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Alt 03.11.2015, 11:05
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Zitat:
Zitat von mithardemb Beitrag anzeigen
Wenn ich mir da mal alte Filme von ihm ansehe, dann hat Samsonov auch vor der aktuellen Aufschlagregel nicht verdeckt. Da fällt es ihm natürlich leicht sich an die aktuellen Regeln zu halten.
Erstens wurde dieses Argument ja schon wiederlegt, da er 1999 (als er z.B. Weltcupsieger und Europe-Top12-Sieger wurde) verdeckte Aufschläge wie jeder andere gespielt hat.

Zweitens musst du zwischen Profis, die schon lange im Geschäft sind, und Nachwuchsspielern unterscheiden. Wenn allein die Umstellungsproblematik entscheidend wäre, könnten zumindest die Nachwuchsspieler ja einen Aufschlag wie Samsonov ihn heute spielt prinzipiell genauso erlernen wie all die regeltechnisch höchst fragwürdigen Alternativen, die fast alle anderen Topspieler praktizieren. Wofür sie sich entscheiden (bzw. was ihre Trainer fördern) ist ja offensichtlich. Dein Argument führt also ins Leere, aber das war dir sicherlich eh schon klar.

Zitat:
Zitat von mithardemb Beitrag anzeigen
Die Frage weshalb die Profis sich nicht an die Regeln halten könnte man wohl auch umformulieren in die Frage, weshalb die Schiedsrichter diese Regeln zu heterogen kontrollieren.
Ja, ich finde inzwischen auch, dass das eine viel interessantere Frage ist.

Man kann sich bis zu einem gewissen Grad einer Antwort annähern, wenn man sich einzelne Profi-Schiedsrichter-Interaktionen anschaut und sich die plausiblen Motive und Konsequenzen überlegt.

Nehmen wir als erstes von drei Beispielen das Halbfinale im Herreneinzel bei der EM 2015. Freitas wurde von der Schiedsrichterin mehrmals wegen seines Reverse-Pendulum-Aufschlags ermahnt. Dass er den Ball bei diesem Aufschlag nicht sonderlich hoch und sehr schräg wirft, wodurch die Regel eines "nahezu senkrechen Ballwurfs" extrem ausgereizt (meines Erachtens sogar verletzt) wird, ist ja bekannt. Die Schiedsrichterin war über mehrere Sätze hinweg sogar sehr entgegenkommend und hat die Aufschläge lediglich ermahnt, jedoch nicht abgezählt.

Wie reagiert also Freitas sobald die Schiedsrichterin ihm die Gründe ihrer Ermahnungen ausführlich erklären möchte? Wie hier von 6:32 bis 7:15 zu sehen ist ignoriert er die Schiedsrichterin, fällt ihr ins Wort, tut so als wäre sie nicht da, und stellt ihre Forderungen gegenüber dem Oberschiedsrichter als lächerlich dar. Er sagt dem Oberschiedsrichter in einem aggressiven Ton, sie würde von ihm einen 1 Meter hohen Ballwurf verlangen und wie unsinnig das doch wäre. Während sie direkt neben ihm steht und keines Blickes oder gar Wortes gewürdigt wird.

Dass das den Tischtennissport höchst unprofessionell aussehen lässt, ist die eine Sache. Aber klar ist doch: Für Freitas ist das die beste Strategie. Sobald er die Kritik eines Schiedsrichters auch nur ansatzweise akzeptiert, öffnet er Tür und Tor dafür, dass auch andere Schiedsrichter die gleiche Kritik äußern. Die langfristige Konsequenz ist klar: Er müsste seine Aufschläge entschärfen und an das Regelwerk anpassen. Es ist offensichtlich, dass er das vermeiden möchte. Seine Aufschläge sind sehr gefährlich, Timo Boll hat 2014 klar gesagt, dass das auch an dem schrägen Ballwurf liegt.

Was bedeutet das für die Schiedsrichterin? Wenn sie versucht, diplomatisch zu handeln und konstruktiv die Aufschläge eines Profis ermahnt, wird sie extrem respektlos behandelt werden. Denn das ist für den Profi die beste Strategie.

