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Alt 07.10.2018, 15:03
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Das Holz - meine Erfahrungen

Nachdem ich über die Jahre diverse Hölzer probiert habe und in der Vereinsarbeit oft nach Empfehlungen gefragt werde, stelle ich hier mal überblickshaft meine persönlichen Erfahrungen dar, und zwar möglichst unabhängig von einzelnen Herstellern, sondern mehr bezogen auf den generellen Furnieraufbau und die typischen Eigenschaften. Dazu als erstes ein Blick auf die Ausrüstung der Profis und danach, was man als Hobbyspieler in den unteren und mittleren Spielklassen daraus lernen kann. Mein Fazit ist dabei eher nüchtern und nicht besonders spektakulär.

Ausrüstung der Profis

Hier eine Tabelle mit den Schlägern, die bei der Europameisterschaft 2016 verwendet wurden, außerdem findet man auch online viele Fotos. Mal davon abgesehen, dass die meisten Butterfly spielen, weil sie von Butterfly gesponsert werden, fällt auf, dass praktisch ausschließlich Hölzer gespielt werden, die alle von Gewicht (um 90 g), Anschlaghärte und Biegesteifigkeit sehr ähnlich sind. Härte und Steifigkeit liegt durchweg im Bereich um ca. 5 (vgl. Table Tennis Blades).

Vom Aufbau lassen sich 2 Varianten festmachen (ich beschränke mich auf Angriffsspieler): Entweder (A) "klassisch" ohne Kunstfaser oder (B) mit Carbon/Arylate (ALC) Mischgewebe im 5+2-Aufbau.

A - Klassischer Aufbau ohne Kunstfaser. Der klassische Aufbau verwendet die typischen Hölzer, meist Limba, als Deckfurnier und Ayous/Ayous/Ayous innen als faserversetzte Schichten. Gerne wird auch Fichte/Ayous/Fichte verwendet, das ist etwas elastischer, dafür dann aber mit einem Hartholz als Deckfurnier (z.B. Rosenholz, Ebenholz, Walnuss, siehe Stigas Hartholzserie), um wieder genügend Biegesteifigkeit zu erreichen. Das Deckfurnier ist aber hauchdünn, damit der Anschlag nicht zu hart wird.

B - Carbonhölzer. Oder mit Carbon/Arylate (ALC), dann sind die Hölzer zum Ausgleich aber etwas dünner (um 5,8 mm), haben einen (dünnen) Kiri Kern (ein recht leichtes Holz) und 5+2-Aufbau. Bei der Kunstfaser hat man sich auf Mischgewebe wie Arylate/Carbon eingeschossen. Die harten reinen Carbongewebe (z.B. TAMCA) werden eher nicht mehr gespielt, auch die früher beliebten 3+2 Carbonhölzer mit dicken Kernfurnieren sind nicht mehr dabei (zu steif und zu viel "Trampolineffekt"). Auch die Hinoki Hölzer (meist als Deckfurnier) finden sich praktisch nicht mehr (offenbar zu elastisch im Anschlag).

Interessant ist, dass sich außer dieser Konvergenz zu sehr ähnlichem Aufbau bei den Hölzern eigentlich nicht viel getan hat in den letzten 30 Jahren. Die ganzen 7-schichtigen ALC Hölzer sind nahezu baugleich und unverändert. Das Viscaria (praktisch baugleich zum Boll Spirit, ALC, Jang Zhike, Yinhe Venus 14, usw.) ist dabei eins der ersten und nach wie vor eines der beliebtesten Hölzer.

Es gibt zwar einige neue (und teure) Kunstfaserhölzer mit Zylon und anderen klingenden Namen, die top Spieler verwenden aber nach wie vor überwiegend ältere Modelle. Man hat den Verdacht, dass Hersteller die Neuheiten auf den Markt pushen wollen und daher die Vertragsspieler diese Hölzer bevorzugt spielen sollen, die Besten sich das aber nicht aufzwingen lassen und vielfach weiter die älteren Modelle spielen. Gerade im Damenbereich wird allerdings gerne "Innerforce" gespielt, also die Kunstfaser mittiger, das erreicht etwas weichere und eleastischere Hölzer.

Ohne Kunstfaser funktioniert aber genauso gut. Es ist zwar ein gewisser Trend zu Kunstfaser erkennbar, aber es gibt immernoch viele Spieler, die mit klassischen Hölzern sehr erfolgreich sind. Das Stiga Clipper, mit dem Ovidiu Ionescu vor kurzem Vize Europameister (im Finale gegen Boll) wurde, war auch schon in den 90er Jahren das meistgespielte Holz bei den Profis. Emmanuel Lebesson, der Europameister 2016, spielt ein Holz im klassischen Aufbau, das es übrigens für 24,90 EUR im Angebot gib. Auch viele top Chinesen spielen nach wie vor klassische "Voll"-Hölzer, u.a Xu Xin (Stiga Intensity NCT V) oder Ding Ning (Stiga Ebenholz NCT VII).

Fazit für Hobbyspieler

Man muss nicht unbedingt Schläger wie die Profis spielen, aber es hilft zur Orientierung. Es spielt eben kein Profi ein Balsa-Holz, niemand spielt einen leichten Schläger, niemand spielt außergewöhnlich dicke oder dünne Hölzer, sondern immer in einem recht ähnlichen Bereich um 90g schwer und 6mm dick. Auch die Beläge sind sich sehr ähnlich (relativ hart und spinnig). Für untere und mittlere Spielklassen sollte man m.E. einen Tick weniger steife Hölzer wählen als die Profis, sonst aber ähnlich. Da kann man sich auch gut am Damen-Profibereich orientieren, die spielen sehr ähnliches Material wie die Herren, im Schnitt nur minimal elastischer.

Es kommt m.E. bei Hölzern daher gar nicht so sehr auf irgendwas Besonderes an, sondern einfach nur, dass die ungefähr im bewährten Bereich liegen, um 85-90 g schwer, um 5,5-6 mm dick und Härte und Steifigkeit sollte im mittleren Bereich 4-5 liegen (vgl. Table Tennis Blades).
Ansonsten ist der Griff wichtig, der muss einem gut und rutschsicher in der Hand liegen und Schweiß gut aufnehmen.

Geändert von Hansi Blocker (18.10.2018 um 13:31 Uhr)
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