Habe mir die Zusammenfassung von Bolls Spiel eben zwei mal angesehen (
https://www.youtube.com/watch?v=DULKr1xW5eE) und versuche sie mal auf mehreren Ebenen zu erklären.
Psychologisch:
Auf dieser Ebene hatte Boll meiner Meinung nach klar das Nachsehen. Von der Voraussetzung her ist Boll in dem Spiel nach Wongs vorheriger deutlicher Niederlage gegen Wong Chung Ting und dessen eher bescheidenerem internationalem Abschneiden in letzter Zeit schon deutlicher Favorit, was natürlich den Druck auf Boll erhöht und Wong eher frei aufspielen lässt. Von der Körpersprache her, hat man schon während Satz 1 gesehen, dass Boll oft mit sich haderte, wenn es nicht lief. Das sah man auch im vierten und fünften Satz. So stärkte dann Bolls Hadern wiederum Wongs Selbstvertrauen, der alle diese Sätze knapp für sich gewinnen konnte und insgesamt doch deutlich lockerer als Boll wirkte. Den zweiten und dritten Satz gewann Boll hingegen so deutlich, dass er dort kaum Druck hatte. Insgesamt kannn man also schon sagen, dass die mentale Seite eine wesentliche Rolle spielte und vielleicht Boll einfach das Problem hatte mit dem Druck umzugehen.
Interessanter finde ich aber die spielerische Seite, denn auf der müssen immer noch die Punkte eingefahren werden auch wenn der Gegner mental schwächelt.
Spielerisch/Taktisch:
Beide Spieler haben ein derart effektives Offensivspiel, dass sie jeden Ball mit zu niedriger Qualität (zu passiv, zu hoch, zu langsam) sofort oder im Verlauf des Spielzugs für sich entscheiden können. Dementsprechend ist das Aufschlag Rückschlag-Spiel hier entscheidend. Hatten zu Beginn der Partie noch beide Spieler Probleme mit dem Aufschlag ihres Gegenübers, wobei Boll eher durch Aufschläge mit viel Unterschnitt und guter Platzierung gut ins Spiel kam und Wong hingegen mit eher rotationsarmen, kurzen Auschlägen, die Boll oft mit zu wenig Qualität returnierte (zu hoch oder zu langsamer Flip, den Wong dann gleich voll gegenziehen kann).
In den nächsten beiden Sätzen konnte Boll Wongs Aufschläge wesentlich besser unter Kontrolle halten: indem er sie besser flach, kurz und schnittig retournierte oder selber mit Flips die Initiative übernahm. Zwar hatte er bei den Flips nicht die höchste Schlaghärte, jedoch waren die Returns so variabel, dass sich Wong nicht schnell genug darauf einstellen konnte. Somit konnte dann Boll den kleinen Vorteil konsequent mit nahezu perfektem Offensivspiel zum eigenen Punktgewinn umsetzen.
In den nächsten beiden Sätzen hatte Boll seltsamerweise wieder wesentlich mehr Probleme mit Wongs Service, der ihm bei passiven Rückschlägen wieder zu hoch geriet und bei aktiven zu wenig Qualität hatte, so dass Wong wieder wesentlich aktiver spielen konnte und Boll den Endschlägen von Wong oft ratlos zuschauen musste. Ich denke also, die Qualität von Bolls Rückschlagspiel (auch in Bezug auf Variabilität) war entscheidend für den Ausgang des Spiels.