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AW: TTBL|1.Bundesliga: Spielerkarussell 2018/2019 - Wechsel, Gerüchte, Spekulationen
Schwäbische Zeitung, 29.01.2018
Die Starausbilder planen die Zukunft
Die TTF Ochsenhausen stehen im Sommer vor einem kleinen Schnitt, können ihre Anführer aber noch halten
In bestechender Form: der Brasilianer Hugo Calderano, neben Simon Gauzy die größte Hoffnung der Ochsenhauser.
In bestechender Form: der Brasilianer Hugo Calderano, neben Simon Gauzy die größte Hoffnung der Ochsenhauser.(Foto: Fotos: Volker Strohmaier)
Ochsenhausen / sz Ob es am einwöchigen Weihnachtsurlaub in Rio de Janeiro lag? Jedenfalls wirkt Hugo Calderano auf den Bildern, die er auf Facebook gestellt hat, ziemlich glücklich, wie er da an der Copacabana Beachvolleyball spielt, mit Freunden im Maracanã kicken darf und mit seinem Vater und Racket beim Tennis posiert. So zufrieden und geborgen wie am Freitag in der Ochsenhauser Tischtennishalle. Mit klaren 3:0-Siegen hatte der 21-jährige Brasilianer Tiago Apolonia und Patrick Franziska vom Tisch gefegt, als sei er ein Taifun, danach schwärmten wieder mal alle von dem Weltranglisten-17. aus dem Land des Fußballs. „Fantastisch“ habe Calderano gespielt, „wie ein Computer“, sagte Trainer Dubravko Skoric, „Wahnsinn, paralysierend, in so einer Form will keiner gegen ihn spielen“, meinte TTF-Chef Kristijan Pejinovic. Selbst Apolonia, der Saarbrücken im Sommer Richtung Frankreich verlassen dürfte, rühmte seinen Rivalen, dessen „beeindruckende Physis“ und „großes Potenzial“.
Keine Frage: Calderano gehört neben diversen Asiaten die Zukunft seines Sports, und weil die TTF zudem in Simon Gauzy (23), der Nr. 9 der Welt, das größte Talent Europas in ihren Reihen haben, dürfte theoretisch auch den TTF die Zukunft ihres Sports gehören. Andererseits wartet der Club nun schon seit 14 Jahren auf einen Titel, und wenn einer der beiden Anführer verletzt ist wie Gauzy, der sich seit Wochen mit Rückenschmerzen quält, ist es schnell aus mit lustig, denn der Rest des TTF-Quintetts hat sich nicht ganz so kometenhaft entwickelt wie die beiden Musterzöglinge.
Ochsenhausen wird deshalb am Saisonende einen kleinen Schnitt machen: Der Portugiese João Geraldo, Nr. 5 des Teams, zeigte nicht nur beim 1:11 im letzten Satz gegen Franziska, dass ihm das Format und der Biss der Kollegen fehlt, er wird wohl nach Frankreich gehen. Auch Yuto Muramatsu, ihren 21-jährigen Abwehrspieler, werden die TTF notgedrungen abgeben, die J-League, eine neue, hochdotierte Liga in Japan, lockt ihn in seine Heimat zurück. Jakub Dyjas, der 22-jährige Pole, bekommt dagegen eine neue Chance. 2016 war er überraschend EM-Dritter und schlug auf dem Weg zur Medaille sogar Timo Boll, danach fiel er in ein Loch. „Er hatte ein komatöses Jahr hinter sich, er wollte seine Position verteidigen, absichern, sagte er, aber so etwas geht im Sport nicht. Vom Potenzial her, von den Schlägen, von seinem Denken ist er vielleicht sogar unser Talentiertester und er kommt jetzt wieder. Wir vertrauen auf ihn“, sagt Pejinovic, der weiterhin an einen baldigen Titel glaubt. „Keiner hat eine Chance gegen Düsseldorf – nur wir. Simon hat Timo Boll fünfmal geschlagen, auch Hugo und Jakub. Wenn alle fit und in Topform sind, ist das möglich. Wenn nicht 2018, dann eben 2019 oder 2020.“
Orenburg bietet das Doppelte
So lange nämlich, bis zu den Olympischen Spielen in Tokio, will Pejinovic Gauzy und Calderano mindestens halten, auch durch neue Sponsoren. 25 und 23 Jahre werden die beiden dann sein, auf ihrem Zenit aber wohl noch nicht – trotz des Beschleunigungsprogramms, wie Pejinovic die TTF-Lehre nennt. Die größten Erfolge also dürften sie woanders einfahren. Das Duo langfristig zu halten, sei eine Geldfrage, sagt Pejinovic. Der von Gazprom gesponserte russische Topclub Orenburg, bei dem auch Dimitrij Ovtcharov spielt, die Nr. 1 der Welt, bietet Calderano angeblich schon jetzt mehr als das Doppelte an Gehalt, um die 150 000 Euro – auch, um den Japaner Jun Mizutani zu ersetzen, den es ebenfalls Richtung J-League zieht. Noch können die TTF dem Mammon aus Japan, wo Tischtennis immer mehr boomt, und der Russen, die keine Trainingsgruppe haben und alle Spieler für die Matches einfliegen lassen, ihr Know-how entgegensetzen: ihre hochwertige, von Toptrainern geleitete Ausbildung, ihre Incentives wie freie Kost und Logis. Auch Muramatsu wird der Trainingsgruppe im nächsten Jahr erhalten bleiben.
Die TTF hoffen, via Akademie zumindest mittelfristig neue Talente herauszubringen, neue Weltklassespieler zu formen. Bereits jetzt sei der Etat des Liebherr Master Colleges in etwa gleich groß wie jener des Profiteams, das Gehalt der Nachwuchskräfte übernehmen allerdings Ausrüster wie Donic, Butterfly und Tibhar. „Wir könnten es uns leicht machen und wie Düsseldorf all unsere Ressourcen in die erste Mannschaft stecken, in gestandene Spieler, aber irgendwann geht das nicht mehr, da wird es diese Spieler nicht mehr geben, wenn sie keiner ausbildet. Siehe Gauzy – er ist bei uns die größte Hoffnung in Europa geworden, danach kommt lange nichts“, sagt Pejinovic.
Muramatsu zu ersetzen, fällt aber auch den TTF schwer. „Unsere derzeitigen Talente sind noch nicht so weit“, sagt Pejinovic, man überlege, den früheren TTF-Azubi Can Akkuzu, Nr. 82 der Welt, aus Frankreich mit ins Boot zu nehmen – oder die Philosophie mit den eigenen Talenten für kurze Zeit aufzuweichen und einen externen Spieler zu verpflichten.
Wer weiß: Vielleicht reichen ja kurzfristig bereits ein Calderano und ein Gauzy in Topform, um schon in dieser Saison für Furore zu sorgen. Dem Brasilianer, der in 15 Sekunden einen Zauberwürfel lösen kann, ist vieles zuzutrauen. Calderano sagt: „Der Titel ist unser Ziel. Wenn wir in den Playoffs sind, ist alles möglich.“
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