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Alt 21.02.2004, 15:44
geheimagentbond geheimagentbond ist offline
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Re: Mannschafts-WM in Qatar

Hab eben einen interessanten Artikel zu dem Thema gefunden:

http://www.tischtennisinside.de/seite_3/

Trotz guter Leistungen nicht für WM nominiert
Lars Hielscher oder:
Denn er versteht nicht, was sie tun…


VON WOLFGANG BERNING

Jülich Da stand er nun, ganz oben auf dem Treppchen und doch irgendwie ganz unten: Über seinen Titelgewinn bei den Westdeutschen Meisterschaften am zweiten Februar-Wochenende in Hamm vermochte sich Lars Hielscher nicht so richtig freuen. Eigentlich überhaupt nicht.

Fünf Tage zuvor nämlich hatte dem Nationalspieler die Bekanntgabe der Nominierung des DTTB-Kaders für die Mannschafts-Weltmeisterschaften in Doha (1. bis 7. März) die Laune nachhaltig verhagelt. Statt in Katar mit Timo Boll, Jörg Roßkopf und Co. um die erste WM-Medaille für ein deutsches Herren-Team seit den Titelkämpfen 1997 in Manchester zu spielen, muss der 24-Jährige in heimatlichen Gefilden Trainingsschichten schieben. WM-Atmosphäre gibt´s für Hielscher nur via Bildschirm.

Der Frust sitzt tief. „Durch meine guten Leistungen und Ergebnisse in der vergangenen Zeit hatte ich mir sehr gute Chancen ausgerechnet“, erläutert der Bundesliga-Profi von SIG Jülich/Hoengen seine Erwartungshaltung: „Umso enttäuschter war ich, als ich hörte, dass ich nicht selektiert worden bin.“

Ex-Doppeleuropameister Zoltan Fejer-Konnerth vom Bundesliga-Spitzenreiter TTC Grenzau und der fünffache Jugend-Europameister Christian Süß vom deutschen Meister Borussia Düsseldorf als „Aufsteiger der Saison“ bekamen den Vorzug gegenüber Bastian Steger (Düsseldorf) – und eben auch Hielscher.

Dabei waren die Resultate des EM-Dritten im Doppel von 2000 besonders in den noch nicht lange zurückliegenden Wochen und Monaten tatsächlich überzeugend: Siege in der Bundesliga gegen Roßkopf (Gönnern), Ma Wenge, Lucjan Blaszczyk (beide Grenzau) und den EM-Zweiten Torben Wosik (Frickenhausen), Titelgewinn beim DTTB-Top-12-Ranglistenturnier und gute Ergebnisse bei den Pro-Tour-Turnieren in Kroatien und Griechenland und insgesamt eine Platz zwei in der deutschen Rangliste - übertroffen nur vom Weltranglistenzehnten Boll (Gönnern).

Dennoch fiel der Rechtshänder bei der WM-Nominierung durch den DTTB-Trainer-Stab durch das Sieb.

"Ich habe mich bei der Nominierung für die Mannschaft bei der EM 2003 nicht beschwert, weil das damals eine wirklich knappe Sache war, und eigentlich bin ich ja auch nicht ein ständiger Nörgler, doch diesmal liegen die Dinge aus meiner Sicht doch anders", meinte "Larsemann" gegenüber TISCHTENNIS INSIDE und fügte hinzu: "Es geht mir nicht darum dass ich anderen den Platz bei der WM nicht gönne, ganz im Gegenteil. Ich definiere meinen Anspruch nur
über meine eigene Leistung, und da denke ich, dass ich in die Mannschaft gehört hätte. Aber vielleicht habe ich auch nicht genügend Lobby. Begreifen kann ich die Entscheidung jedenfalls nicht."

Jülichs Präsident Arnold Beginn hat dafür auch keinerlei Verständnis. „Das verstehe, wer will. Dass man Christian Süß als großes Talent mitnimmt, leuchtet mir noch ein, aber warum statt Lars nun Zoltan Fejer-Konnerth nominiert worden ist, überhaupt nicht mehr.“

Wie so vieles im Leben allerdings hat auch eine WM-Nominierung zwei Seiten. Die andere, für Lars Hielscher nicht erfreuliche, erläutert Chefbundestrainer Dirk Schimmelpfennig. „Natürlich ist bei Lars nachweislich eine Leistungssteigerung festzustellen, ohne Frage. Bei unserer Nominierung konnten wir uns aber nicht nur von der Leistung leiten lassen, sondern mussten auch taktische Überlegungen berücksichtigen. Dazu gehört auch, dass wir einen Kader zusammenstellen mussten, der auf unsere Gegner in der WM-Vorrunde abgestellt ist. Und im Head-to-Head-Vergleich mit den Spielern unserer Gegner hat Lars eben nicht die entsprechenden Ergebnisse gehabt. Das war ausschlaggebend bei der Nominierung.“

In einem persönlichen Gespräch am Rande des WM-Lehrgangs in Rothenburg/Fulda legte der Coach dem Niedersachsen die Argumente nochmals dar. Schimmelpfennig: „Ich habe versucht, ihm unsere Überlegungen näher zu bringen. An seiner Sicht der Dinge hat das wohl nichts geändert. Aber es gehört zum Sport, dass bei Nominierungen die nicht berücksichtigten Spieler unzufrieden sind und die berufenen Spieler die Fahrkarte zu einem großen Turnier in der Regel auch immer für gerechtfertigt halten.“

Fast im gleichen Atemzug lobt Schimmelpfennig Hielschers professionelle Einstellung bei dem Lehrgang. „Er ist zwar nur als erster Ersatzmann nach Rothenburg gekommen, arbeitet aber mit höchster Konzentration.“

Lars Hielscher hat aber auch schon das nächste Ziel vor Augen: das Qualifikations-Turnier für Doppel zu den Olympischen Spielen im August in Athen im April in Ludwigshafen. „Lars hat in Rothenburg auch schon mit ‚Rossi’ an der Vorbereitung auf dieses Turnier gearbeitet, und wir haben bereits sein gesamtes Programm bis Ludwigshafen durchgesprochen.“

Dort hat Hielscher sein sportliches Schicksal dann zumindest teilweise selbst in der Hand. Hielscher: "Wenn ich mich jetzt hängen lassden würde, wäre es das Schlechteste, was ich tun kann. An meiner Enttäuschung ändert das aber gar nichts."



Ich finde der Bericht ist sehr objektiv geschrieben, beide Seiten kommen zu Wort. Wenn man sich die Meinungen in diesem Thread ansieht, sehen es fast alle ähnlich wie der Lars Hielscher selbst und können seine Enttäuschung sicher nachvollziehen. Ich hatte auch schon öfter den Eindruck, daß die Nominierungen auch nach der "Lobby" entschieden werden. Da ich aber vom Geschehen zu weit weg bin, kann ich nicht genau beurteilen, welche Aspekte da noch eine Rolle spielen. Indirekt gibt der Bundestrainer sogar zu, daß es in diesem Fall nicht nach Leistung ging. Für die WM kann man nur hoffen, daß diese "taktischen Überlegungen" aufgehen und man sich am Ende nicht ärgert, einen der leistungsstärksten Spieler zu Hause gelassen zu haben. Der deutschen Mannschaft wünsche ich auf jeden Fall, dass sie das erklärte Ziel schafft und mit einer medaille aus Qatar zurückkommt.
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