Zitat:
Zitat von Rudi Endres
Warum gibt es so wenige Fans? Ist das Spiel zu schnell geworden? Dann machen die geschilderten Maßnahmen Sinn. Oder ist Tischtennis für Zuschauer generell ungeeignet, wie viele behaupten. Dann kann man alles freigeben.
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Vielleicht weder noch. Ich finde der Fehler der meisten Leute, ist, dass sie immer nach einer simplen Erklärung suchen, warum TT so wenige Fans in den Hallen hat. Es ist aber nicht so einfach, sondern eben sehr komplex.
- die
Länge der Ballwechsel könnte eine Rolle spielen. Dafür spricht, dass in den von dir oft hochgelobten früheren TT-Jahren vor dem Frischkleben die Halle voll war. Dagegen spricht allerdings, dass viele Laien heutzutage TT ohnehin schon als zu langweilig und unspektakulär empfinden. Ellenlange, monotone Ballwechsel nehmen sogar viele TT-Aktive als extrem langweilig wahr. Dagegen spricht auch, dass das Zuschauerinteresse nach dem Verbot von verdeckten Aufschlägen nicht zugenommen hat, obwohl dadurch direkte Aufschlagpunkte weitestgehend verhindert werden. Abgesehen davon hält der Rückgang der Zuschauer auch seit dem Höhepunkt der Frischklebeära weiter an, obwohl ich seitdem keine Verkürzung der Ballwechsel mehr erkennen kann. Spiel auf den 3. Punkt gab es damals schon, Topspinrallyes auch. Spiele, die nur aus Aufschlag-Rückschlag bestehen ebenso. Heute gibt es ja immerhin richtig durchtrainierte Spieler, die das höchste Tempo noch mitgehen können, siehe z.B. das Niveau der Chinesen bei den Trials
Noch dazu gibt es - von dir auch schon zitiert - doch Studien, dass die Ballwechsel signifikant länger werden müssten, um eine veränderte Wahrnehmung beim Zuschauer zu bewirken. Das wird man mit den kleinen Änderungen (anderer Ball, kein Tuner, usw.) rein gar nichts bewirken können. Und nochmal die Frage: schauen mehr Leute Badminton in Deutschland? schauen heute mehr Leute Tennis als damals bei Boris Becker, wo die Ballwechsel viel kürzer waren? wie Brett schon richtig sagt: es ist völlig subjektiv, welche Art von Ballwechsel als toll angesehen werden. Ich finde Ballonabwehr auch öde. Ich mag es, wenn es richtig schnell wird oder jemand den anderen ausguckt wie Waldner beim Block
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genereller Rückgang der TT-Interessierten und TT-Mitgliederzahl. Das hat wiederum zig Gründe: mehr Stress im Berufsleben, Nachmittagsunterricht in der Schule, genereller Bewegungsmangel in der Gesellschaft, größeres Sport- und Freizeitangebot (früher gab es eben nicht Fußball, Basketball, Handball, Badminton, Tennis, Tischtennis, Jogging, Fitnesscenter, Schwimmen, Football, Reiten, etc. in jedem kleinen Dorf) und natürlich eine Korrelation mit dem Image des Sports selbst. Wäre TT beliebter, würden auch die dabei bleiben, die zweifeln, ob sie noch Lust haben, weil sie von den anderen mitgeschleift werden. Hören sie dagegen auf, verstärken sie den Effekt der fehlenden TT-Beliebtheit selbst. Hinzu kommen noch Regeländerungen, die einige Alteingesessene vergrault haben - wobei ich nach vielen Beiträgen hier im Forum der Meinung bin, dass sie zwar die meisten verärgern, auf die Mitgliederzahl nur eine marginale Wirkung haben
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größeres Angebot an Veranstaltungen, Shows und Sportprogrammen, die man besuchen kann. Noch dazu größere Mobilität der Menschen als früher. Heute kann im Prinzip jeder 100-200 Kilometer zum Spiel des BVB oder FCB fahren, um die Fußballstars live zu erleben. Tischtennis hat von dieser Seite also eine viel größere Konkurrenz
- veränderte Gesellschaft, mit
häufigen Wohnort- und Berufswechseln. Dadurch fällt es schwer Mitglieder und Fans langfristig zu binden. Vereine und Sportarten, die immer in den Medien präsent sind, haben damit weniger Probleme, weil ihnen die Fans von selbst zulaufen.
