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Alt 17.09.2017, 23:46
Bochum light Bochum light ist offline
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AW: Europameisterschaften 2017 (13.09. - 17.09.2017, Luxemburg, LUX)

Ich habe mir die Beiträge bezüglich der Rumäninnen und chinesischen Spielerinnen im deutschen Trikot durchgelesen und mich dazu entschlossen, auch etwas dazu zu schreiben.

Aber erst einmal Gratulation an die deutschen Herren und die rumänischen Damen zum Europameistertitel!

Die deutschen Herren haben es verdient, sie hatten im ersten Einzel eine ganz kritische Situation zu überstehen, als Marcos Freitas gegen Timo Boll mehrere Matchbälle hatte. Vielleicht wäre dann alles ganz anders gekommen. Ist es aber nicht. Die Portugiesen waren dann geschockt und es wurde ein klarer Sieg für die deutschen Herren.

Die rumänischen Damen haben es auch verdient und ich bin ehrlich gesagt froh, dass nicht die "deutschen" Damen gewonnen haben.

Rumänien wurde zuletzt 2005 Europameister mit dem Damen Team. Damals spielten Otilia Bădescu, Adriana Năstase-Simion-Zamfir, Mihaela Șteff und Elizabeta Samara. Zweiter wurde Kroatien mit Andrea Bakula, Tamara Boroš, Sandra Paović und Cornelia Vaida, Dritter wurde Italien mit Wenling Tan Monfardini, Nikoleta Stefanova und Laura Negrisoli, außerdem überraschend Slowenien mit Biljana Todorovic, Martina Safran und Helena Halas.
Im gesamten Halbfinale war nur eine einzige Chinesin dabei. Die deutschen Damen wurden nur Siebte, mit Elke Wosik, Tanja Hain-Hofmann, Jessica Göbel, Kristin Silbereisen, Laura Stumper und Irene Ivancan (auf Nicole Struse musste im Teamwettbewerb aufgrund einer Erkältung verzichtet werden). Keine Chinesin an Bord, keine Medaille.

Das Dilemma fing für die rumänischen Damen 2008 an. Sie wurden hier zusammen mit Kroatien Dritte. Im Team waren Daniela Dodean, Elizabeta Samara, Iulia Necula, Ioana Ghemes und Mariana Stoian.
Vize-Europameister Ungarn mit Krisztina Tóth, Georgina Póta und Petra Lovas wurde mit der Chinesin Li Bin verstärkt, während Europameister Niederlande gleich mit zwei Topchinesinnen antrat, Li Jiao und Li Jie, dahinter Jelena Timina, Linda Creemers und Carla Nouwen.

Auch 2009 gab es gegen die Niederlande kein Ankommen. Mit Li Jiao, Li Jie und Jelena Timina waren sie praktisch unschlagbar. Vize-Europameister wurde plötzlich Polen. Warum? Weil diese neben Natalia Partyka plötzlich auch mit zwei starken Chinesinnen spielten, Li Qian und Xu Jie.

Man erinnert sich sicherlich noch an die Aussagen des DTTB Sportdirektors damals, Dirk Schimmelpfennig:

Zitat:
LINK Vor allem die Goldmedaille der Frauen bringt den Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) in Erklärungsnot. Mit Blick auf die zahllosen Chinesinnen im europäischen Tischtennis hatte Dirk Schimmelpfennig nämlich 2010 im Interview mit der Süddeutschen Zeitung moniert: „Da haben wir in der Außendarstellung ein Problem.“ Dass ihn dieser Satz drei Jahre später einholt, malte sich Schimmelpfennig damals sicher nicht aus.

