So undifferenziert kann man diese Diskussion nicht führen. Die Auswirkungen sind auf den unterschiedlichen Ebenen völlig verschieden:
1. Die Profis werden schnell zur Tagesordnung übergehen. Der Aufschlag wird noch etwas transparenter und so der Rückschlag etwas einfacher. Allerdings auch kein Riesenunterschied, da die meisten den Ball bisher schon relativ weit hochwerfen. Eine taktische Variante fällt weg, Aufschläge à la Batorfi sind weniger exotisch.
2. Die oberen Amateurspielklassen werden überwiegend mit Ablehnung reagieren. Z.B. in der Oberliga wird der Ball i.d.R. genügend hochgeworfen, also ist der Nutzen fast Null, dafür werden einige Aufschlagvarianten erschwert. Wer hat schon Zeit für wöchentlich mehrstündiges Aufschlagtraining.
3. In den mittleren und unteren Amateurspielklassen wird es Empörung, Frustration und erhebliche Umsetzungsprobleme geben. Mancher Kreisklassespieler wird die neue Regel eine Woche vor dem ersten Punktspiel zufällig im Training erfahren und ans Aufhören denken.
Ausgerechnet hier, wo das Argument mit den Aufschlägen aus der Hand greifen könnte, ist der Bedarf an Veränderungen aus Sicht des Einzelnen bereits über Gebühr gedeckt. Manche Spieler reagieren bereits allergisch auf das Wort "Regeländerung".
Damit erhebt sich die strategische Frage, wie weit sich der Leistungssport TT noch von der Basis entfernen will.
4. Jugendbereich: Die Nachwuchsgewinnung im Anfängerbereich wird erheblich erschwert, insbesondere die Einführung von Kindern in den Punktspielbetrieb. Die Jüngsten haben nicht immer die entsprechende Koordinationsfähigkeit, um den Ball senkrecht über Kopfhöhe zu werfen und ihn danach auch noch vernünftig zu treffen. Wir warten auf das Chaos und sinkende Mannschaftszahlen.
5. Ausland: TT besteht nicht nur aus Deutschland. Die Beteiligung Chinas an diesem Vorschlag überrascht nicht, die Kultur ist eine andere, die Regeln kommen von oben, zudem sind die Strukturen professioneller und TT ist bereits öffentlich etabliert.
In kleineren Verbänden ist das leider nicht unbedingt so einfach. Internationale Regeln müssen auch im Kongo und in Jamaica umgesetzt werden.
- Bisherige Regelung: sie ist völlig ausreichend, wenn sie nur halbwegs umgesetzt wird. Der Vorschlag ist ein Eingeständnis, dass dies nicht so ist. Man kann doch nicht argumentieren, wir lassen zwei Meter hochwerfen, dann bekommen wir am Ende wenigstens 30 cm. Wo ist die Grenze und wozu gibt es Schiedsrichter?
- PROFESSIONELLE VORBEREITUNG VON REGELÄNDERUNGEN: Darauf warte ich bis heute, und genau hier setzen regelmässig die Protestwellen an.
Wenn in der Industrie ein neues Produkt auf den Markt gebracht wird, dann wird es zuvor getestet. Ist es denn so schwer, ein Testturnier zu veranstalten und die Teilnehmer vorher und nachher nach Feedback zu fragen?
Dazu braucht es nicht einmal Diplom-Regeländerer, Praktikanten und freiwillige Helfer bekommen das auf die Reihe.
FAZIT: Ich kann die theoretischen Überlegungen, die hinter dem Vorschlag stehen, nachvollziehen, bezweifle aber, dass die Nachteile auf allen Ebenen entsprechend bedacht und gewichtet wurden.
Ich nehme an, das Einbringen des Vorschlags ist beschlossene Sache?