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schlechtes Image des Sports, z.B. Verruf von Tischtennis als Sport für Senioren, für das Schwimmbad oder den Hobbykeller
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Komplexität des Sports und fehlendes Verständnis des Laien für das, was sich abspielt. In der Hinsicht ist Tischtennis also tatsächlich nicht der geeignetste Sport für Zuschauer und Medien. Die Aussagen von den Vermarktungsfirmen über das große Potential von Tischtennis glaubt doch niemand ernsthaft. Dafür passieren viel zu viel für den Laien "unerklärliche Fehler". Zumal alle Vermarktungsfirmen die wirklichen Probleme noch nie angegangen sind. Warum z.B. gibt es keine animierte Wiederholung zur Rotationsrichtung des Balles, während der Satzpause nicht eine einminütige Erklärung zur Wirkung von Spin, keine Statistiken wie im Tennis, keine Messungen wie schnell Bälle geschlagen wurden. Ich weiß, vieles davon ist schwer zu realisieren, aber ich sehe noch nicht einmal den Versuch...
- viele aktive Tischtennisspieler - die wirklich einen Großteil des Publikums in den Hallen ausmachen - haben
am Wochenende selbst Punktspiele. Ist in anderen Sportarten natürlich auch so, aber dann spielt man den einen Tag Tischtennis und schaut am nächsten etwas anderes
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fehlende "Show" beim Tischtennis. Auch das ist wieder eng mit der Komplexität der Sportart verzahnt. Ich meine hier nämlich gar nicht die Show um das Spiel herum, die man ja immer weiter ausbaut (behandelt auch nicht die Wurzel des Problems meiner Meinung nach. Es fährt auch niemand ins Fußballstadion, weil in der Halbzeitpause gute Musik läuft und niemand schaut Basketball-Bundesliga wegen der Cheerleader), sondern um die Show während des Spiels. Tischtennis muss man als Zuschauer konzentriert verfolgen, weil a) der Sport komplex ist, b) die Ballwechsel schnell, c) der Satz schnell herum ist und man sonst etwas verpasst und d) in den TT-Hallen (anders z.B. als beim Darts) eine "Pssst-Atmosphäre" herrscht. Möglichst kein Muks während des Ballwechsels. Kein Klatschen beim Netzball. Viele Menschen möchten aber beim Zuschauen die Seele baumeln lassen oder sich austoben. Beim Fußball kann man im Stadion seinen Emotionen freien Lauf lassen, beim Zusehen im TV aber auch Essen, Trinken, mit den Kumpels unterhalten oder es gar nur nebenbei laufen lassen. Die wichtigen Momente werden 20x wiederholt und man merkt schon am Kommentar, wann man hinschauen muss. Das erklärt zumindest, warum Sportarten wie Fußball so viele Zuschauer haben, obwohl 90 % der Spieldauer auch ziemlich ödes Herumgeschiebe des Balles ist
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fehlende Sponsoren, auch hier ist wieder die Frage nach Henne und Ei. Je mehr das Zuschauerinteresse schrumpft, desto weniger Kohle ist aber da und je weniger Kohle, desto weniger kann man sich etwas einfallen lassen, um die Spiele aufzupeppen, Preisgelder zu erhöhen, TV-Zeiten zu bekommen oder die absoluten Stars spielen zu lassen. Und wenn dann selbst die wenigen Stars der Liga wegen Verletzung, Vertrag (Boll) oder teilweise Terminüberschneidungen mit Turnieren nicht immer mitspielen...
