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AW: Lohnt Jugendarbeit ?
Ich habe jetzt sehr viel Richtiges gelesen. In meinem Verein (mittlere Stadt) treiben wir seit vielen Jahren hohen Aufwand. Wir versuchen, alle gemäß ihrem Talent zu fördern, wenngleich es mehr Spaß macht, mit begabten Kindern zu arbeiten. Derzeit haben wir etwa 50 Kinder bis zu einem TTR von etwa 1300. Unsere Ziele? Förderung des Tischtennis allgemein, Kinder von der Playstation und Straße wegzubekommen gehören sicher dazu, aber auch den eigenen Verein mit frischem Blut zu versorgen. Und das ist eine Herkulesaufgabe. In den letzten 30 Jahren dürften etwa 450 Kinder bei uns angefangen haben, zur Zeit spielen davon gerade mal 10 in unseren Herrenmannschaften. Schätzungsweise 25 sind noch in anderen Vereinen aktiv (bis Regionalliga). Gerade in den letzten 2,3 Jahren wurden uns viele gute Spieler abgeworben, was uns von der Bezirksliga in die 3. Kreisliga abrutschen ließ.
Es lauern zahlreiche Fallstricke, bis aus einem Anfänger ein Spieler der eigenen Herrenmannschaft geworden ist.
1. Halbwegs sportliche Kinder erst mal in den Verein zu locken: Minimeisterschaften der letzten 3 Jahre mit jeweils etwa 25 Teilnehmern haben uns zusammen nur 3 neue Mitglieder gebracht. 6 Schul-AGs mit mäßigem Erfolg usw.
2. Unregelmäßiger Trainingsbesuch. Gegen das Eltern-Argument " Schule hat Vorrang" ist man chancenlos, auch wenn oft nur vorgeschoben.
3. Durchhaltevermögen. Wir stehen in Konkurrenz zu zahlreichen anderen Angeboten und etwas Neues ist immer verlockender als ausdauernd das immer Gleiche zu üben.
4. Umzug. Wohnortwechsel der Eltern aus beruflichen Gründen sind heute gang und gäbe.
5. Trennung der Eltern. Kinder, die jedes 2. Wochenende beim entfernt wohnenden Vater verbringen, sind ein weiteres wachsendes Problem.
6. Pubertät. Mancher tischtennisbegeisterte Zehnjährige findet es später uncool (Wechsel der Clique, erste Freundin etc).
7. Abwerbung der Besten. Ich beeobachte in den letzten Jahren ein immer penetranter werdendes Buhlen mancher Vereine um die wenigen echten Talente.
8. Übergang in den Erwachsenenbereich. Hier gibt es gleich mehrere Hürden. So wollen oft ältere Spieler gar nicht mit den Jungen in einer Mannschaft spielen. Andere weigern sich, ihren Stammplatz aufzugeben, solange der Nachwuchsmann nicht klar stärker spielt. Viele Jugendliche geben auch nach deprimierenden Niederlagen gegen Routiniers, mit deren Spielweise sie nicht zurechtkommen, auf.
9. Studium. In der Regel ist nach dem Abitur ein Wohnortwechsel zum Studienort fällig. Meistens geht dies mit Vereinswechsel oder Karriereende einher.
Ich habe trotzdem noch Spaß an der Nachwuchsarbeit, ertappe mich aber immer wieder bei pessimistischen Überlegungen, wie lange das Kind, mit dem ich gerade trainiere, wohl durchhalten wird.
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Stopp dem Windelmüll!
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