenn überhaupt. Wie auch immer, wir Schweden haben jedenfalls im Stadion richtig Gas gegeben. Tolle Stimmung, obwohl das Stadion im alten Stil mit einer fetten Tartanbahn ausgestattet ist.
Nach dem Triumph dann schnell mit dem Taxi heim ins Hotel. „Your team won today?“ Ich hab’s nicht beantwortet, aber irgendwie haben wir schon gewonnen. Bisher haben alle Fußballfans gewonnen, die ich getroffen habe. Wobei, ab und an trifft man auch ein paar Holländer hier ….
Heute hab ich mich mit einem Geschäftspartner getroffen, der mir ein wenig von Kiew gezeigt hat. Interessant, was er mir politisch erzählt hat. Er ist durchaus ein moderner und westoffener junger Ukrainer, der vor allem mit deutschen Produkten in der Ukraine handelt. Er erzählte, dass er erleben musste, dass die von ihm zunächst positiv gesehene Orangene Revolution in Kombination mit unglücklichen internationalen Entwicklungen in eine wirtschaftliche Katastrophe geführt hat und dass, so wünschenswert Menschenrechte, Westorientierung, Freiheit und Selbstbewusstsein auch wären, die wirtschaftlichen Gegebenheiten nun mal so sind, dass die Ukraine wirtschaftlich einfach von Russland abhängt und ein plötzliches politisches Abnabeln von Russland, wie nach der Orangen Revolution geschehen, ganz hohe Preise hätte und hopplahopp nicht zu realisieren wäre. Was den allgemeinen Lebensstandart angeht, wäre Janukowitsch daher, selbst wenn man sich als selbstbewusster Ukrainer gerne abnabeln würde, ganz sicher die bessere Wahl als Julia, so seine Meinung.
Den dauerhaften Protest der Regierungsgegner gibt es übrigens allgegenwärtig um die Fanmeile in einem 24 h besetzten Protestcamp mit Bildern, Informationen und Plakaten. Auch einige Protestmärsche habe ich gesehen. Die „Free Yulia“-T-Shirts sprechen dafür, dass man gezielt die westliche Presse sucht. Scheinbar lässt die Polizei die Proteste während der EM auch unbehelligt zu – zumindest was ich davon mitbekomme.
Aber zurück vom orangenen Gruppendesaster zu meinen gelben schwedischen Freunden. Die gelbe Flut trägt, während ich euch schreibe, gerade die Koffer erhobenen Hauptes gen Taxi. Einige gönnen sich noch mal ein wirklich trinkbares Bierchen. Ich bin wirklich gespannt, ob die Fanmeile morgen mir alleine gehört.
Привіт з Києва
Fozzi