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Alt 11.05.2004, 15:42
Balian Balian ist offline
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Balian ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt (Renommeepunkte ungefähr beim Startwert +20)
AW: Karlsruhe erneut vor dem Aus!?

Wie jedes Jahr im Vorfeld der neuen Saison muß man sich fragen, ob Profi-Tischtennis in Deutschland überhaupt eine (wirtschaftliche)Existenzberechtigung hat. Was mich an der Sache stört, ist das dies immer an den Sponsoren und an konkurrierenden Sportarten (in erster Linie Fußball) festgemacht wird.

1. Sponsoren sind keine Mäzene
Sponsoren aus der Wirtschaft erwarten für ihr Geld meßbare Gegenleistungen. Motivationen für die Sportförderungen können zum einen Werbeeffekte sein, bei denen der Name des Werbepartners einen größeren Bekanntheitsgrad bekommt oder durch die Verbindung mit einem Sportpartner Imageverbesserung betrieben wird. Wenn ich mir allerdings die aktuellen Sponsoren der TT-Bundesliga anschaue, weiß ich nicht welchen Mehrwert angesichts der dünnen Medienpräsenz Weru, Duravit, Metabo oder Liebherr u.a. hier erzielen können.

Ein weiterer Grund für Sportförderung sind die Nutzung spezieller Events, um beispielsweise Kunden oder andere Geschäftspartner werbewirksam einladen zu können. Allerdings sind Tischtennis-Bundesligaspiele im Gegensatz zu Fußball, Tennis, Golf oder Beach-Volleyball nun einfach kein Anlaß für Geschäftseinladungen, das müssen wir halt einfach akzeptieren, ob wir wollen oder nicht.

Fakt ist die Bundesligavereine können ihren Partnern aus der Wirtschaft für eine dauerhafte Verbindung mit beiderseitigem Nutzen einfach zu wenig bieten. Sie sind den Unternehmen (oder besser Unternehmern) also quasi ausgeliefert. Diese Abhängigkeit führt immer wieder zu den jetzt beschriebenen Verhältnissen.

2. Abhängigkeit von einzelnen Sponsoren
Mit Verwunderung registriere ich immer wieder, das das Wohl und Weh einiger Vereine von einem oder zwei Hauptsponsoren abhängig gemacht wird. Sicher ist es einfacher nur eine Handvoll Sponsoren/Mäzene gnädig zu stimmen, aber die oben beschriebene Abhängigkeit wird damit weiter erhöht. Und genauso sicher ist es kein Zufall das gerade die Vereine wie Düsseldorf, Grenzau und Jülich, die seit 20 Jahren kontinuierlich Bundesliga spielen, diese Abhängigkeit nicht eingegangen sind.

3. Wirtschaftliche Situation
Das Unternehmen angesichts der schwachen Verfassung der Wirtschaft sparen müssen, versteht wohl jeder. Das der Werbeetat neben der Personalförderung auf jeder Streichliste ganz oben steht, ist auch bekannt. Wenn ich dann auch noch über Sponsoren aus dem Umfeld der Kastatrophenbranche Bau rede (Weru = Fensterhersteller/Metabo = Bohrmaschinen, Duravit = Badhersteller), dann ist diese Gefahr signifikant größer. Und ich habe vollstes Verständnis für jedes Unternehmen das erst bestehende Sponsorenverträge kündigt, bevor es Kündigungen an die eigenen Mitarbeiter ausspricht.

4. Konkurrenz durch den Einzelspielbetrieb
Im Interesse der Medien stehen beim Tischtennis (ähnlich wie beim Tennis) nicht die Vereine sondern in erster Linie die großen Einzelwettbewerbe. Dies haben als allererste die Werbepartner aus dem Bereich der Tischtennisindustrie selbst begriffen. Da in asiatischen Medien Tischtennis einen ganz anderen Stellenwert hat, können über diese Veranstaltungen zum Beispiel Zielgruppen in diesen Ländern leicht erreicht werden. Unter diesem Gesichtspunkt halte ich beispielsweise die Strategie von Liebherr für ziemlich intelligent.

Was ich in diesem Zusammenhang allerdings nicht verstehe, ist die Tatsache, daß sich die Masse der Profi-Spieler sich im wesentlichen durch die Vereine finanziert und nicht durch die großen Turniere. Hier stimmen Leistung und Gegenleistung im Verhältnis Spieler zu Verein längst nicht mehr.

Fazit:
Tischtennis ist eine klassische Breitensportart, insbesondere im Mannschaftsspielbetrieb. Leider ist es so, daß jeder Fußball-Landesligist eine höhere Medienpräsenz genießt als Tischtennis-Bundesligavereine. Er ist auch deshalb gerade für regional tätige Unternehmen auch der interessantere Partner. Und warum Unternehmer sich lieber beim Golf- oder Reitturnier als Mäzen engagieren, das liegt leider ebenso auf der Hand. Und ob Tischtennis sich für uns alle besser entwickeln würde, wenn eine Menge Geldgeber versuchen würden ihre eigenen Interessen zu verwirklichen, das sei mal dahingestellt.


@ Karlsruhe/Neureut-Fans: wie schon Vfl in seinem Beitrag geschrieben hat, sollten sich die Verantwortlichen einmal fragen, welchen Eindruck sie bei potentiellen Sponsoren aus der Wirtschaft hinterlassen haben. Mit dem Negativ-Image, das insbesondere Kooperationspartner Offenburg zu verantworten hat, ist kein Staat zu machen. Und bei allem Verständnis für die Nöte der ehrenamtlichen Macher: Feierabendtätigkeit schließt einen professionellen Antritt nicht aus.

@Scheich Abdullah: bei wem die Sanduhr tickt, dürfte angesichts der Nähe zur Bauindustrie leicht zu erraten sein
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