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AW: Wenn ich ITTF-Präsident wäre, dann würde ich...
Sehr interessante Diskussion hier. Das scheint mir der richtige Zeitpunkt für meinen ersten Beitrag zu sein (Ich bin schon länger passiver Konsument des deutschen Forums, habe mich aber erst jetzt registriert. Nur kurz zu mir: Ich komme aus Wien und spiele dort in der 1. Klasse. Neben dem TT spiele ich auch gern Racketlon, von daher kommt auch die Squashniete. Ich bin verheiratet und habe einen kleinen Sohn).
Ich möchte euch einen Beitrag nicht vorenthalten, den ich bereits vor einigen Monaten in einem österreichischen Forum gepostet habe, nachdem H.W. Gäb mit einer absurden Idee aufhorchen ließ. Das Thema liegt mir auch deswegen am Herzen, da mich Werbung und Marketing mein bisheriges Leben lang begleitet haben. Von daher halte ich A. Sharara (und leider auch Gäb) für einen Marketing-Analphabeten, der tatsächlich glaubt, alles für jeden vermarkten zu können, und dafür eine attraktive Sportart mit einer langen Tradition immer weiter aushöhlt. Der Beitrag passt mE gut zum Thema hier. Anlass für mein Posting war, dass damals Gäb vorschlug, nur mehr diagonal servieren zu dürfen. Sorry für die Länge.
"Darum brauchen wir KEINE Regeländerungen
Schon wieder meldet sich so ein TT-Weltverbesserer zu Wort. Nach dem notorischen Regelverbesserer Sharara nun auch Hans Wilhelm Gäb, den ich eigentlich nicht so eingeschätzt hätte. Ich maße mir dieses Urteil deswegen an, weil Gäb der Autor des ersten TT-Buches ist, das ich mir Anfang der 80er Jahre gekauft habe. Das Buch habe ich wegen seiner Fachkompetenz, seiner Anekdoten und seines Stils verschlungen. Aber mittlerweile ist Gäb halt auch schon bald 75 und damit im richtigen Funktionärsalter für absurde Ideen. Warum glauben eigentlich alle Funktionäre von Sharara abwärts Tischtennis massentauglich machen zu müssen bzw. überhaupt zu können? Vielleicht sollte mal jemand diesen Herrschaften erklären, dass nicht alles für jeden vermarktet werden kann.
1. Tischtennis ist kein Produkt, sondern eine Sportart!
TT wurde nicht erfunden, um tausende begeisterte und zahlende Zuseher in Sporthallen zu locken. TT wurde als Spiel, nicht einmal als Sportart erfunden, das von livrierten Herren und behüteten Damen aus besseren Kreisen Ende des 19. Jahrhunderts gespielt wurde. Nach und nach wurde TT dynamischer und entwickelte sich zu einer rasanten Sportart, die auch Zuseher begeisterte. Es wurden Weltmeisterschaften ins Leben gerufen, TT wurde olympisch und in den letzten Jahren auch immer fernsehtauglicher. TT hat seine Fans und die sollen bestmöglich bedient werden. Aber seit Sharara glaubt man, auch den Kurti Plachowetz fürs TT gewinnen zu müssen. Und weil den TT nicht interessiert, doktert man an der Sportart selbst so lange herum, bis es ihn vielleicht doch interessiert. Nur wird das nicht passieren, ehe beim TT auch 22 Spieler ohne Tisch, Netz und Schläger versuchen, einen viel größeren Ball in ein gegnerisches Tor zu schießen. Da hat er dann seine Massentauglichkeit. Nur heißt diese Sportart nicht Tischtennis, sondern Fußball. Und die muss nicht neu erfunden werden.
