|
AW: Wie sollte Tischtennis präsentiert werden?
Die Sache ist nur die. Spin ist das charakteristischste Merkmal von Tischtennis überhaupt. Es unterscheidet den Sport von allen anderen Rückschlagsportarten wie Tennis, Badminton, usw.
Von mir aus soll Tischtennis medial eine Randsportart bleiben. Damit finde ich mich ab. Womit ich mich nicht abfinden würde, wäre es, die Regeln solange zu verändern, bis jeder den Sport toll findet, aber er mit dem heutigen Tischtennis nichts mehr zu tun hat. Dann kann eben nicht jeder Laie den Spin und den Sport nachvollziehen. Na und? Diejenigen, die Tischtennis spielen und sich auf die Sportart eingelassen haben, sind aber gerade deshalb so fasziniert!
Das mit der Massentauglichkeit und Attraktivität stimmt. In der heutigen Zeit mit Angebotsvielfalt, Internet, ständiger Ablenkung und Kurzweiligkeit, wird vom Durchschnittszuschauer Action verlangt. "Es war gut" reicht nicht, es muss überragend gewesen sein, sonst hat sich der Besuch des Spiels nicht gelohnt.
Das mit dem "Mitfiebern" sehe ich aber völlig anders. Früher als Aufschläge noch verdeckt werden durften und man mit dem kleinen Ball sogar noch mehr Spin in den Ball bekommen hat, wurde doch auch mitgefiebert. Mitfiebern heißt doch z.B., dass ich gespannt bin, ob mein Idol den nächsten Aufschlag gut retournieren kann oder den Ballwechsel gewinnt. Ob ich dafür genau nachvollziehen kann, welchen Fehler er gemacht hat, wenn er es nicht tut, ist doch völlig unerheblich. Beim Basketball fiebere ich beim Freiwurf mit und beim entscheidenden Dreipunktewurf, beim Dart und am Schießstand beim Biathlon. Warum dem jeweiligen Sportler Fehler unterlaufen und er Korb, Ring oder Scheibe nicht trifft, kann ich da auch gar nicht beurteilen, geschweigedenn mit bloßem Auge erkennen. Dem Laien ist das doch auch egal. "Er hat daneben geworfen. Verdammt, hoffentlich ist der nächste Ball drin". Das ist die Einstellung des Durchschnittszuschauers. Wir müssen uns mal endlich von der Vorstellung eines Zuschauers lösen, der jeden Ballwechsel verstehen und analysieren möchte, wenn er Tischtennis guckt. Analysiert beim Fußball der Durchschnittsdeutsche Ausholbewegung, Technik und Fußstellung des Stürmers, der vor dem freien Tor nicht getroffen hat? Nein, er amüsiert sich darüber wie man den Ball nicht reinmachen konnte oder ärgert sich als Fan zu Tode. Danach werden für den nächsten Angriff die Daumen gedrückt. Analysiert wird nur die Taktik und das geht beim Tischtennis auch ohne jeden Fehler zu verstehen.
Der Durchschnittszuschauer stößt auf Tischtennisübertragungen beim Zappen oder schaut es nebenbei, während er mit seinen Freunden auf der Couch sitzt. Solange der Wettbewerb spannend und/oder unterhaltsam ist, ist es ihm vollkommen schnuppe, ob er ihn im Detail versteht. Außerdem hat so gut wie jeder (zumindest in Deutschland) irgendwann schon einmal in seinem Leben einen Schläger auf dem Pausenhof in der Hand gehabt und weiß, dass man den Ball gefährlich "anschnibbeln" kann. Ich habe jedenfalls bei vermeintlich leichten Fehlern von Freunden, die mit TT nichts am Hut haben, schon öfter die Reaktion "der hat den voll angedreht" gehört als "der macht ja nur leichte Fehler".
Erstmal muss man festhalten, dass Tischtennis eigentlich doch alles hat, was eine Sportart braucht. Das Spiel kann gerade bei kurzen Sätzen äußerst spannend sein, es gibt die unterschiedlichsten Arten von Ballwechseln, es ist athletisch, mit Technik, Taktik, Kondition, Koordination, Nervenstärke, usw. spielen die unterschiedlichsten Faktoren eine Rolle und jeder kann gewinnen. Problem ist nicht die Komplexität des Tischtennissports. Problem ist nicht der Spin. Problem ist nicht die Kürze der Ballwechsel und auch nicht die mangelnde Athletik. Tischtennis ist in den letzten 20 Jahren viel athletischer geworden, Spin wurde reduziert, Aufschläge entschärft, gefährliche Noppen verboten. Und die Zuschauerzahlen sind auf dem Tiefpunkt. Wir sind auf dem falschen Dampfer... Das Desinteresse an der TTBL früher fußte meiner Meinung nach auch nicht auf der undefinierten Länge des Spiels, sondern wenn überhaupt auf der Anzahl der Saisonspiele und der fehlende Identifikation mit den Spielern. Man kann nicht erwarten, dass Tausende jedes Wochenende kommen. Aber beim Tennis macht es niemandem etwas aus, ob das Spiel 2,3 oder 4 Stunden dauert. Im Gegenteil! Wenn es besonders lange dauert, ist es eben besonders spannend.