- schlechte Vermarktung, vgl. z.B. die elenden Diskussionen um die
Kamerawinkel, die von der Mehrheit als grässlich angesehen werden, weil sie die Dynamik des Sports nicht herüberbrinen
- wie Brett schon angedeutet hat:
Verwöhnung des Publikums durch Youtube. Früher hat man Ballonabwehr und Topspin-Rallyes nur dann sehen können, wenn man selbst in der Halle war oder TT ab und zu mal im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Heute schaut sich wahrscheinlich jeder Zweite schon vor seinem Besuch als Zuschauer bei Youtube tolle Ballwechsel an, um sich auf den TT-Tag einzustimmen. Man geht dann immer mit der Erwartungshaltung heran, dass die Ballwechsel sich mit den besten im Internet messen müssen. Wenn Spieler x dann nur 3 oder 4 Bälle aus der Ballonabwehr zurückbringt und dann den Fehler macht, ist man schon sichtlich enttäuscht und denkt "hab ich schon besser gesehen". Es ist einfach nichts Neues mehr
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Desinteresse der TT-Aktiven am Profisport, sei es aus Faulheit, aufgrund der Dominanz der Chinesen oder weil man sich wegen der unterschiedlichen Spielsysteme (3er-, 4er- oder 6er-Mannschaft, kein Doppel) mit der Spitze nicht mehr identifiziert und die Bundesliga nicht als Teamsport ansieht. Ich habe noch niemanden in zwei Jahren kennengelernt, der das
3er-System und die nun kalkulierbarere Zeitdauer der BuLi-Spiele ernsthaft gut fand. Da haben alle lieber 6 Stunden-Duelle in der 2. Liga mit 6er-Teams angeschaut als so einen Quatsch... Wenn die Basis nicht zum Spiel fährt und ihre Freunde und Bekannten mal mitnimmt, kann niemand erwarten, dass diese von alleine den Weg in die Halle finden. A propos Teamsport: auch das wiederum ein Problem des TT-Sports: es ist in der Liga weder echter Teamsport, noch echter Einzelsport. Für mich ergibt das ein Vermarktungsproblem!
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fehlende Persönlichkeiten und "Duelle" im Tischtennis. Sportarten leben von großen Kontrahenten wie Federer gegen Djokovic oder Nadal, Armstrong gegen Ullrich (ja ich weiß, sie waren gedopt), Bayern gegen Dortmund, usw. Die einzigen solchen Duelle im Tischtennis finden zwischen Ma Long und Zhang Jike. Ich finde das ziemlich cool, aber die Mehrheit interessiert sich für die Asiaten nicht. Die europäischen Stars sind dann wiederum keine richtigen Werbefiguren. Entweder zu lieb oder nicht bad boy genug.
Ich hab jetzt keine Lust mehr zu schreiben, obwohl ich glaube das war gerade mal die Hälfte von dem, was mir zu dem Thema einfallen könnte. Ich denke man sieht schon, dass das ganz viele unterschiedlichste Dinge sind, die einen Anteil am fehlenden Fanrückhalt von Tischtennis haben
könnten! Wenn diese alle miteinander wechselwirken, ist es klar, dass es keine einfache Lösung gibt. Vergrößert man z.B. die Show oder erlaubt Klatschen im Ballwechsel, dann vergrault man unter Umständen treue Fans (insbesondere ältere Leute), die Tischtennis genau dafür lieben, dass man es in Ruhe anschauen kann
Festzuhalten bleibt auf jeden Fall: Tuning hat damit absolut nichts zu tun. Der Laie, der kein Tischtennis guckt, weiß nicht mal, dass es Tuner gibt und so selten wie er den Profisport sieht (wenn er das überhaupt schon mal getan hat), wird er kaum wahrnehmen, ob der durschnittliche Ballwechsel innerhalb der letzten 10 oder 20 Jahre abgenommen hat. Der TT-Aktive bleibt meiner Ansicht nach auch nicht zuhause, weil die Profis tunen oder bescheißen. Habe ich noch nie so gehört...