Die Chinesen haben den Vorteil, dass sie jedes x-beliebige Spielsystem ausbilden können mit ihrem Nachwuchsheer. Wenn der Trainer einem kleinen Chinesen eines Tages sagt, Junge (oder Mädchen), aus dir machen wir einen Abwehrer, dann macht der widerspruchslos mit, genauso werden sich seine Eltern hüten, irgendwie die Entscheidungen der Trainer zu kritisieren. In der Chinesischen Superliga müssen die Mannschaften zudem einen Verteidiger oder einen Penholder aufstellen um mitmischen zu dürfen. So ist gewährleistet, dass immer Trainings- und Wettkampfpartner der verschiedensten Systeme und Stile zur Verfügung stehen (Stichwort "Boll-Double" oder "Samsonov-Double"

). Zudem kann an erfolgversprechenden Stilen herumexperimentiert werden. Solche für die Entwicklung des Spiels insgesamt paradiesischen Zustände herrschen bei uns nirgends.
Man konnte ja an der WM gut sehen, dass der einst fast totgesagte Penholderstil reformiert wieder ganz obenauf steht. Man konnte die zwei letzten Entwicklungsstufen sogar live mitverfolgen: Kurznoppenpenholder mit Service-Schussprinzip (nicht zu sehen) - Backsidepenholder mit klassischer Rückhand (Ryu) - balancierterer Backsidepenholder mit Rückhandtopspin (Wang). Im Prinzip spielt Wang ja ähnlich wie Boll (d.h. recht früh gegenziehen, möglichst keine passiven Bälle), nur zumindest aktuell noch etwas sicherer. Scheinbar geht hier die Entwicklung abgesehen vom Druck wieder in Richtung verbesserte Sicherheit unter eben diesem Druck. Was kommt nun prinzipiell Neues oder verbessertes aus Europa? - Sehe noch nichts, nur die Koreaner haben mit Joo eine etwas neuere Variante des Angreifer-Verteidigers gebracht (im Vgl. zu Ding Song oder Chen Weixing mit materialmässig absoluter Angreifervorhand).
Die Chinesen haben natürlich auch aufgrund des gigantischen Leistungsdruckes aus dem eigenen Verband kaum die Chance, mehr als ein paar Jahre im Nationalteam mitzumischen und dort WM- oder Olympiatitel zu holen. Dass Chinesen mit relativ primitivem "Hauruckstil" auch noch im hohen Alter vorne mitmischen können zeigt ja beispielsweise der glaub'ich nun baldige Senior Ma Wenge. Der konnte halt nicht einfach während fünfzehn oder gar zwanzig Jahren an grossen Veranstaltungen für sein Land teilnehmen. Ein Samsonov hat ja nun trotz mehreren Teilnahmen auch noch keinen ganz grossen Titel geholt.
Insgesamt scheint der TT-Sport nach wie vor noch Entwicklungspotential aufzuweisen, aktuell scheinen die Chinesen den frühzeitigen Power- und Gegendruckstil mit Topspin à la Boll auch in Richtung mehr Sicherheit perfektionieren zu wollen (war ja schon unglaublich, wie traumhaft sicher die RH-Tops von Wang Hao kamen

). Diesbezüglich war für mich auch der Sicherheitsunterschied zwischen Wang Liqin und Rosskopf im offenen Schlagabtausch interessant.
Naja, ich befürchte aber nicht, dass das das Endstadium werden wird, irgendeine Ueberraschung kommt schon mal wieder (siehe ja auch Joo an der WM, wer hätte denn schon mit sowas gerechnet?). Nur scheinen die grundsätzlichen Neuerungen nun praktisch alle aus Asien zu kommen und die Europäer müssen mal wieder zur Schule.