Schon im Vorfeld musste sich der 51-Jährige im Interview mit dem Fachorgan „Tischtennis“ die Frage gefallen lassen, warum deutsche Talente daheim bleiben müssen, während vier gebürtige Chinesinnen mit nach Österreich fahren. Dorthin war auch schon Amelie Solja (23) ausgewandert, weil sie anders als ihre Schwester Petrissa (19) keine Perspektive mehr im deutschen Team sah.
Zu Unrecht beschuldigte er damals auch Rumänien, die diesen Vorwurf aufgrund ihrer excellenten Nachwuchsarbeit weit von sich wiesen. Hier ein Auszug aus dem oben genannten Artikel der Süddeutschen Zeitung:
Zitat:
LINK Andere Verbände nutzen die Chinesinnen unverhohlen, um durch ihre Erfolge neue Geldquellen durch Staatszuschüsse oder Sponsoren zu erschließen. Teilweise gingen gar Stellenanzeigen für einen Platz in der Nationalmannschaft nach China, zum Beispiel aus Rumänien oder Bulgarien. "Da haben wir in der Außendarstellung ein Problem", klagt Schimmelpfennig. Er glaubt, dass die Authentizität und die Emotionen leiden, wenn eine große Anzahl eingebürgerter Chinesinnen bei europäischen Turnieren startet - und dann auch meistens gewinnt.
Für Rumänien ging das Dilemma jetzt erst richtig los. Mit ihrer goldenen Generation Daniela Dodean, Elizabeta Samara und Iulia Necula war auch 2010 gegen den Chinesenpower der Niederlande kein Ankommen. Im Finale unterlagen sie Li Jiao, Li Jie und Linda Creemers.

2011 das gleiche Spiel. Für Daniela Dodean, Elizabeta Samara und den neuen rumänischen Rohdiamanten Bernadette Szöcs wurde es wieder nur Silber, da die Niederlande im Finale mit Li Jiao, Li Jie, Jelena Timina und Linda Creemers einfach zu stark waren.

Am bittersten wurde es 2013. Da konnten die Rumäninnen Daniela Dodean, Elizabeta Samara und Bernadette Szöcs endlich den Niederlanden aus dem Weg gehen, da wartete im Finale plötzlich Deutschland mit Han Ying, Shan Xiaona, Kristin Silbereisen, Petrissa Solja und Wu Jiaduo. Von den drei Chinesinnen wurden "nur" zwei im Finale eingesetzt. Trotzdem zu viel für die Rumäninnen, obwohl die ganze Halle hinter den jungen Damen stand, reichte es nicht. Kristin Silbereisen wurde besiegt, aber Samara verlor 2:3 gegen Han Ying, Bernadette Szöcs 2:3 gegen Shan Xiaona und Daniela Dodean 2:3 gegen Han Ying.

Von dieser Veranstaltung stammt auch dieser Bericht:

Zitat:
LINK Zuschauer im österreichischen Schwechat, wo derzeit die Europameisterschaft ausgetragen wird, sollen – so wurde dem Präsidenten des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) berichtet – gesagt haben: „Für Chinesen klatschen wir nicht.“
Natürlich kann man ja in Deutschland niemals Kritik in so einem Zusammenhang üben, ohne dass man dabei sofort in "die rechte Ecke" gestellt wird. Im gleichen Bericht deshalb:

Zitat:
Es war am Montagabend und die deutschen Frauen hatten im Mannschaftswettbewerb gerade den ersten Titel seit 15 Jahren gewonnen. Statt sich ausschließlich über diesen Erfolg zu freuen, begann Weikert also zu grübeln. „Es macht mich nervös, dass so gedacht wird. Wir befinden uns hier in einer rechten Ecke“, sagte Weikert gegenüber der „Welt“.
Kritik in diesem Zusammenhang hat überhaupt nichts mit "rechter Ecke" zu tun!

Man sollte einfach mal überlegen, wie denn "der erste Titel seit 15 Jahren" gewonnen werden konnte...

Man muss nur einen Blick auf den Einzel-Wettbewerb werfen, um zu sehen, dass hier einfach etwas nicht stimmt und dass das überhaupt nichts mit "rechter Ecke" zu tun hat. Einzel Viertelfinale Damen Einzel 2013:

Shen Yanfei ESP
Li Fen SWE

Fu Yu POR
Li Jiao NED

Shan Xiaona GER
Hu Melek TUR

Viktoria Pavlovich BLR
Han Ying GER

Die drei Rumäninnen verloren im Einzel alle im Achtelfinale gegen Chinesinnen, Bernadette Szöcs nach einem 4:1 Sieg gegen Wu Jiaduo GER mit 2:4 gegen Shen Yanfei ESP, Daniela Dodean nach einem 4:2 Sieg gegen Zhenqi Barthel mit 2:4 gegen Li Jiao NED und Elizabeta Samara durfte immerhin gegen eine Europäerin spielen (4:1 gegen Carole Grundisch), ehe sie mit 2:4 gegen Shan Xiaona GER verlor.