Neben Problemen wie demographischem Wandel, dem Wachsen des Angebots durch neue Randsportarten, einem zunehmenden Desinteresse der Bevölkerung an körperlicher Ertüchtigung, sinkender Identifikation mit Verein, Gemeinschaft oder Sport sowie immer kürzeren Zyklen, in denen die Menschen mal Interesse an einer Sache behalten und ihr treu bleiben, gibt es für mich nur zwei tischtennisspezifische Probleme:
1. die Vermarktung und Darstellung des Sports
2. ein falsches Ziel, nämlich Tischtennis in das Muster einer Fernsehsportart zu zwängen, anstatt entweder zu akzeptieren, dass TT das nicht ist oder so von TT überzeugt zu sein, dass man glaubt, jeden Menschen auch ohne Regeländerungen von der Faszination überzeugen zu können
Womit wir zu Lösungsansätzen kommen.
a) bessere Kameraperspektive, um Spin und Dynamik der Bewegungen besser einzufangen
b) Einführung des 4er-Systems in der 1. Bundesliga, um wieder mehr Zuschauer in die Halle zu locken oder aber
c) Konzentration auf Turniere, dann aber den Turnierkalender entschlacken und auf weniger große Turniere reduzieren, ungefähr so wie die Grand Slams im Tennis
d) Erlauben von Emotionen, von Jubeln während der Ballwechsel, usw.
e) Aufbrechen der chinesischen Dominanz, unter Umständen sogar durch Wiedereinführung verdeckter Aufschläge, denn dann gewinnen Gefühl und Antizipation gegenüber Athletik wieder an Bedeutung. Und die Spannung steigt, weil mehr Abwechslung in die Ballwechsel kommt und man mehr mitfiebert, je nachdem, ob das eigene Idol nun Aufschlag hat oder irgendwie versuchen muss beim gegnerischen Aufschlag dagegenzuhalten. Am besten wäre es, wenn es zwei oder drei große Konkurrenten aus unterschiedlichen Nationen und mit verschiedenen Philosophien gibt, die um die großen Titel fighten. Das lockt die Zuschauer hervor.
f) Spin- oder Geschwindigkeitsmessungen bei Aufschlägen, Einblendung eines Ballwechselzählers bei Ballonabwehr-Ballwechseln
g) bessere Kommentatoren, die Einblick in Taktik geben; in Satzpausen z.B. mal Analyse eines Ballwechsels oder der grundlegenden Taktik, genauso Einblendungen wie beim Tennis zu Aufschlagpunkten, unforced errors, usw.
h) endlich eine klare Linie: entweder TT ist der faire Sport der Gentleman, den Menschen jedes Alters spielen können, den jeder vom Pausenhof kennt, der Sport der Intelligenten, usw. wo es nicht nur auf Fitness ankommt. Dann muss man aber auch damit werben. Oder aber man versucht sich von diesem "kein Sport"-Image zu lösen, dann muss man aber auch Emotionen erlauben und sich ein anderes Image zulegen.
i) Einführung von Spitznamen für Spieler, die z.B. die Stärken des Spielers betonen
j) Reduzieren der ständigen Spielunterbrechungen durch Belag abwischen, zum Handtuch gehen, Hand auf dem Tisch abwischen, zur anderen Seite der Box laufen, usw. Konzentration sammeln ist ja okay, aber in den Ausmaßen gab es das früher nicht. In den 90ern wurde nach einem Rückschlagfehler des Gegners oft genug der Ball schnell aufgefangen und gleich wieder eingespielt. Das ist doch auch nur eine Gewöhnungssache, denn am Ende haben ja alle Spieler gleich viel oder gleich wenig Zeit
k) mehr Identifikation mit den Sportlern schaffen. Wir brauchen mehr "echte Typen"
ich könnte noch eine ganze Weile so weitermachen. Nur sind diese Ansätze, um das Image aufzupeppen und mediale Aufmerksamkeit zu bewirken, erst der zweite Schritt. Denn viel wichtiger ist es doch, dass man zunächst einmal die bereits Tischtennisbegeisterten in die Halle oder an den Fernseher lockt, bevor man sich an die TT-Fremden wagt. Es gibt in Deutschland mehrere hunderttausend TT-Spieler + Angehörige + Hobbyspieler. Und wenn davon pro Woche 5000 den Weg in die Halle zum Zuschauen finden, dann ist das wahrscheinlich schon viel. Wenn wir alle aber selbst nicht mit gutem Beispiel vorangehen, anderen zeigen und sagen, wie cool der Sport ist, unsere Freunde nicht zum TT-Spiel mitnehmen und mit dem TT-Fieber anstecken können, weil wir selbst gar nicht hingehen. Ja dann brauchen wir auch nicht über die mangelnde Aufmerksamkeit jammern...
Fernsehpräsenz mag wichtig sein, um Werbung zu machen. Erfolg mag auch wichtig sein. Aber die einfachste, günstigste und vermutlich sogar effektivste Form der Werbung ist Mundpropaganda!
Geändert von Bo5 (07.10.2015 um 01:39 Uhr)
|