Re: Kevlar, Karbon, Hohlräume=Blödsinn oder klasse?
Hallo ExAbwehrspieler,
seit 25 Jahren spiele ich Tischtennis und ich konnte die ersten Carbon-Hölzer der 80er Jahre mal antesten. Das waren damals unglaublich schnelle Hölzer, die ich als Jugendlicher gar nicht verwenden konnte. Es gab aber schon damals auch sehr schnelle Nicht-Carbon-Hölzer, zum Beispiel das einschichtige Tamaropa von Tamasu/Butterfly mit geradem Griff. Das war der Hammer!
Von 1989 bis Ende der 90er setzte ich berufsbedingt aus und begann dann wieder, so langsam systematisch zu trainieren und stellte eine unglaubliche Vielzahl an Hölzern fest. Mittlerweile waren auch Materialien wie Kevlar, Glasfiber, Aramid, Texalium, Titanium und so weiter in manche Hölzer eingebaut worden.
Ich war noch immer skeptisch, was Carbon-Hölzer anging. Während eines Besuches bei einem Sportkamerad schenkte dieser mir ein Carbon-Holz, das er mal gekauft und für viel zu schnell befunden hatte. Ich lagerte es fast ein Jahr lang ein, dann beklebte ich es aus Spaß mit zwei Belägen und hatte schon bei den ersten 10 bis 20 Konterbällen ein erhebendes Gefühl: so etwas hatte ich zuvor noch nie erlebt. Hätte ich im Alter von 20+x Jahren solches Material gehabt, dann wäre so mancher Ball eingeschlagen wie eine Granate. Schade!
Da ich über keinen sehr gut ausgeprägten "Sweetspot" verfüge (die Beläge auf beiden Seiten nutzen sich nicht nur in der Mitte der Schlägerfläche ab, sondern auch in den äußeren Bereichen), treffe ich den Ball häufig nicht optimal. Bei den meisten Hölzern spüre ich das dann mehr oder weniger deutlich, eben einfach in Abhängigkeit davon, wie weit der Balltreffpunkt von der Schlägerblattmitte weg und zum Schlägerrand hin verschoben ist.
Beim Spielen mit besagtem Carbon-Holz treten solche für mich seltsamen und unangenehmen Rückmeldungen gar nicht mehr auf. Das bedeutet keineswegs, daß ich jetzt alle Bälle sauber im Sweetspot treffe. Eher denke ich, daß die Fehler-Rückmeldung über das Schwingungsverhalten des Schlägerblattes zum Griff weitaus schwächer ist. Und das kommt mir sehr gelegen!
Ich habe den Eindruck, das Carbon-Holz ist "bretthart". Logisch, es handelt sich ja um ein Brett. Aber ich will damit sagen, daß der Schläger sehr sehr steif ist. Verstärkt wird diese Eigenschaft dadurch, daß ich beide Schlagflächen versiegelt habe. Die Lackschicht schränkt das Schwingungsverhalten des Schlägerblattes zusätzlich ein.
Immer wieder spiele ich mit den Schlägern meiner Sportkameraden, um das nötige Gefühl für das eigene Material zu sensibilisieren und um - hoffentlich - eine noch bessere Materialkombination Holz-Belag zu fnden. Wenn der Sportkamerad zum Beispiel mit einem Donic Persson PowerPlay Offensiv-Holz spielt, komme ich mit dessen Schläger überhaupt nicht klar. Mir scheint sein Holz viel schneller bzw. unkontrollierbarer zu sein als mein eigenes. Er selbst sagt aber über mein Holz, daß dieses unglaublich schnell sei und er damit nicht spielen könne.
Das zeigt, daß hier oft persönliche Vorlieben und das viel beschworene aber kaum zu definierende Wort "Ballgefühl" mit eine Rolle spielt.
Wie dem auch sei, ich rate Dir dringend, mal mit ganz unterschiedlichen Schlägern zu spielen. Suche einen defensiv orientierten Spieler, der möglichst ein echtes Abwehrholz spielt, zum Beispiel ein gutes altes Joola Whitespot oder ein ähnliches Pappel-Holz. Wenn Du damit konterst, kannst Du vielleicht die Schwingungen des Holzes spüren. Wenn Du dann direkt (innerhalb von Sekunden) auf ein Offensivholz umsteigst (am besten eines der Hölzer, die Du in Deiner Anfrage genannt hast), dann wirst Du den Unterschied ganz genau bemerken.
Mein Tipp: Wenn Du Dich für solche Hölzer interessierst, dann suche Leute, die das Holz haben und frage mal, ob Du damit spielen darfst. Wenn Du das konsequent machst (nicht heute dieses Holz und nächste Woche ein anderes, sondern jetzt dieses Holz und Sekunden später den gleichen Schlag mit einem anderen Holz üben), dann wirst Du schnell ein Gefühl für die Unterschiede entwickeln.
Zu beachten sind natürlich die ganz unterschiedlichen Beläge, die einen direkten Vergleich von Hölzern erschweren. Aber wie gesagt - wenn Du viel wechselst, dann kannst Du ein Gespür dafür entwickeln. Wer niemals Wein trinkt, kann nicht sagen, um was für eine Sorte und so weiter (trocken, lieblich,...) es sich handelt. Der professionelle Weinkenner hat den Geschmack so drauf, daß er die Unterschiede ganz genau erkennen kann. Und das kannst Du für TT-Hölzer auch lernen.
Mit hohlen Griffen habe ich gar keine Erfahrung. Ich legte mir mal aus Interesse ein Joola K5 zu, das im Griff einen Hohlraum hat, der mit einer wabenartigen Struktur gefüllt ist. Das soll die Übertragung der Schwingungen des Schlägerblattes über den Griff auf die Nerven der Handinnenfläche verbessern. Zudem gibt es das R-A-G = roundabout-grip, wobei der Griff nicht wie bei herkömmlichen Hölzern aus zwei aufgeklebten Schalen besteht, sondern um das Schlägerblatt herum geht. Soll auch Vorteile bringen. Es gab mal ein Holz (oder eine Serie von Hölzern?), bei denen man im Griff eine Schraube hatte, mit der man den Schwerpunkt des Schlägers durch Heraus- bzw. Hineindrehen der Schraube verändern kann. Da hilft es auch, am Schlägerkopf (an der dem Griff gegenüber liegenden Kante des Schlägerblattes) eine oder auch mehrere Lagen Kantenband aufzukleben. Dadurch kann man ebenfalls den Schwerpunkt des Schlägers verändern.
Habe mit der Verlagerung des Schwerpunktes noch nicht experimentiert. Gibt es da irgendwelche Erfahrungen? Man könnte ja mal einen thread dazu aufmachen!
wolfgang10
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