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AW: DER Thread für politisch Interessierte
Kenan Malik: Es ist notwendig, dass Menschen sich beleidigen
Zitat:
Konflikt und Konfrontation. Ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Jeder soll immer alles sagen dürfen?
Mittlerweile wird akzeptiert, dass die Meinungsfreiheit im Namen von Toleranz oder Respekt beschnitten wird - weil sonst Minderheiten verletzt werden könnten. Ich bin da ganz anderer Meinung. Gerade weil wir in einer pluralen Gesellschaft leben, brauchen wir die größtmögliche Meinungsfreiheit. Es ist unvermeidlich und notwendig, dass Menschen sich beleidigen. Jeder soziale Fortschritt oder Wandel passiert, indem Einstellungen angegriffen werden, die für den Einzelnen oder eine bestimmte Gruppe wichtig sind.
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Zitat:
Nach Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft haben viele Menschen unter dem Hashtag #MeTwo erzählt, wie sie in Deutschland rassistisch diskriminiert werden. Da kam die Forderung auf: Biodeutsche, sagt einfach mal nichts, hört zu, was in eurem Land passiert. Und lernt endlich daraus. Das ist doch richtig.
Ich habe diese Debatte nicht verfolgt. Grundsätzlich scheint es mir aber so: Das Letzte, was man tun sollte, ist zu den Deutschen, den Franzosen oder den Briten zu sagen: 'Sag nichts, hör einfach zu.' Natürlich ist nicht alles, was Nichtmigranten sagen, rassistisch und sollte als oft wichtiger Beitrag gehört werden. Wir können nur dann debattieren, wenn wir rassistische Vorstellungen als solche benennen und widerlegen. Das geht aber nicht, wenn diese Vorstellungen gar nicht geäußert werden.
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Zitat:
Wie meinen Sie das?
Es gab früher grob gesagt zwei Wege, seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe auszudrücken: Identitätspolitik und Solidaritätspolitik. Identitätspolitik bedeutet, sich Identität anhand von Kategorien wie Rasse oder Nation oder Kultur aufzubauen. Bei der Politik der Solidarität geht es darum, Menschen als Teil eines Kollektivs zu sehen, weil sie alle ein politisches oder soziales Ziel erreichen wollen.
Wo ist das Problem?
Identitätspolitik trennt. Solidaritätspolitik verbindet. Durch ein gemeinsames Ziel, jenseits von Rasse oder Geschlecht oder Sexualität oder Religion oder Kultur oder Nation. Doch die Solidaritätspolitik hat in den vergangenen zwei oder drei Jahrzehnten stark gelitten. Heute scheint Identitätspolitik für viele die einzige mögliche Form zu sein, kollektiv Politik zu machen. Solidarität wird nicht mehr politisch gedacht - als kollektive Anstrengungen, um bestimmte politische Ideale umzusetzen -, sondern sie wird ethnisch oder kulturell gedacht.
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Kulturen kann man also nicht schützen?
Kulturen verändern sich ständig. Die, die argumentieren, dass Kulturen unveränderlich sind, machen sich selbst zu Gatekeepern dieser Kulturen. Sie verleihen sich selbst die Autorität zu sagen, was deutsch oder muslimisch oder jüdisch oder britisch ist. Ich glaube, wir dürfen niemanden als Gatekeeper akzeptieren. Kultur ist das, was wir alle zusammen schaffen.
Glauben Sie an eine kosmopolitische Kultur in einigen Hundert Jahren? Eine Welt-Kultur? Basierend auf den Prinzipien der Aufklärung zum Beispiel?
Nein. Es geht darum, dass Kulturen sich immer gegenseitig beeinflusst haben. Dass sie sich immer verändert haben. Jede Kultur, die sich nicht änderte, starb. Jede lebende Kultur findet Antworten auf die Welt. Egal ob es die deutsche Kultur ist, die jüdische Kultur oder die muslimische Kultur. Um was es mir geht: Wir müssen offen sein für diese Interaktion.
Aber wohin führt das, was Sie fordern? Was steht ganz am Ende, wenn sich Ihre Sicht durchsetzt? Verschmelzen die Kulturen?
Nein, es verschmilzt nicht alles. Ich will eine offene liberale Gesellschaft, in der die Menschen nicht wegen ihrer Hautfarbe, Ethnizität oder Kultur oder ihres Glauben unterschiedlich behandelt werden oder in der Meinungen unterdrückt werden, weil man sie für ungenießbar hält. Das heißt aber nicht, dass es dann keine Unterschiede mehr gibt.
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Der Typ ist der Wahnsinn. Sozialer Liberalismus in Reinform. Irgendwo zwischen Anarchie und Utopie.
Der Haken: Ich denke, er stellt sich eine Welt vor, in der nur hochintelligente Menschen leben.
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Du hoschd Rächd un I han mei Ruh
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