2. Wo ist der wissenschaftliche Zusammenhang zwischen der Dauer eines Ballwechsels und seiner Attraktivität?
Das ist immer der erste Ansatzpunkt. Das Service muss entschärft werden und die Ballwechsel verlängert werden. Dann wird TT attraktiver. Wo ist der wissenschaftliche Beweis dafür? Gäb schreibt in seinem Buch eine Anekdote über den längsten Ballwechsel der Geschichte: 2 Stunden und 12 Minuten wurde 1936 an einem Ballwechsel gespielt. Wirklich toll, dort müssen wir wieder hin. Und was ist mit anderen Sportarten, in denen Ballwechsel schon jetzt länger dauern? Haben Badminton und Squash so viel mehr Zuseher? Leider nein, obwohl es sich diese beiden attraktiven Sportarten wirklich verdient hätten. Die These vom langen Ballwechsel als Publikummagnet ist eine Mähr. Nicht die Länge eines Ballwechsels ist ausschlaggebend, sondern das, was in diesem Ballwechsel passiert. Attraktiv ist, wenn TROTZ Härte der Schläge, Finten, Spinvariationen ein langer Ballwechsel herauskommt, denn das spricht für das Niveau der Kontrahenten. Unattraktiv ist, durch permanente Regeländerungen Härte (Schwammdicke), Finten (Farbenregel, Serviceregel) und Spinvariationen (Noppenverbot, Klebeverbot) zu beschränken, DAMIT ein langer Ballwechsel entsteht. Am besten, wir kontern alle nur mehr diagonal. Dann sind die Ballwechsel superlang und richtig attraktiv. In die Richtung sollte nach Gäb der Zug offensichtlich abfahren, wenn er ernsthaft meint, man solle nur mehr diagonal servieren dürfen.
3. Lasst endlich das Service in Ruhe!
Wird TT durch die ständigen Änderungen der Serviceregel wirklich interessanter für Kurti Plachowetz? Natürlich nicht, den hat TT nicht interessiert, als verdeckt serviert werden durfte und den interessierts auch nicht, wenn der Ball in einem gedachten Dreieck zwischen Netzpfosten und Schläger mindestens 16cm senkrecht aufgeworfen werden muss ohne von irgendetwas verdeckt zu werden uswusw. Aber auch für uns TT-Spieler, war es wirklich so unattraktiv, einen jungen JO Waldner servieren zu sehen? Oder einen Guo Yuehua? Sicher haben manche Gegner schlecht ausgesehen. Aber schließlich muss man auch erst einmal so servieren können, dass ein anderer Weltklassespieler alt aussieht. Und die Ballwechsel aus dieser Zeit waren mit Sicherheit länger (und damit - Achtung Ironie - automatisch attraktiver, siehe oben) als jetzt. Viel wichtiger wäre, die bestehenden Serviceregeln erst einmal einzuhalten, bevor neue aus dem Hut gezaubert werden.
4. Macht TT für die wirklich Interessierten attraktiver!
Das sind nicht nur die aktiven TT-Spieler. Das können Aktive aus ähnlichen Diziplinen (Tennis, Badminton, Squash) sein, aus anderen Zweikampfdisziplinen (Fechten, Judo, Ringen), aus strategischen Disziplinen (Schach) oder generell Sportinteressierte sein. Warum soll es so schwer sein, Profile von TT-Interessierten zu erstellen? Jedes erfolgreiche Unternehmen führt Marktforschungen durch, führt eine Segmentierung ihrer Zielgruppen durch und erstellt Marketingpläne. Aber eine Organisation wie die ITTF oder auch die nationalen Verbände sind dazu nicht in der Lage. Trotzdem ist in letzter Zeit viel passiert, was zur Attraktivierung vom TT beigetragen hat, wenn ich etwa an die roten Böden oder die blauen Tische denke. Aber das kann noch nicht alles gewesen sein. Wo sind zB die Statistiken, die im Tennis Gang und Gäbe sind, wo sind die professionellen Kokommentatoren bei Übertragungen? Gelungenes Marketing lebt von Kreativität. Wenn sich die allerdings darin erschöpft, Bälle zu vergrößern und gefährliche Aufschläge zu verbieten, nur damit die Ballwechsel länger dauern, mache ich mir um unseren Sport große Sorgen."
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