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Alt 17.08.2002, 19:48
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Frankfurter Rundschau vom 17.8.02 Scharlatan oder Persönlichkeit im Tischtennis

Müller Munscheid haut an der Platte mächtig auf den Putz

An dem Mäzen, Spieler und Bundesliga-Klubbesitzer scheiden sich die Geister / Scharlatan oder Persönlichkeit im Tischtennis

Von Felix Meininghaus (Bochum)

Wahrscheinlich geht der große Traum schon an diesem Wochenende in Erfüllung, wenn die TTG Müller Munscheid, Aufsteiger in die Tischtennis-Bundesliga, zum ersten Saisonspiel beim Deutschen Meister aus Grenzau antritt. Frank Müller, beim Neuling aus der Bochumer Vorstadt an Position neun gesetzt, wird sich wohl aufstellen. "Mit 90 prozentiger Wahrscheinlichkeit, ob im Einzel, im Doppel oder in beidem, weiß ich noch nicht." Dass niemand außer Müller bestimmt, wer an die Platte geht, obwohl beim Klub mit Leuten aus China, England, Weißrussland, Schweden oder Singapur weitaus fähigere Spieler unter Vertrag stehen, steht für den Macher außer Frage: "Wer sonst sollte das entscheiden? Schließlich ist es mein Verein." So kann man das sehen: Müller fungiert in Munscheid nicht nur als Präsident, Manager, Teamchef und Finanzier, er hat auch dafür gesorgt, dass der Klub seinen Namen trägt: Aus Weitmar-Munscheid wurde Müller Munscheid. Wobei nicht nur der Name ein Kuriosum ist, das die Beobachter wahlweise zum Schmunzeln oder zum Kopfschütteln anregt. Wenn er in Grenzau an die Platte geht, ist Müller der erste Tischtennisspieler, der von der dritten Kreisklasse bis zur bel etage seines Sports in allen Ligen aufgeschlagen hat. Eine Leistung, die hierzulande wohl nicht nur im Tischtennis einmalig ist. Oder, um es in Müllers unbescheidener Diktion zu formulieren: "Das dürfte Weltrekord sein." Solche Superlative sprechen sich rum. Längst ist Frank Müller zu einer der schillerndsten Figuren der Szene geworden. Nicht etwa, weil er ein begnadeter Spieler oder aufsehenerregender Athlet wäre. Im Gegenteil: Im Kreis der Weltbesten wirkt der füllige Mann wie eine Landpomeranze, die sich zu einem Schönheitswettbewerb verirrt hat.

Aber was ist er eigentlich? Ein Scharlatan, sagen manche, ein Clown, der die Szene an der Nase herumführt. Andere halten ihn für eine clevere Persönlichkeit, die das Metier der Zelluloidkünstler mit einem Augenzwinkern aufmischt. So mag der Betrachter kaum glauben, dass es keine Absicht des Tischtennis-Eulenspiegels war, seinen Klub in Müller Munscheid umzubenennen. Wohlwissend, dass es eine auffällige Parallele zu Loriots Figur Müller-Lüdenscheid gibt.

Doch wenn einer behauptet, sein Auftreten im Tischtennis sei reiner Klamauk, widerspricht Müller entschieden. Schließlich lässt sich der Geschäftsmann, der mit der Sanierung von Altbauten in Sachsen Millionenbeträge umsetzt, sein Engagement in Munscheid einiges kosten. Es heißt, dass Müller rund 80 Prozent des Erstligaetats von 250 000 Euro bestreitet. Dabei sieht sich Müller ganz und gar nicht als Mäzen im klassischen Sinne. Dank Tischtennis habe er viele geschäftliche Kontakte geknüpft. "Das ist keine Selbstbeweihräucherungsshow eines durchgeknallten Profilneurotikers, schließlich haben wir in Munscheid durch meine Person eine vielfach größere Medienpräsenz als der Deutsche Meister." Er sei, betont das Tischtennis-Unikum, "nicht nur ein Wahnsinniger. Da steckt knallhartes Management dahinter." Auch sein sportliches Engagement weiß "Deutschlands bester Hobbyspieler", wie ihn das Fachblatt deutscher tischtennis sport betitelt, zu begründen.

Bislang hat Müller seine Gegner immer wieder düpieren können, obwohl sie durch die Bank wesentlich höher eingestuft sind. Dies gelingt ihm mit einer Mischung aus unorthodoxer Technik, einem kniffligen Belag aus weichen langen Noppen und der Tatsache, dass ihn die Kontrahenten nicht ernst nehmen.

Die Strategie funktioniert, es gilt als äußerst undankbar, gegen Müller antreten zu müssen. Inzwischen ist der Mann sogar international für Liechtenstein unterwegs. Mit dem Ziel, bei der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Paris an die Platte zu gehen.

Längst hat der Mann aus Bochum mit seinen Auftritten alle Regeln des professionellen Leistungssports außer Kraft gesetzt. Weil ihm der Job kaum Zeit lässt, beziffert er seinen Trainingsaufwand mit "zweimal monatlich". Dass so einer in der besten Liga der Welt mitmischt, macht die Leute natürlich neugierig.

Müller fällt auf. Das "Nilpferd mit Noppen" genießt die Medienpräsenz mit einer "Mischung aus Eitelkeit, Spaß und sportlichem Ehrgeiz." Und wenn "alles nur nach der Nummer eins von Liechtenstein schaut, obwohl die Nummer zehn oder zwölf der Welt in der Halle sind", empfindet Müller diebische Freude.

Aufregende Wochen und Monate werden das im Feld der Weltklassespieler seines Sports, denen Müller in der Bundesliga und im Europapokal gegenübertreten will. Zudem wird der Mann im Oktober auch noch Vater, was die Zeit zum Üben noch weiter einschränken dürfte. Aber vielleicht zieht Frank Müller ja sogar aus diesem Umstand seinen Vorteil. Als Ausgleichssport gibt der Tischtennis-Anachronist an: Schwangerschaftsgymnastik.
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