Weitere Chinesinnen unterlagen anderen Chinesinnen, wie z.B. Li Xue FRA, Liu Jia AUT, es hätte also noch mehr gegeben. Da spielte es auch keine Rolle mehr, dass Polen dieses Mal auf den Einsatz ihrer Chinesinnen Li Qian und Xu Jie verzichtete, denn dann wären vielleicht im Viertelfinale der Europameisterschaften nicht "nur" 7 von 8 Spielerinnen aus China gewesen. Im Halbfinale und damit auf dem Siegerpodest waren dann 4 von 4 aus China.

2014 erging es Rumänien noch schlimmer. Dieses Mal bekamen sie nicht die Gelegenheit, sich im Halbfinale oder Finale mit den chinesinnen-verstärkten Teams von Deutschland, Österreich (nicht nur mit Liu Jia, sondern auch mit Li Qiangbing) und Polen rum zu ärgern, sondern es kam im Viertelfinale das Aus gegen Schweden, deren amtierende Einzel-Europameisterin Li Fen einfach zu stark war.

2015 der nächste Anlauf für Rumänien. Dieses Mal erreichten Daniela Dodean, Elizabeta Samara und Bernadette Szöcs wieder das Finale und wieder unterlagen sie Deutschland, die erneut mit den beiden chinesischen Spielerinnen Han Ying und Shan Xiaona antraten.
Immerhin gab es im Einzel ein Happy-End, denn obwohl es im Teilnehmerfeld wieder von Chinesinnen wimmelte, unter anderem Han Ying GER, Shao Jieni POR, Shen Yanfei ESP, Hu Melek TUR, Li Xue FRA, Xiao Maria ESP, Li Jie NED, Li Qian POL, Liu Jia AUT, Yu Fu POR, Li Fen SWE, Xian Yifang FRA und Shan Xiaona GER, gelang es Elizabeta Samara Rache zu nehmen und sie konnte sich nach einem 4:3 Finalsieg gegen Lie Jie NED den Europameistertitel im Damen Einzel sichern.

Aber das Warten und immer wieder Anrennen der goldenen rumänischen Generation mit Elizabeta Samara, Bernadette Szöcs und der mittlerweile verheirateten Daniela Monteiro Dodean dauerte bis 2017.

2017 wurde für die Rumäninnen der Traum war und sie konnten Deutschland besiegen, die erneut mit Han Ying und Shan Xiaona antraten. Wie bereits festgestellt wurde, saßen auf der deutschen Bank zeitweise mit Han Ying, Shan Xiaona, Yuan Wan, Trainerin Jie Schöpp und Assistent Guohui Wan fünf deutsche Teammitglieder mit chinesischem Migrationshintergrund.
Mir ist bekannt, dass die Fälle unterschiedlich gelagert sind, aber trotzdem sollte es klar sein, dass wir da "mit der Außendarstellung ein Problem haben"

Darf man das einfach mal so feststellen, ohne dabei direkt in die "rechte Ecke" geschoben zu werden?

Deshalb nochmal Gratulation an die deutschen Herren und von Herzen ganz besonders große Gratulation an die rumänischen Damen zum mehr als verdienten Europameistertitel!

Die Nachwuchsförderung in Rumänien, vor allem (aber nicht nur) im weiblichen Bereich brachte erst die europäischen Spitzenspielerinnen Elizabeta Samara und Daniela Dodean hervor. Mit Bernadette Szöcs gelang es dann die nächste Spielerin in die europäische Spitze zu führen. Aber damit nicht genug. Mit Andreea Dragoman und vor allem mit Adina Diaconu stehen bereits die nächsten Supertalente in den Startlöchern.
Samara, Dodean, Szöcs und Diaconu wurden alle Jugend Europameisterinnen im Einzel (bis auf die eigentlich stärkste Samara sogar alle anderen zweimal). Bezeichnend war aber auch wieder einmal, dass 2017 keine Rumänin Jugend Europameisterin werden konnte, sondern -- Achtung -- Jing Ning aus Aserbaidschan.

Bitte keine Sprüche aus dem rechten Lager bezüglich Jing Ning aus Aserbaidschan. Sie war eben besser als ihre Nationalmannschaftskolleginnen und stolzen Aserbaidschanerinnen mit hohem Identifikationsfaktor, Wang Miao, Chen Xingtai, Deng Simeng und Zhou Chuyi, außerdem auch besser als der Rest Europas.
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