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AW: Muss DTTB Präsident Weikert sich entschuldigen oder gar zurücktreten?
17. Mai 2010 21:29
Tischtennis Jedes Land hat seine Chinesin
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Sie heißen Liu Jia und Li Jie, Wu Jiaduo und Li Qian, spielen aber für Deutschland, Polen und Österreich. Spieler-Importe aus China sind gefragt - doch die Tischtennis-Welt will dem ein Ende setzen.
Von Thomas Hummel
Zwei Zuschauer aus Polen schrieen mit einem unheimlich lauten Organ durch die Halle und trieben ihre Landsfrau an. Irritierte Düsseldorfer drehten den Kopf und sendeten scharfe Blicke zu ihnen herüber, bis es einem zu bunt wurde: "Was schreit ihr den so, sind doch eh alle Chinesinnen."
Für Anhänger des nationenbezogenen Fandaseins tat sich speziell beim Frauen-Turnier des Tischtennis-Europe-Top-12 ein Zwiespalt auf. Dort standen im Halbfinale zwar Spielerinnen aus vier Nationen, aus Österreich, aus den Niederlanden, aus Deutschland und eben aus Polen. Allein dem Namen nach war dies indes nicht zu erkennen, die Halbfinalistinnen hießen Liu Jia, Li Jie, Wu Jiaduo und Li Qian. Zuvor waren bereits Li Jiao, Ni Xia Lian und Wenling Tan-Monfardini ausgeschieden - als Teilnehmer für die Niederlande, Luxemburg und Italien.
Im vergangenen Jahrzehnt erlebte der Tischtennissport eine Schwemme chinesischer Exporte in die ganze Welt, vornehmlich nach Europa. Besonders bei den Frauen hat fast jede Nation ihre Chinesin. "In Europa ist das Frauen-Tischtennis weniger professionell als das der Männer und der Unterschied zum Niveau der Chinesinnen sehr groß", erklärt Dirk Schimmelpfennig, Sportdirektor des Deutschen Tischtennisbundes (DTTB). So kommt es, dass 26 der ersten 30 in der Weltrangliste in China geboren wurden.
Eine schnelle Einbürgerung ergibt für beide Seiten scheinbare Vorteile. Für die Spielerin, die sich in China gegen die riesige Konkurrenz nicht durchsetzen, in Europa Geld und Ruhm erspielen kann. Außerdem bekommt sie hier die Möglichkeit, an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen teilzunehmen. Die Gastländer glauben auf der anderen Seite, sich mit den Importen wertvolles Know how ins Land zu holen und das Niveau der eigenen Leute erhöhen zu können.
Andere Verbände nutzen die Chinesinnen unverhohlen, um durch ihre Erfolge neue Geldquellen durch Staatszuschüsse oder Sponsoren zu erschließen. Teilweise gingen gar Stellenanzeigen für einen Platz in der Nationalmannschaft nach China, zum Beispiel aus Rumänien oder Bulgarien. "Da haben wir in der Außendarstellung ein Problem", klagt Schimmelpfennig. Er glaubt, dass die Authentizität und die Emotionen leiden, wenn eine große Anzahl eingebürgerter Chinesinnen bei europäischen Turnieren startet - und dann auch meistens gewinnt.
Doch die Tischtennis-Welt will dem chinesischen Treiben nun ein Ende setzen. Seit September hat der Internationale Verband (ITTF) den Nationenwechsel enorm erschwert, für Spieler über 21 Jahren macht er kaum mehr einen Sinn. Diese dürfen von nun an nicht mehr bei ITTF-Turnieren wie einer WM oder World Cups antreten, jüngere Spieler bekommen eine Sperrfrist zwischen drei und sieben Jahren. Allerdings zweifelt DTTB-Präsident Thomas Weikert, dass die neue Regel mit EU-Recht vereinbar ist und "einer juristischen Überprüfung standhalten wird". Das wird wohl geklärt, wenn ein Sportler dagegen Klage erhebt.
Auswirkungen erst ab Olympia 2016
Bereits eigebürgerte Spieler dürfen ihren Status ohnehin behalten, was zur Folge hat, dass sich im Frauen-Tischtennis erstmal kein Effekt zu spüren sein wird. So wechselte etwa die 20-jährige Melek Hu, in der Weltrangliste auf Rang 58, noch schnell zum türkischen Verband. Auch die Siegerin in Düsseldorf, die so leidenschaftlich unterstützte Li Qian, ist erst seit November 2007 Polin. "Man wird Auswirkungen erst bei den Olympischen Spiele 2016 spüren", glaubt Schimmelpfennig.
Dieser Artikel ist erst drei Jahre alt... ;-)
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