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Alt 30.11.2013, 19:33
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AW: Spiel abbrechen

Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod

Es ist nicht einfach, Kids zu coachen. Da braucht es schon ein paar Spiele, bis man merkt, wie man sie am besten erreicht. Ich selbst betreue eine Mannschaft (9-11 Jahre) mit sehr unterschiedlichen Charakteren.

Spieler A: Sehr talentiert, ein prima Händchen und für sein Alter auch schon einen mächtigen Bumms im Arm. Immer hochkonzentriert und ehrgeizig. Nachteil: Wenn es eng wird oder er das Gefühl hat, dass eine Niederlage droht, fließen im Spiel und während der Ballwechsel Tränen. Keine Ahnung, wie dieses Kind durch den Wasserfall überhaupt noch die Bälle sieht.

Er heult Rotz und Wasser, während er sich mit seinen Kontrahenten Vorhandduelle auf sehr hohem Niveau in diesem Alter und dieser Klasse liefert. Beim letzten Spiel habe ich ihn vor dem vierten Satz zur Seite genommen und gesagt: "Los XXX lass es raus. Schreie jetzt einfach mal." Wollte er nicht. Dann habe ich mit ihm gewettet, dass er es nicht schafft mich umzuwerfen, wollte er auch nicht. Dann habe ich mit ihm gewettet, dass ich meine Bauchmuskeln so anspannen kann, dass es mir nicht wehtut, wenn er draufboxt. Wollte er auch nicht, aber wenigstens waren die Tränen weg, und er hat über seinen dicklichen Coach gelacht, der seinen Bauch als Punchingball zur Verfügung gestellt hat.

Spieler B: Körperlich gegenüber den meisten Spielern dieser Klasse im Nachteil. Ein sehr guter Techniker, aber mit einem ebenso großen Ehrgeiz. Zwischen den Ballwechseln immer wieder abgelenkt durch eigene Unmutsäußerungen, Fuß aufstampfen, gegen die Wand treten usw.. Er nimmt noch zu wenig das eigene Spiel war und beobachtet sehr genau, wie die Zuschauer sein Spiel beobachten.

ABER: Trotz aller Ausraster kommt er nach jedem Satz, um sich Tipps zu holen. Diese kann es dann sehr gut umsetzen, auch wenn seine emotionale Achterbahnfahrt im Spiel weitergeht. Solange er nicht unsportlich wird, lasse ich ihm seine emotionalen Ausbrüche, damit die Anspannung aus dem Körper raus kann.

Spieler C: Solider Durchnschnitt, ABER. Sobald der Vater mit dabei sitzt, ist das Kind ein einziges Nervenbündel. Wenn dann noch gut gemeinte Anfeuerungsrufe kommen wie: "XXX verlier jetzt nicht die Nerven. Mache Dich nicht nervös, Bleibe ruhig" usw. usw., dann ist es völlig rum. Normalerweise müsste ich ihn dann auch aus dem Spiel nehmen, weil er sich unabhängig von der Stärke des Gegners total quält.

Man kann ihm den psychischen Druck förmlich ansehen. Nach jedem Satz steht er aber bei und holt sich seine Strategie ab. Bei ihm vermeide ich absolut das Wort "Ich". In den Coachings fällt fast ausnahmslos nuir das Du mit positiven Aspekten. "Wenn Du dicht am Tisch bleibst, diktierst Du das Spiel. Wenn Du das und das machst, dann bekommt er Schwierigkeiten..." usw. Das Gespräch endet dann meistens sinngemäß "Wir packen das".

Spieler D: Der absolut schlechteste Spieler der Klasse, der letzte Woche gerade mal seinen zweiten Satz gewonnen hat. Eigentlich wird er jede Woche nur abgeschlachtet, aber Tischtennis macht ihm riesig Spaß, und er findet es super, in dieser Mannschaft zu spielen. Er feuert seine Kumpels an und fiebert mit. Er zählt extrem gerne, um näher an den Spielen dran zu sein.

Er ist mit Talent nicht gerade gesegnet, aber möchte partout spielen. Nachdem ich ihn einige Spiele falsch gecoacht hatte (ich wollte, dass er wenigstens versucht, den Ball möglichst kange im Spiel zu halten, damit ein paar Ballwechsel zustandekommen), habe ich ihm in den letzten beiden Spielen gesagt, er soll einfach das spielen, was er im Training mit dem Trainer übt.

Offensiv, Topspin. Siehe da. Im letzten Spiel zwar wieder verloren, aber einen Satz gewonnen und in jedem Satz minestens acht Punkte gemacht. Da ihm die Niederlagen fast völlig egal sind, kann ich ihn auch dahingehend coachen, dass er die Spiele als Training ansehen soll und ohne Druck an den Tisch gehen kann.

So, ziemlich lager Beitrag, aber ich denke, es wird schon am Beispiel dieser sehr jungen Schüler klar, dass es ffür Spieler immer mal wieder unangenehme Situationen gibt, in denen man sie am liebsten vom Tisch holen möchte, weil man Angst hat, dass sie die Lust an diesem Sport verlieren, aber ich habe gelernt, dass die Kids nicht so zart besaitet sind, wei man manchmal meint und dass man durch eine entsprechende Ansprache auch viel dazu beitragen kann, dass die Jungs trotz krummer Gegner und Niederlagen Spaß am Sport haben.

Wer das jetzt alles gelesen hat: "Danke fürs Durchhalten"
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In der Retrospektive ist jeder allwissend.
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