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Alt 18.05.2004, 19:12
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klugscheisser klugscheisser ist offline
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klugscheisser ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt (Renommeepunkte ungefähr beim Startwert +20)
AW: Welcher Verein macht die beste Jugendarbeit?

So einfach funktioniert die Welt nicht. "beste Jugendarbeit" kann man ebensowenig beantworten wie "bestes Auto". Ich will mal versuchen, ein paar Punkte aufzugreifen. Holt euch ein Bier oder einen Kaffee, der Beitrag ist lang.


Fall 1: Ein Verein hat viele Kinder und einen Trainer, der sich um alles kümmert. Der Verein hat nur eine kleine Halle und nicht genug Geld, um mehr als einen Trainer zu beschäftigen. Da er ein guter Trainer ist, erkennt er bei einem Jungen das "Talent". Er fördert dieses Kind nach Kräften, fährt mit ihm zu allen Veranstaltungen. Ist das gute Jugendarbeit?

Weiter: Er kümmert sich überwiedgend um das Talent und vernachlässigt zwangsläufig die anderen Kinder. Ist das gute Jugendarbeit?

Weiter: Da dieses Talent deutlich besser ist als der Rest der Schüler, wird die Schülermannschaft hoch gemeldet, damit das Talent gefordert wird. der Rest der Mannschaft ist total überfordert. Ist das gute Jugendarbeit?


Weiter: Das Talent kommt dank der guten Ausbildung in eine Kreis- Bezirks- oder Verbandsförderung. Dort trifft er mit gleich gesinnten zusammen, Erfahrungen werden ausgetauscht. Der Schüler und sein Vater möchten, dass das Talent zu einem benachbarten Verein wechselt, in dem mehrere, ähnlich gute Schüler und viele Trainer sind.

Hier teilt es sich:
a) Der Vereinstrainer läuft Amok und verhindert den Wechsel. Er nimmt den Schüler aus der überregionalen Förderung. Der 12jährige wird, damit er weiter gefordert wird, in der Herren - Kreisklasse eingesetzt. Ist das gute Jugendarbeit?

b) Der Vereinstrainer erkennt das Problem und achtet darauf, dass der Schüler zu einem gut geführten Verein mit Perspektive wechselt. Er begleitet den Wechsel zwar wehmütig, aber wohlwollend. Der Vereinstrainer kümmert sich dann wieder hauptsächlich um seine anderen Schüler, die im Jahr zuvor vernachlässigt werden mussten. Später, viel später, kommt das Talent vielleicht als Spieler oder Trainer zu seinem alten Verein zurück. Ist das gute Jugendarbeit?


Fall 2: ein großer Verein hat durch jahrelange, intensive Jugendarbeit mit vielen Trainern viele Kinder, die Masse ist mittelmäßig, etliche sind gut und einge wenige sehr gut. Alle Gruppen werden nach besten Kräften gefördert, die Anfänger bekommen eine gute Grundausbildung, alle Spieler bekommen 1-3 Mal pro Woche ihr Systemtraining, die "Talente" machen Leistungstraining in einer kleinen Gruppe, nehmen an allen Verbandsförderungen teil. Ist das gute Jugendarbeit?

Weiter: Dies spricht sich natürlich herum und talentierte Spieler aus der Gegend möchten -mit Unterstützung der Eltern- zu diesem Verein wechseln. Zum Beispiel der Spieler aus Fall 1. Ist das gute Jugendarbeit? Ist das "Talenteklau" ?

Weiter: Nachdem das "zugewanderte" Talent einige Jahre sehr gut trainiert hat und nach Kräften gefördert wurde, möchte er wieder wechseln. Hier teilt es sich wieder:

a) er geht zu seinem Ursprungsverein zurück, weil dort inzwischen ein Platz in einer entsprechenden Spielklasse frei ist. Der Vereinstrainer lässt ihn mit guten Wünschen gehen. Ist das gute Jugendarbeit?

b) er geht zu einem Verein mit deutlich höherer Spielklasse (sagen wir RL), weil er dort seine Spielstärke noch steigern kann. Ist das gute Jugendarbeit?

c) er geht zu einem Verein, der keine eigene Jugendarbeit hat, ihm aber andere Vorteile (Geld) anbietet. Ist das gute Jugendarbeit (des nehmenden Vereins)?


3. Fall: Einem Verein ohne intensive Grundlagenarbeit ist es gelungen, gute Spieler aus der der Nachbarschaft, die sich selbst keine intensive Jugendarbeit leisten können oder wollen, zusammenzuziehen. Mit diesen Schülern wird sehr gut gearbeitet, die weiterführende Förderung ist optimal. Das spricht sich herum, zu diesem Verein wollen viele Talent der region kommen, die -ähnlich wie im Fall 1- in ihrem angestammten Verein keine gleichwertigen Partner haben. Da dieser Verein keine angemessene Spielkasse (sagen wir OL) im Herrenbereich hat, wechseln viele diesr Spieler nach ein paar Jahren wieder "nach oben". ist das gute Jugendarbeit?

4. Fall:

Ein Verein hat keine eigene Nachwuchsarbeit, aber einige hochklassige Mannschaften -sagen wir 2. BL. RL und OL- Dieser Verein bietet den Talenten die Möglichkeit, in diesen Klassen (für wenig Geld) zu spielen (in die sie in ihren alten Vereinen nie gekommen wären) und mit der Aufgabe zu wachsen. Ist das gute Jugendarbeit?


Das sind nur 4 von unendlich vielen Möglichkeiten. Viele der genannten Situationen habe ich selbst erlebt, in verschiedenen Rollen. Keine einzige Frage, noch nicht mal 2 c) könnte ich eindeutig mit "Nein" beantworten.

Anderseits: ich bewundere die Arbeit in dem kleinen Verein Momart, der in einer winzigen Halle, nicht viel größer als eine Telefonzelle, mit einem Trainer ein tolle Jugendmannschaft ausgebildet hat. Das nenne ich eine gute Jugendarbeit, wenn jemand aus den finanziellen, hallentechnischen und personellen Möglichkeiten das Optimum herausholt

Großvereine wie Heusenstamm, Obertshausen, Arheilgen, um nur einige zu nennen, haben es doch sehr viel leichter, neben einer guten Breitenarbeit gleichzeitig auch Spitzentalente zu fördern.

So, vielen Dank an die, die bis hierher durchgelesen haben. Die Diskussiuon ist neu eröffnet.

/Peter
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Große Leuchten (Sonnen) brennen schnell und sehr hell, aber meist nicht sehr lange (ein paar mio Jahre). Zum Glück bin ich nur ein kleines Licht
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