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Alt 24.10.2016, 09:34
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AW: Europameisterschaften 2016 (18.10. - 23.10.2016, Budapest, HUN)

Zitat:
Zitat von Fischbrötchen Beitrag anzeigen
Und an der mangelnden Regelkennntnis der Schiedsrichter liegt es nun wirklich nicht; viele wollen halt nicht konsequent die Regeln anwenden, denn so kommt man leichter durchs Schiedsrichter-Leben.

Mal eine Anekdote aus meinem Landesverband (eigentlich mehr eine Tragödie):

Bin beim Trainerlehrgang bei dem es auch eine Schiedsrichter-Ausbildung gibt, sogar vom höchsten SR-Funktionär himself.

Kommt die Frage auf, wie man denn mit falschen Aufschlägen umgehen soll als SRaT.
Er führt aus, wie er das als SRaT macht und wie wir das auch machen sollten:
Er sieht den falschen Aufschlag, sagt aber nichts, kein Einschreiten seinerseits. Aktiv wird er erst dann, wenn der Rückschläger sich bei ihm darüber beschwert, ansonsten lässt er das durchgehen, verschließt also seine Augen vor dem Regelverstoß.

Das ist doch der größte Offenbarungseid, den ein SR leisten kann: Regelverstöße sehen aber nicht ahnden. Gibt es das auch in anderen Sportarten?
Wozu dann noch einen SR am Tisch? Das ist doch die Hauptaufgabe eines SR.
Und so ein Verhalten führt dann auch zu der mangelhaften Akzeptanz der TT-Spieler gegenüber den Schiedsrichtern - da wünsche ich mir desöfteren Verhältnisse wie im vorbildlichen Rugbysport.
Sehr interessante Anekdote. Ich denke man erkennt daran, dass mindestens in Teilen des Systems der Schiedsrichterausbildung und in der Schiedsrichterphilosophie eine Mentalität entstanden ist, die mit dem Grundsatz eines fairen, regelkonformen Wettkampfs nicht vereinbar ist. Das ist schlichtweg ein erschreckender Zustand für eine olympische Sportart.

In allen bedeutsamen Sportarten steht und fällt die Chancengleichheit im Wettkampf mit der Kompetenz der Schiedsrichter (und natürlich der Qualität des Regelwerks). Als inzwischen durchaus aufmerksamer Beobachter des Profisports lässt sich für mich kein anderer Schluss zu, als dass die meisten Schiedsrichter derzeit nicht die notwendigen Entscheidungen am Tisch treffen, um Chancengleichheit herzustellen.

Was die Sache so schockierend macht, ist dass sie in aller Öffentlichkeit stattfindet. Man kann natürlich das Belagtunen usw. als noch drastischer ansehen, aber das geschieht zumindest weitestgehend im Verborgenen, weshalb man die Schwierigkeit eines wirksamen Eingreifens nachvollziehen kann. Die gerissensten und/oder dreistesten Aufschlagssünder sind hingegen für jeden jederzeit sichtbar, und insbesondere sieht man auch, dass der eine oder andere Schiedsrichter die Regelbrüche erkennt ("Die sind eigentlich alle falsch", sagte mal ein Schiedsrichter gut hörbar ins Mikrofon bei einem wichtigen Turnier über Shibaevs Aufschläge). Es ist diese Offensichtlichkeit des Problems, aufgrund derer ich es so furchtbar finde, dass seit Jahren nichts Wirksames dagegen unternommen wird.

Noch einmal zur Rolle von Lebesson: Es darf nicht so verstanden werden, dass ich ihn für die Wurzel allen Übels halte. Aber selbst bei einem Problem, das fast den gesamten Sport umfasst, gibt es immer mal wieder einzelne Momente, in denen es besonders eklatant wird.

Der wohl bisher größte Moment war die Polish Open 2015. Dort erreichte Fegerl den zweiten Platz, nachdem er im Halbfinale Zhang Jike geschlagen und im Finale nur knapp mit 3:4 gegen Fan Zhendong verloren hatte. Das war nicht weniger als eine sensationelle Leistung von ihm. Und bei diesem Turnier fiel Fegerl durch seine extrem gefährlichen Aufschläge auf, bei denen er den Wurfarm so lange waagrecht über der Platte stehen ließ, dass selbst ein Standbild nach Ballkontakt noch so aussieht, als würde er sich den Ball unter dem Arm durchspielen (hier Bilder von der EM 2015, aber bei der Polish Open sah das natürlich nahezu identisch aus). Wie kontrovers und polarisierend dieser Aufschlag und die damit in Verbindung stehenden Erfolge waren, erkennt man zum Beispiel daran, dass auf einer englischsprachigen Webseite ein 49-seitiger Thread zur Diskussion der Regelwidrigkeit seines Aufschlages entstand.

Auch damals war es natürlich so, dass Fegerl nicht die Wurzel allen Übels war. Aber mit seiner fragwürdigen, besonders eklatanten Wurfarm-Aufschlagstechnik wurde er eben zum Symbol für die Aufschlagsproblematik und der Frage nach der Bedeutsamkeit von sportlichen Erfolgen unter Berücksichtigung dieser Problematik. Und hier schließt sich der Kreis: Für mich ist der Fall Lebesson der nächste Höhepunkt in dieser Diskussion. Mit seiner besonders eklatanten Kopf-Rumpf-Aufschlagstechnik macht er deutlich, dass das Aufschlagsproblem genauso drängend wie zuvor ist und all die ungeklärten Fragen immer noch im Raum stehen.

Geändert von tsb (24.10.2016 um 09:39 Uhr)
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