Welcher Schiedsrichter hat darauf Lust? Ich hätte keine Lust darauf.

Es gibt natürlich auch Schiedsrichter, die sich gar nicht erst auf nutzlose Diskussion einlassen, bei denen sie ohnehin nur ignoriert werden. Ein kürzliches Beispiel war beim Weltcup 2015 zu beobachten, als mehrere Schiedsrichter Tiago Apolonias Aufschläge abzählten. Das Resultat? Apolonia hat allen vier(!) Schiedsrichtern, die seine zwei Spiele zählten, am Ende nicht die Hand gegeben. Im Interview sagte er dann, die Schiedsrichter würden sich nur bei ihm trauen, ihm in die Aufschläge reinzureden. Bei anderen Spielern würden sie sich das nicht trauen. Klare Aussage: Die Schiedsrichter sind Feiglinge und parteiisch.

Die Strategie Apolonias ist offensichtlich die gleiche wie die von Freitas: Wenn man die Schiedsrichter nur möglichst respektlos behandelt, ihr Verhalten möglichst stark ächtet, sie am besten auch noch persönlich angreift, dann werden diese und andere Schiedsrichter in Zukunft weniger motiviert sein, sich erneut um regelkonforme Aufschläge zu bemühen.

Ein ähnliches Beispiel findet sich in den Reaktionen von Patrick Baum, als ihm Aufschläge abgezählt werden, weil er den Ball mit dem Kopf verdeckt. Er sagt dem Schiedsrichter, das Verdecken ließe sich überhaupt nicht vermeiden, und es wäre doch ohnehin bedeutungslos und brächte ihm keinen Vorteil. Das ist natürlich gleich doppelt lächerlich. Zum einen kann man selbstverständlich einen Vorhandaufschlag spielen ohne den Ball mit dem Kopf zu verdecken. Er trainiert aber absichtlich eine Variante, bei der das Verdecken in Kauf genommen (oder sogar bewusst angestrebt) wird. Zum anderen ist er nicht in der Position, einen Schiedsrichter über die Sinnhaftigkeit einer Regel zu belehren. Das ist einfach peinlich für den Sport und respektlos gegenüber dem Schiedsrichter.

Aber Baums Strategie ist für ihn selbst vollkommen richtig. Er will seinen Aufschlag weiterhin regelwidrig spielen, also muss er die Kritik des Schiedsrichters möglichst vehement abschmettern und genauso wie Freitas und Apolonia an dem Schiedsrichter ein Exempel statuieren. Er macht deutlich: Wer ihn kritisiert, wird nicht auf offene Ohren stoßen, sondern muss damit rechnen, dass er als Spieler die Schiedsrichter belehrt.

Soweit also meine Annäherung: Es gibt Schiedsrichter, die nach wie vor versuchen die Regeln durchzusetzen. Von den Profis werden sie im Gegenzug maximal geächtet und respektlos behandelt, ihre Regelauslegung oder sogar die Regeln selbst werden von den Spielern aktiv in Frage gestellt; und das offenbar ohne negative Konsequenzen für die Spieler. Aus Perspektive des einzelnen Schiedsrichters ist es verständlich, dass er/sie sich das nicht antun möchte und lieber alle Regelverletzungen ignoriert.

Damit wird für mich an dieser Stelle klar, dass die ITTF da dringend eingreifen muss. Wenn die Schiedsrichter sich nicht mehr trauen oder es als zu belastend empfinden, Regeln durchzusetzen, dann müssen die Rechte der Schiedsrichter gestärkt werden. Und Profis müssen mit Strafen rechnen, wenn sie die Schiedsrichter respektlos behandeln. Und so weiter. Dass der Sport wie eine Witzveranstaltung dasteht, sobald Spieler die Schiedsrichter über Regeln belehren (Beispiele Freitas und Baum) ist auch klar. Warum da von der ITTF nicht eingegriffen wird? Das wüsste ich auch gerne ...

Geändert von tsb (03.11.2015 um 12:04 Uhr)
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