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AW: Wechsel von Angriff auf Abwehr
@bas
Kenne zwar Deine Spielklasse, die genaue Motivation zum Systemwechsel und die Ambitionen nicht, versuche aber trotzdem mal meine Erfahrung mit dem umgekehrten Weg weiterzugeben.
Bis Etwa 2000 habe ich Unterschnittabwehr gespielt (sehr langsames Holz, Feint Long, Tackiness C, beides ca. 1 mm dick). Hatte in dieser Phase aber deutlich weniger Zeit zum trainieren als vorher und schliesslich fast ganz aufgehört zu spielen. Etwa Mitte 2002 ging's dann wieder los, allerdings wollte ich nun auf ein beidseitiges Angriffsspiel umstellen. Zuerst mit Backside-RH, dann kurze Noppen. Ab April 2003 habe ich mich dann entschlossen, das alte Defensivsystem wenigstens teilweise wieder aufleben zu lassen (so in etwa nach Chen Weixing und Konsorten). Dabei bin ich geblieben und spiele nun vergleichsweise wahrscheinlich etwa Kreisliganiveau (resp. 2. Liga, drittunterste von acht Klassen bei uns).
Für mich war die ursprüngliche Umstellung von Abwehr auf Angriff wie das Erlernen einer neuen Sportart, ich hätte genausogut mit Badminton oder Snooker anfangen können. Die Automatismen sind bis ins letzte Detail ganz anders, es entwickeln sich ganz andere Spielsituationen, die verinnerlicht werden wollen, es muss anders zum Ball gelaufen werden, etc... Und zu guter Letzt ist natürlich die Spielphilosophie ganz anders (Abwehr: ich mache/akzeptiere keine Fehler; Angriff: ich mache Punkte und riskiere/akzeptiere Fehler), das ist so in etwa der mentale Unterschied zwischen einem Sprinter und einem Marathonläufer.
Es hat umgerechnet etwa ein intensives Trainingsjahr gedauert, bis ich mit dem neuen Spiel etwa so weit war wie mit der "Vollblutabwehr". Das könnte bei Dir schneller gehen, da Du ja noch jünger bist und somit motorisch noch lernfähiger. Allerdings konnte ich auf viele jahrelang eingeschliffene Elemente zurückgreifen (RH-Unterschnittabwehr mit entsprechendem Stellungsspiel, Defensiv-Servicereturns), inwiefern Du bei einem Abwehrspiel mit Störangriffen auf Dein ursprüngliches Angriffsspiel zurückgreifen kannst, ist für mich nicht beurteilbar. Du hast dann anderes Material, musst häufig aus der Defensive an den Tisch laufen um selber anzugreifen, ein Spielbruch, der zwar effektiv ist aber auch sehr schwierig (es ergeben sich lauter neue Spielsituationen). Dazu kommt noch das Angreifen mit der Noppe. Wenn Du sogar noch den Schläger drehen willst wird alles noch komplexer, viele Fehlerquellen tun sich auf (ich mache das bisher höchstens gelegentlich zum RH-Schupf, habe aber nur schon dafür früher mal tagelang vor dem Fernseher drehen geübt). Wenn das Drehen auch noch offensiv eingesetzt werden soll, sehe ich einen professionellen Trainingsaufwand auf Dich zukommen, nur schon damit Du in brauchbarer Zeit mal das "Standardprogramm" durcharbeiten kannst.
Versteh' das richtig, ich will Dich mit meinen Ergüssen nicht entmutigen. Dein jetziges Spielsystem wirst Du kaum verlernen respektive kannst rasch wieder auf deine alte Spielstärke kommen wenn's nicht klappen sollte mit einer Umstellung.
Du musst Dich nur auf eine lange Umstellungszeit mit vielen Frustrationen einstellen (eben wie ein Marathonläufer). Zudem würde ich Dir empfehlen mit einem Trainer (oder allein wenn nicht verfügbar) ein sinnvolles Spielkonzept auszuarbeiten. Dabei wäre auch eine phasenweise Beschränkung der Lernziele angesagt.
Beispiele:
In den ersten Monaten mit der Noppenrückhand nur Unterschnittabwehr und Schupf/Druckschupf, kein Block, Konter, kein Drehen.
VH-Unterschnittabwehr technisch erlernen, Schupfbälle des Partners ebenfalls schupfen, wieder weg vom Tisch, etc. Wenn sicher, viel Unterschnitt, flach und platziert VH-Topspin auf Schupf wieder einbauen und neue Spielsituationen ausloten (z.B. Ball fliegt geblockt in Noppenrückhand, was nun?), einfache und sichere Lösung finden und einschleifen, Alternativlösung finden und ebenfalls eintrimmen...
Wenn Du Dein neues Spiel mit einigen Varianten einigermassen beherrschst, wirst Du feststellen, dass Du verschiedene Gegner, die Du früher mühelos geschlagen hast, nun nicht mehr schaffst. Andererseits wird's viele bisherige Angstgegner geben, denen Du nun ein 3:0 anhängen wirst. Das darf Dich nicht stören.
Oje, ist wiedermal ein fürchterliches Elaborat geworden (trotzdem ziemlich unvollständig). Hoffe, Dich nicht allzusehr gestresst zu haben und wünsche Dir viel Erfolg beim Erlernen der neuen Sportart. Bin gerne bereit, verschiedene Details v.a. zu den zu erwartenden Spielsituationen noch zu erläutern. Das kann ein ausgebildeter Trainer aber selbstverständlich viel professioneller als ich.
MfG
Taugenichts
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